Worte

11.01.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Früher hatte es mich erstaunt, wie wache, politisch engagierte Denker in Kriegszeiten sich ihrer Dichtung oder Filosofie widmen konnten, wie sie trotz der bittersten Wirrnisse Zeit abtrotzten für ihre, wirklich «ihre» Gedanken, die dem tödlichen Kriegstreiben so entgegenstanden. Heute verstehe ich das Unterfangen. Sogar in Lagern hatten Verse als letzte geistige Nahrung gedient für Gefolterte, Geknechtete; und meist überlebte nur das Wort.


Wir leben in Kriegszeiten. Es wird schwieriger, in all dem Wulst von Dämpfmaterial und Oberflächenschutz Worte zu finden, die nicht leicht dahergeredet sind, nicht Geschwätz und Ablenkung, Zerstreuung, billiger Ausdruck eines unerkannten Verlorenseins. Ich verstehe den humanen, rettenden Fluchtversuch in die Sprache, das ureigenst Menschliche. Was sich abhebt vom Prefabrizierten, Stereotypen, Blöden, Gemeinen, Zynischen. Vom Standard der Verwaltetheit, der Verdinglichung.

Es war der letzte «grosse» Krieg, und Sartre dachte und schrieb über das Sein und das Nichts. Hätte er nur Pamphlete schreiben sollen? Es waren die Säuberungswellen im kommunistischen Zukunftssonnenstaat, als Ossip Mandelstam gegen sein Absterben anschrieb und starb. Aber seine Worte haben wir. 30 Jahre vor seinem Tod schrieb er, 1908, ein dreistrophiges Poem, das sich wie ein Programm liest (hier die ersten beiden Strophen):

Nur noch Kinderbücher zu lesen,
Nur noch Kindergedanken zu hegen,
Alles große ganz weit zu verwehen,
Aus tiefem Kummer stets aufzuerstehn.

Ich bin vom Leben so tödlich geschafft,
Dass ich von ihm nichts mehr annehmen werde,
Ich liebe jedoch diese kärgliche Erde,
Weil ich noch nie eine andere sah.

Seine Frau, Nadeschda Mandelstam, zeichnete in ihrer Autobiografie (Das Jahrhundert der Wölfe) ein erschütterndes Bild ihrer Zeit und ihres Landes. Ein Satz darin drückt die Hoffnungslosigkeit für die Opfer schneidend aus: «Wer die Luft des Terrors atmet, stirbt, auch wenn er zufällig am Leben bleibt.»

«..... Wir wissen
Von eurem Zustand nichts, als was wir hören
Durch andre; daraus magst du sehn, wie ganz,
sobald das Tor der Zukunft sich verschließt,
im Kreis des Heute unser Wissen stirbt.»
Dante: Die göttliche Komödie, aus dem ersten Teil (Hölle),10. Gesang

Wer heute solche Worte liest, lebt etwas länger weiter. Weshalb alte Texte lesen? Was haben uns Hölderlin zu sagen oder Swift, Montaigne oder Kleist, Büchner oder T. S. Eliot, Lasker-Schüler, Benn oder Celan? Was bringen eine Reise in «Das wüste Land» oder die Worte über «The Hollow Men»?

Wie kann eine Wahrheit Dantes sich mit einer Mandelstams kreuzen und vom Wüstenwissen Eliots bestätigt werden? «We are the hollow men / we are the stuffed men»... Wir sind des, unser Denken ist es. Für die Natur gibt es keine Wahrheit, keine Moral. Für uns gibt es sie. Für uns wirken Worte. Wir stammeln, keuchen, brüllen nicht nur, wir sprechen - nicht nur auch im Schmerz, sondern um über den Schmerz zu kommen, hin zum Land der Hoffnung, dort, wo der aufrechte Gang gefahrlos möglich ist, wo das Tor der Zukunft sich nicht geschlossen hat, wo wir nicht wie Josef K. vergeblich beim Türwächter warten.

Drum helfen gerade in düsteren Zeiten «hohe» Worte oft mehr, als blitzschnelle digitale Meldungen und smarte Kurzsätze.

«Es scheint mir, dass ich es aufschreiben muß, damit ich morgen weiß, dass es wahr gewesen ist.» Joseph Roth, aus: «Flucht ohne Ende»

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