Quervorausundhintendrein

25.01.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Das Expertentum müsste doch, denkt der leidgeprüfte Zeitgenosse, durch das tiefe, breite und allumfassende Versagen der Experten in Finanz und Wirtschaft, ganz zu schweigen von der Politik, aber auch in vielen Wissenschaften, in Verruf geraten. Die Leute müssten skeptischer werden oder etwas kritisch. Nichts dergleichen.


Krisen bedeuten Stress und der wirkt noch denklähmender, als der triste oder komplexe Alltag schwer benebelte. Man redet sich Lösungen ein, Hoffnungen, und will diese Schimmer nicht trüben durch kritische Fragen oder gar Konsequenzen, falls man draufkäme, woraus das Versagen oder der Betrug oder beides resultiert.

Der 44. amerikanische Präsident wurde erwartet wie ein Lichtbringer und seine Inauguration war, einer so alten Republik eigentlich befremdlich, eine Krönungsfeier, wie man sie in Führerstaaten oder Monarchien kennt. Die Massen blickten auf und lauschten: der Neue ist nicht nur Prediger, Profet, nein, er wird Gottkaiser, der endlich die Wende bringen soll. Evangelischer, messianischer Geist: die Schafe scharen sich um den Hirten.

Während hier fast alle voraus blicken, suchen Agenturen jene Querdenker, die aus dem Quer nicht Querulieren oder verquertes Blockieren ableiten, sondern einen Umweg zum Vorwärts, den die Gesellschaften dringend suchen, und der als Umweg kürzer, avantgardistischer sein soll. Ein modisches Unding, das nicht nur Sprachunkenntnis belegt, sondern eine Selbsttäuschung oder Verlogenheit anzeigt.

Als unsere Gesellschaften fast homogen waren, stark nach einer Wertelinie ausgerichtet, machte die Übernahme des militärischen Begriffs der Vorhut Sinn. Nie konnte gemeint sein, dass die Vorhut eine Querhut oder Hinterhut hätte sein können oder sollen. Das «Vor» bezog sich auf die Hut und die Richtung des Unternehmens, Projektes. Die Vorhut war Teil des Ganzen und nicht losgelöst. Denn losgelöst wäre die Vorhut nur «Vor» gewesen und so untauglich wie ein Kopf ohne Leib: eine körperfeindliche Fantasie fantasieloser Science Fictionists.

Trotzdem werben manche Firmen um sogenannte Querdenker. Oder sie preisen ihre Offenheit und Innovationsfähigkeit an mit Verweis auf Querdenker, die sie teuer eingekauft haben und beschäftigen.

Wenn ein Querkopf mit seinem Querdenken sein Querhandeln erfolgreich zum Querziel führt, kann das nur heissen, dass das eigentliche Ziel ein falsches war, die Vorausrichtung falsch war, das ganze Unternehmen falsch ist. Sonst könnte das Quer gegenüber dem Ganzen nicht positiv sein. Der Kontext, das Umfeld bestimmt die Bedeutung. Interessant, dass Querdenker nicht erröten ob ihres queren Denkens, sondern allein schon in der Reduktion auf «Quer» eine Adelung sehen, ähnlich wie beim missverstandenen Qualitätsmanagement, wo Qualität als Eigenwert erscheint und man nur noch von Qualität redet, nicht aber, welcher. Aber Qualität ist kein Eigenwert, genauso wenig, wie Quer und Querdenken.

Das Quer misst sich am Allgemeinen, am Vorgegebenen. So, wie die Minorität der Majorität bedarf, um als solche erkannt und bewertet werden zu können, weil sie sonst weder das eine, noch das andere sein könnte, so bedarf die Abweichung, das Quere, des Unterschieds.

Weshalb werden nicht Konsequenzen gezogen aus der Erkenntnis, dass Querdenker mit Querdenken und -handeln zum Erfolg führen? Also nicht: vorwärts! Kein Fortschritt, sondern Querschritt. Hätte uns das die Finanzkrise erspart?

Wenn jemand meint «ja», bedeutete das, dass die reguläre, allgemeine Ausrichtung und Praxis, also das herrschende Orientierungs- und Handlungswissen, falsch lagen und ein anderes Wissen samt Praxis, nämlich ein queres, erfolgreich gewesen wären. Das hiesse, dass die tradierten Werte, die gepredigten Tugenden, die beschworenen Gesetze des Handelns alle falsch waren. Doch worin unterscheiden sich denn die Querdenker? Hätten die queren Finanzhaie, Spekulanten, Mafiosi und verbrecherischen Profiteure und Kriegsgewinnler anders kriminell gehandelt für ihre Profite? Worin hätte das quere Verbrechen sich unterschieden vom regulären? Oder meint wer gar, Querdenken hätte das verhindert? Querdenken hätte zum paradiesischen Zustand lauterer Geschäftigkeit geführt?

Es scheint, als ob die Altvorderen mit den Junghinteren und Dummblöden wieder jene Schafe für blöd verkaufen, die einmal voraus schauen, aber benebelt, gläubig, schafig-hirtig, ein andermal eingeladen und animiert werden, quer zu blicken, als Querschafe sich abzuheben zu Querdenkern, zu Avantgardisten, die in der Masse der Regulären sich leuchtend hervortun.

Wenn solche Querdenker neue Waffen finden für noch schnelleres, «saubereres» Töten, ganz im Sinne der alten Vorwärtsorientierung, wird das als Innovation gepriesen. Jene Denker, darunter sogar einige wenige Politiker, die wirkliche Änderungen fordern, werden nicht als Querdenker bezeichnet, sondern als Abnorme, Hinterwäldler, Extremisten, Radikale denunziert. Denn es geht um den Schein, um das «Als ob». Je erfolgreicher ein Querdenker heute ist, desto systemintegrierter. Die reale Abweichung, die wirkliche Kritik wird verhindert.

Deshalb werden keine wirklichen Konsequenzen aus den Versagen der Experten gezogen. Weder hinsichtlich der Energieversorgung, des Verkehrs, noch der Bildung und Forschung. Im Gegenteil: man stützt mit Milliarden Euros und Dollars das alte korrumpierte System, man steigert den Konsum, man nimmt alte AKWs in Betrieb, man führt Krieg. Irgendwo was quer?

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