Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

27.01.2009 Walter Gasperi

Weniger eine Geschichtslektion als vielmehr ein ungemein spannender und perfekt aufgebauter Thriller ist Bryan Singers Film über das missglückte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Nichts weiter als Vorbereitung, Ausführung und Scheitern des Attentats interessiert Singer, zur Bewusstmachung und intensiveren Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen kann und wird der Film aber allemal anregen.


Schon die Dreharbeiten im Berliner Bendlerblock, von dem aus der Umsturzversuch, der auf den Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 folgte, organisierte wurde und in dem die Attentäter hingerichtet wurden, brachte den Film im Sommer 2007 in die Medien. War es manchem schon zuviel, dass der bekennende Scientologe Tom Cruise den Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielte, so wurde jetzt auch noch an historischer Stätte gedreht.

Auch wenn die Ereignisse um das Hitler-Attentat zuvor schon 14 mal verfilmt wurden, sah man Bryan Singers Version aufgrund seiner Produktionsgeschichte, wohl aber auch aufgrund der Filmographie des Regisseurs, der mit dem Thriller «Die üblichen Verdächtigen» bekannt wurde und sich darauf auf Comicverfilmungen spezialisierte («X-Men», «X-Men 2», «Superman Returns») mit besonderer Anspannung und schlimmen Befürchtungen entgegen – und wird nun positiv überrascht.

Für geschichtliche Hintergründe interessiert sich Bryan Singer wenig, kümmert sich nicht um die Biographie Stauffenbergs, sondern lässt ihn praktisch aus dem Nichts 1943 im Nordafrikafeldzug auftauchen und bereits ins Tagebuch notieren, dass angesichts von Angriffskrieg, Massenmord an den Juden und Massakern der deutschen Wehrmacht Hitler beseitigt werden müsse. Eine Wandlung macht dieser Stauffenberg nicht durch. Vom ersten Moment des Films an leitet ihn nur der Gedanke Deutschland von Hitler zu befreien und Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten aufzunehmen. Als Mann, der stoisch und schnurgerade seinen Weg geht, der emotionslos tut, was getan werden muss, legen Singer und Cruise Stauffenberg, der damit zwangsläufig eine eindimensionale Figur bleibt, an.

Akribisch, wenn auch mit künstlerischer Freiheit wird in der Folge dann auch von Vorbereitung, Durchführung und Scheitern des Attentats und des Umsturzes, der in der Folge unter dem Namen «Operation Walküre» initiiert werden sollte, erzählt. Was nicht zu diesen Ereignissen gehört, wird ausgespart, die Figuren bleiben auf die Funktion innerhalb des Unternehmens beschränkt, werden nicht als komplexe Charaktere gezeichnet und auch die Schilderung von Stauffenbergs familiärer Situation wird auf wenige, aber prägnante Szenen reduziert.

Das Wunder ist dabei, wie spannend dieser Film von der ersten bis zur letzten Minute ist, obwohl sein Ausgang jedermann klar ist, und wie meisterhaft es Singer gelingt einzelne Szenen wie beispielsweise den vorangehenden Attentatsversuch in Smolensk, das Treffens Stauffenbergs mit Hitler im Berghof oder die Ereignisse vom 15. Juli 1944 zu verdichten.

Nicht nur Geschichte rekonstruiert, sondern auf aufregende Weise interpretiert wird hier, wenn die Fernschreibezentrale zum entscheidenden Raum wird und letztlich nicht Stauffenberg oder Hitler, sondern ein Beamter mit dem Satz «Lassen Sie alle Meldungen aus der Wolfschanze durch und schneiden Sie Stauffenberg von der Kommunikation ab» das Scheitern des Aufstands besiegelt wird.

Kein Bild zuviel, keinen Ton zuwenig hat «Operation Walküre», schlackenlos und trocken inszeniert ist das abgesehen vom Finale, in dem kitschige Musik zur Hinrichtung und die dem Abspann unterlegte Vertonung von Goethes «Über allen Gipfeln ist Ruh» die Attentäter süßlich verklärt. Davor aber besticht dieser Film, denn wie hier die geschichtlichen Ereignisse vielleicht auch fiktionalisiert, vor allem aber auf ihre Essenz reduziert werden und ein Musterbeispiel für ökonomisches Erzählen präsentiert wird, in dem ein Rädchen perfekt ins andere greift und der Regisseur immer souverän seinen Stoff im Griff hat und das Tempo kontrolliert, steht ganz in der Tradition des klassischen Hollywoodkinos.

Keine äußere Action und keine großen Explosionen sind hier nötig, schier atemlose Spannung entwickelt «Operation Walküre» allein aus der schnörkellos erzählten Geschichte. Über den Nationalsozialismus an sich erfährt man freilich wenig und der Plot könnte in leicht adaptierter Form problemlos ohne den historischen Hintergrund in fiktivem Kontext als Gangsterfilm über einen großen Bankraub erzählt werden, doch nicht zu übersehen ist, dass dieser Thriller zur eingehenderen Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen anregen kann und wird.

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