Vicky Cristina Barcelona

09.12.2008 Walter Gasperi

Um die Unwägbarkeit der Liebe geht es in Woody Allens erstem spanischen Film, der nicht nur als Hommage an Barcelona, sondern auch als federleichte Variation von Francois Truffauts «Jules et Jim» gelesen werden kann.


Seit mindestens dreißig Jahren gleich ist der Vorspann der Filme des am 1. Dezember 1935 geborenen Woody Allen. Mit weißen Titeln auf schwarzem Grund hebt sich «Vicky Cristina Barcelona» in seiner Schlichtheit von den meisten anderen Filmen der Gegenwart ab. War diesem Beginn bei den New Yorker-Filmen immer Jazz unterlegt, beim Londoner «Match Point» dann eine Opern-Arie, die schon auf das folgende Schwergewicht verwies, so stimmt hier die spanische Band Giulia y Los Tellarinis mit dem Song «Barcelona», der leitmotivisch immer wieder eingesetzt werden wird, schon auf die Leichtigkeit und die sommerliche Atmosphäre des kommenden Films ein.

Mit zwei jungen New Yorkerinnen, die einen Sommer in Barcelona verbringen wollen, führt Allen den Zuschauer in den Schauplatz ein und gibt auch die Perspektive vor. Allen übernimmt den Touristenblick von Vicky (Rebecca Hall) und Cristina (Scarlett Johansson) und feiert die katalanische Metropole, ihre Straßen und Cafés, Abendessen mit Rotwein und Gitarrenmusik im efeuumrankten Park, Gaudis «Sagrada Familia» sowie sein Park Güell und die Gemälde von Miro. Licht durchflutet und in warme Sommertöne getaucht ist nicht nur diese Eröffnung, sondern der ganze Film, der damit auch in Kontrast zu den drei düsteren im verregneten London entstandenen Filme («Match Point», «Scoop», «Cassandra´s Dream») steht. Gleichzeitig sorgt ein allwissender Erzähler immer wieder für Distanz und ironische Brechung dieser ebenso glatten wie kitschigen Oberfläche.

Der Off-Erzähler stellt auch die gegensätzlichen Frauen vor, charakterisiert Vicky als bodenständig, zielbewusst, kurz vor der Heirat mit einem langweiligen New Yorker Geschäftsmann stehend und Cristina als sowohl im beruflichen als auch im Liebesleben abenteuer- und lebenslustige, im Grunde unsichere Frau, die einzig weiß, was sie nicht will, nicht aber, was sie wirklich will. Geschaffen ist damit die Exposition für eine Reflexion über die Unwägbarkeit der Liebe, denn bald begegnen Vicky und Cristina dem Maler Juan Antonio (Javier Bardem), der sie direkt anspricht und zum Wochenendtrip nach Oviedo einlädt, wo man die Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten besichtigen, gut essen und trinken, aber auch Liebe machen könne.

Cristina ist fasziniert von Mann und Angebot, Vicky dagegen zunächst ablehnend, lässt sich aber doch zum Ausflug überreden. Nicht planbar ist freilich die Liebe und so entwickelt sich zunächst eine ménage à trois, die Vickys bürgerliche Lebenspläne zumindest im Innern gehörig durcheinander bringt. Zur ménage à quatre steigert sich dieses Beziehungsgeflecht dann, als auch noch Juan Antonios äußerst impulsive und suizidgefährdete Ex-Frau Maria Elena (Penélope Cruz) auftritt.

Locker und leicht inszeniert, mit Dialogen, die perfekt sitzen, und getragen von einem lustvoll aufspielenden Schauspielerensemble ist «Vicky Cristina Barcelona» ein schneller und höchst unterhaltsamer, zwischen Drama und Komödie balancierender Film, der hinter seiner scheinbaren Oberflächlichkeit und der Eleganz der Bilder von Kameramann Javier Aguirresarobe freilich wie stets bei Allen grundsätzliche menschlich-philosophische Fragen aufwirft. Wie beispielsweise in «Melinda & Melinda» in einer Versuchsanordnung durchdiskutiert wurde, ob das Leben tragisch oder komisch sei, so stellt Allen hier dem Pragmatismus Vickys die Offenheit Cristinas gegenüber, plädiert für die romantische Liebe, die auf lange Sicht betrachtet immer unerfüllt bleiben muss, da dabei zwar kurz Leidenschaft und Glück aufleuchten, bald aber Querelen und Schmerz folgen, und gegen ein nach Außen hin zufriedenes, aber langweiliges Leben, das in Wahrheit ein Gefängnis ist.

Gespielt wird dabei freilich auch mit dem Gegensatz von Amerikanern und Europäern, wird – Klischees zelebrierend ebenso wie ironisierend - amerikanischem Materialismus europäische Lebenslust gegenüber gestellt und schließlich auch der europäischen Filmgeschichte eine Reverenz erwiesen. Denn spätestens bei den zwei Fahrradausflügen von Juan Antonio und Cristina wird man sich an Francois Truffauts legendären «Jules et Jim» (1961) erinnern, mit dem «Vicky Cristina Barcelona» nicht nur diese Szenen, sondern auch der Off-Erzähler und die Leichtigkeit des Erzähltons verbinden. Und ganz im Sinne von Truffaut geht’s Allen letztlich in diesem Film natürlich auch darum schöne Frauen, schöne Dinge tun zu lassen.

Wird am Freitag, den 14.8. um 21.00 Uhr im Benger Areal in Bregenz

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