Das Gleiche ist nicht das Selbe und trotzdem wollen viele nichts wissen

04.01.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Ich erinnere mich, dass ich früher, ungestümer und zorniger, meist viel härter und rigider Positionen einnahm als in älteren Jahren. Letzteres nicht, wie ich meine, aus Indifferenz oder Schwäche, sondern wegen eines anderen, vertieften, komplexeren Verständnisses. Ich weiss noch, wie ich vehement die Bombennächte über Deutschlands Städten verteidigte, ja als Nachgekommener begrüsste, und die Frage nach den Zivilisten einfach nicht beachtete. Sie alle, die dort lebten, hatten, den «Umständen» entsprechend, auch mit dem Leben zu zahlen. Krieg ist Krieg, und die Alliierten «antworteten», wenn auch brutal oder gewisse Regeln und Konventionen missachtend. Aber der Feind, Hitler-Deutschland, hatte angefangen, beachtete selbst keine Regeln, war barbarisch.


Später sah ich das etwas anders. Deutschland war der Feind. Keine Frage. Aber die Rechtfertigung zu eigener Barbarei als Antwort auf eine, wurde mir inakzeptabel. Als Junger konnte ich das nicht absehen. Später erschrak ich ob meiner Borniertheit. Wenn man Menschenopfer so «rational» hinnimmt, hat man sich selbst schon in das anverwandelt, was man am Feind kritisiert und vorgibt zu bekämpfen.

Was ich über das Warschauer Ghetto las, erschütterte mich. Damals konnte ich die Feueropfer Hamburgs z.B. nicht (ähnlich) sehen. Ich hätte Hans Erich Nossacks Sätze über den Feuersturm nicht wahrgenommen. Später rührten sie mich auf - und nie kam die Gefahr der falschen, nachträglichen Wertverschiebung auf. Denn dass die Zivilisten Hamburgs nicht einfach Un- oder Untermenschen waren, die es wie Ungeziefer zu vertilgen galt im Flächenbombardement und in der höllischen Feuersbrunst, wie es Deutsche unternommen hatten, war klar geworden.

Der Kern dieses Denkens fand nach dem Krieg in der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte seinen Ausdruck.

Für mich ist kein Krieg gerecht. Kann es nicht sein. Trotzdem stufe ich in der Beurteilung und Bewertung ab: Verteidigung, Widerstand, Angriff. Was weshalb wofür wie. Aber nichts ist offensichtlich. Ausser dem Elementaren: wie wird mit den Zivilisten umgegangen? Heiligt der Zweck die Mittel? Nein!

In Ruanda und Burundi schlachteten, metzgerten junge Soldaten. Massakrieren als Krieg als Politik. In Ex-Jugoslawien führte der gesteigerte Nationalismus nicht nur zum Staatszerfall, sondern zu Massakern und Massenvergewaltigungen. Junge Soldaten, einmal sogar unter dem Kommando eines Psychiaters und Schöngeistes, erschossen Gefangene, fickten Weiber der schändlichen anderen Ethnie vergewaltigend blutig und verbrannten Dörfer.

In Tschetschenien bewiesen die hochgebildeten Russen, wie man mit Terroristen umgeht und auf sie eingeht, indem man sie niedermacht. Das Rechts war auf ihrer Seite. Das Recht ist auch auf türkischer Seite, wenn sie kurdische Dörfer zerbomben und Gefangene foltern. Auch die USA, immer noch Leitmacht, foltern Gefangene und zetteln Kriege an. Mit Präzisionswaffen werden aber «Kollateralschäden» erzeugt, die man in Kauf nimmt. Und Israel, seit seiner Installation 1948, dem Jahr der Deklaration der Menschenrechte, schert sich keinen Deut um die UN-Charta und Resolutionen. Israel versteht sich als superior, verweist auf seine grausige Geschichte und bombardiert Städte, tötet Zivilisten, foltert. Seit seiner Gründung befindet es sich im Kriegszustand und macht alle andern dafür verantwortlich. Die Kritik im eigenen Land vermochte bisher keinen nennenswerten Einfluss zu gewinnen.

Die Ähnlichkeiten der Haltungen und Ereignisse, von früher bis heute, sind frappierend. Die Sprüche vom Lernen aus der Geschichte sind überholt. Oder im umgekehrten Sinne zu verstehen!

Rund eineinhalb Millionen Paslästinenser quetschen sich in einem Grossgefängnis, das zwar grösser ist, als es das Warschauer Ghetto war, das aber dichter «bewohnt» ist. Es ist ebenfalls hermetisch abgeriegelt. Die IAF (Israel Air Force) bombardiert «gezielt», erzeugt aber, wie üblich, tödliche Kollateralschäden. Die IDF (Israel Defense Forces) «verteidigen» Israel, indem sie Terroristen jagen und dabei Kinder und andere Zivilisten töten, Häuser sprengen, Brunnen austrocknen, Land verbrennen. Und indem Israel eine grosse Mauer baut, viel viel länger und höher, als die Nazis in Warschau das Ghetto abschirmten. Nach der DDR-Mauer die längste «neue» Mauer.

Lew Kopelew hat darüber geschrieben, was es heisst, «Mitleid mit dem Feind» zu haben. In den aktuellen Kriegsgebieten scheint fast niemand sich dieser Gefahr auszusetzen.

Mir wurde gesagt, ich dürfe die israelische Mauer nicht vergleichen. Auch die ethnische Politik des Judenstaates darf nicht verglichen werden mit rassistischen Politiken, weil man damit unlauter Israel mit den Nazis gleichsetze etc. Dieser Humbug verhindert den Blick auf Sachverhalte und Geschichte. Er bewahrt vor Antwort und Verantwortung. Er ist völlig inakzeptabel.

Nichts, wirklich gar nichts, ist unvergleichbar. (Ohne Vergleich keine Kommunikation.) Ausser für religiöse Fundamentalisten, die das Absolute vertreten. Aber alle, die nicht für einen Gott sprechen oder vorgeben in seinem Auftrag zu handeln, also jene, die Menschen bleiben und verantwortlich sind, wissen, dass alles vergleichbar ist. Und dass kein Vergleich «gleich» setzt, weil es sonst nichts zu vergleichen gäbe. Ähnlichkeiten, die sich feststellen lassen, erzeugen nicht selbe Identitäten. Und ähnliche Züge weisen nicht auf ähnliche Ursachen und Entwicklungswege hin. All das kann gewusst werden, kann gelernt werden. Die Verhinderung dieses Wissens ist Ausdruck einer Machtpolitik, eines Kalküls.

Die Barbarei der Israelis in Gaza (nicht nur dort, aktuell aber besonders dort!) muss nicht nur verbal beantwortet werden. Eigentlich müsste die Europäische Union drastische Schritte gegen Israel setzen. Da die NATO ein Werkzeug der USA ist, kann diese für «Friedensmissionen» nicht eingesetzt werden. Aber Israel könnte auch mit konventionellen politischen Mitteln zur Räson gebracht werden. Ausser, man ist im Eigentlichen eins mit den Mördern und Besatzern. Man spendet etwas Geld an Palästinenser, unternimmt jedoch nichts gegen Israel, das ja eine tragische Geschichte hat, das «unbedingt» unterstützt wird...

Diese Feigheit und Verlogenheit empört mich zutiefst. Diese Verlogenheit und Falschheit führt ja auch zu europäischen Kriegsengagements, die völlig verfehlt sind, führt zu Unterstützungen von Staatsterror und Verfolgung. Das ist nicht nur ein moralisches Problem. Vielleicht werden wir, bei veränderten Machtverhältnissen in der Zukunft, dafür einen bitteren Preis bezahlen müssen. Ich fände es nur verständlich.

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