Jedem den Seinen

18.01.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Mit dem abgewandelten Sprichwort (Jedem das Seine; suum cuique), das auf die Römerzeit zurückgeht (Cicero, Cato) wollten Tschibo und Esso gemeinsam für Kaffee werben. Es war politisch unkorrekt und die Werbekampagne wurde nach heftigen Protesten vor wenigen Tagen zurückgezogen.


Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland urteilte, wie die Frankfurter Rundschau am 13.1.09 berichtet, dass das entsprechende Plakat entweder «eine nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit» sei oder ein Beispiel «totaler Geschichtsunkenntnis».

Wie das? Die Nazis hatten den alten abendländischen Spruch verwendet und missbraucht. Er «zierte» das Eingangstor des KZ Buchenwald. Das verdarb den Spruch auf ewig. Das ist eigentlich verwunderlich. Typisch ahistorisch und fixiert. Sprache aber lebt. Das heisst, sie verändert sich. Wäre dem nicht so, hätte der ursprüngliche Bedeutungsgehalt aus der Römerzeit in der Nazizeit nicht verschoben werden können. Was negativ möglich war, ist auch positiv möglich. Sprachbedeutungen sind als kurrente, aktuelle gültig. Wir mögen zwar etymologisch auf Herkunft und Entwicklungsstadien verweisen, uns mag dieses Wissen helfen, aber es gilt der jetzige, gegenwärtige Bedeutungsgehalt.

Wie rechtfertigt der Vertreter des Zentralrates der Juden in Deutschland sein Verdikt? Durch einen Verweis auf die Tatsache, dass es noch Personen gäbe, die bei dem Spruch sofort an Buchenwald dächten, weshalb es, solange noch ein einziger daran denke, unmöglich sei, ihn zu verwenden.

Es beweist das Nichtanerkennen von Vergessen oder Veränderung. Dass weder die Werbetexter noch Auftraggeber sich Schlimmes dachten, wird nicht akzeptiert. Die Forderung gilt: sie hätten wissen müssen! Es geht um ein Muss! Nie vergessen! Wenn das aber die Sprachfixierung miteinschliesst, verweigert man eine lebendige Sprache mit ihrer verändernden Entwicklung. So paradox es klingen mag, dass viele mit «Jedem das Seine» oder, in der Abwandlung, «Jedem den Seinen» weder an Nazis, noch den Holocaust denken, kann auch positiv gewertet werden, ja muss so gesehen werden. Die Gesellschaft klebt nicht an Zeichen mit unveränderlichem semantischem Gehalt. So eine Sprache wäre zudem ein Unding.

Es verwundert auch, dass ein jüdischer Vertreter so argumentiert. Haben doch die Juden in der Bildung des jüdischen Staates Israel just jenes Zeichen verwendet und im Bedeutungsgehalt umgeladen, das im Nazireich ein Schandzeichen war: den Davidstern. (Es ist ein anderes Kapitel, wenn dieses Zeichen für die Opfer der israelischen Tötungsmaschinerie zum schrecklichen Zeichen des Bösen wurde, wie es für die früheren Opfer das Hakenkreuz geworden war.) Jedenfalls beweist die semantische Umpolung die Veränderbarkeit von Zeichenbedeutungen.

Etwas Aktuelles an diesem Minikonflikt und der inszenierten Empörung lässt aber aufmerken. Mit welchem Furor wird denn die «nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit» der Israelis beantwortet, die im Abschlachten von Palästinensern eine gerechte Verteidigung gegen Terroristen sieht? Welche Geschichtskenntnis waltet, wenn nicht bedacht wird, dass es gezielter, jüdischer Terror war, der zur Staatsbildung Israels führte? Usw. usf.

Es läuft auf Machtansprüche hinaus und politische Korrektheit als Mittel derselben. Und offenbar haben die jüdischen Kreise einen starken Einfluss, sonst würden sich nicht so viele ducken und kuschen. Das betrifft übrigens nicht nur Juden und Israel, sondern auch Muslime und Islamisten. Überall regieren Polizisten, brutale und «geistige», die fordern, dass dieses oder jenes nicht gedacht oder gesagt werde.

Dass islamistische Fundamentalisten etwas brutaler ihre Feinde heimsuchen, nicht nur Salman Rushdie, ist eine Seite, dass Israel, das sich die einzige Demokratie im Nahen Osten schimpft, selbst über gut eingerichtete Agenturen der Politischen Korrektheit Hetzkampagnen führt, ist leider die andere, schmutzige Seite.

Die Hardliner, seien es Islamisten oder Israelis, agieren in der gleichen Anmassung und Verachtung. Sie sehen sich superior und hetzen und jagen jene, die ihnen widersprechen bzw. die gewisse Symbole anders verwenden, als die tief verwundeten Seelen dieser Gruppen es fordern.

Bücher werden aus Verlagsprogrammen genommen, Bibliotheken gesäubert, Filme zensuriert oder nicht produziert, aus Angst, man verletzte eine radikale Gruppe. Unvergessen der schlimme Ausfall des israelischen Botschafters in Schweden, als er wütend, in heiligem Furor, ein Kunstwerk zerstörte, weil es seine heilige Nation beleidigte, wie er meinte.

Auf gleichem Niveau sind die Mordbuben der islamistischen Fraktionen zu sehen, die gegen Karikaturisten oder Autoren vorgehen, die ihren Allah oder seinen Profeten schmähen oder höhnen, wie sie meinen. Allein, dass es wieder so etwas Lächerliches wie Gotteslästerung gibt oder geben soll, zeigt den Niedergang unserer Gesellschaften, die einmal weiter waren als jetzt, wo Feiglinge in einem falsch verstandenen Kulturrelativismus sich allen anbiedern und Eigenpositionen verhindern oder ahnden, wenn sie nicht einem neutralen Allerweltsgehalt entsprechen, der nirgends aneckt. (Der ethnische Kulturalismus ist eine Form der Intoleranz und als Herkunftspartikularismus eine Abart des Rassismus!)

Nicht, dass ich mit einem naiven oder schwammigen Sprachgebrauch glücklich wäre. Aber sofort nach Polizei zu schreien und Zensur auszuüben, ist ein Schwächezeichen und eine Bankrotterklärung. Das hilft, um ein anderes Beispiel zu bemühen, auch den Feministinnen wenig, wenn sie zwecks Fortbildung der maskulinen Gesellschaft Sprachpolizei spielen und par tout gewisse Redewendungen und Sprachformen verbieten wollen.

Das Neudeutsch oder auch das Dummdeutsch, das Denglish und andere Pidginformen sind mir höchst unangenehm. Aber nie werde ich deshalb nach einer Sprachpolizei rufen, der bald die andere, «echte» Polizei folgt. Das ist der falsche Weg. Und bei den vordergründig kulturellen oder sprachlichen Problemen geht es oft eigentlich um politische. Aber auch anders herum. Wenn der Vertreter der Kultusgemeinde Wien von den Palästinensern in Gaza und der Hamas schlicht nur von Terroristen spricht, zeigt er nicht eine Sprachunempfindsamkeit, sondern eine politische Haltung, die die Barbarei unterstützt. Weil's halt eine ist, die «sein Land» unternimmt gegen den Feind.

Wie soll man mit solchen Leuten reden? Auf sprachpolitischer Ebene oder politischer? Hier zeigen sich namhafte Vertreter unempfindlich gegen Mord oder Krieg, nur weil er in IHR Konzept passt und fordern gleichzeitig Empfindsamkeit, Geschmack und Geschichtskenntnis, die sie selbst offensichtlich nicht pflegen, weil sie sonst nicht redeten, wie sie reden. Was für ein Widerspruch!

«Jedem das Seine» ist heute auf deutsch nicht aussprechbar. Lateinisch wäre der Spruch nicht verwendbar, weil ihn fast niemand verstünde. Dass er durchaus ohne negativen politischen Bezug deutsch verstanden worden wäre bzw. verstanden wird, erzürnt offenbar die jüdischen Vertreter. Sie pochen auf eine Fixierung, die ähnlich jener dummen ist, die Antisemiten auszeichnet: «einmal Jud, immer Jud», «einmal schuldig, immer schuldig». So einfach, so dumm. So unannehmbar.

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