Das Schweigen

01.02.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Schweigen ist nicht nur Nichtkommunikation. Ist mehr, als nur ruhig, still, inaktiv sein. Es ist immer bestimmt vom vorherigen Nichtschweigen. Schweigen kann nur, wer kommunizieren könnte oder sollte. Jemand oder etwas, das nicht ist, kann nicht schweigen.


Die fast paradox anmutende Tatsache, dass weder die Natur schweigt, noch das Tote oder das, was wir kulturell „Tod“ nennen, auch nicht die unendlichen Räume des Kosmos, irritiert. In einem verdeckten, aber immer noch herrschenden Animismus anthropomorfisieren wir, was wir nicht vergöttlichen, und können oder wollen uns schier nichts vorstellen, was nur ist. Also legen wir hinein, symbolisieren, und lesen heraus. Es spricht der Stein, der Berg, der Fluss, der Mond, die Sonne. In anderen Sprachen sind es die Mond und der Sonne, die Fluss und die Meer. Und wenn sie nicht sprechen, schweigen sie. Die Mythen versiegen nicht, sie werden am beredten Schweigen erhalten.

Aber der Kosmos schweigt nicht, auch nicht der Berg. Nichts davon redete je. Seit je belebte der menschliche Sinn die Umwelt. Und die Toten, die er verbrannt oder begraben hatte, liess er als Geister reden oder Seelen, arme oder heilige. Immer schwingt im Glauben an Schweigen der Glaube an Reden, an Leben mit, schlussendlich eben das unvergängliche Leben der Unsterblichkeit.

Es gibt keine Erfahrungswerte des Todes. Kommunizieren können nur lebende Systeme. Auch der Mensch kann nur lebend wahrnehmen, verarbeiten, wiedergeben. Der Tod ist das Ende des Lebens, der Erfahrungsmöglichkeit. Er ist jenseits, weil er Jenseits ist. Bis zur Grenze. Darüber nicht mehr. Lebenserfahrung ist nicht nur möglich, sondern bedingt gegeben. Leben bedeutet erfahren. Es gibt keine Todeserfahrung. Auch wenn sich die ängstlichen Seelen dies wünschen, weil sie den Tod einfach nicht zur Kenntnis nehmen, ihn umtaufen und sagen, er sei nur Schlaf, Hades- oder Brückengang, Leiteraufstieg ins himmlische Reich oder etwas Ähnliches. Drum muss der Tote schweigen, weil er nicht nur redete, sondern wieder reden wird. Aber er redet nicht wieder. Kein Gott redete je. Es waren immer Kranke, Verwirrte, Wahnsinnige, Ekstatische, ausser sich Gerückte, die meinten, Geister von Toten hätten zu ihnen gesprochen oder gar, welche Anmassung!, einer der Götter, eine der Göttinnen, später, im Monotheismus, DER Gott.

Erfahrung braucht, wie Denken, wie Bewusstsein, einen Gehalt, der gewusst (be-wusst) oder erfahren werden kann. Man kann nicht nichts denken, so, wie man nicht nichts erfahren kann. Man kann sehr wohl nicht denken oder etwas nicht erfahren. Das sind Partikularitäten. Aber zu meinen, man hätte das Nichts gedacht ist ein Widersinn, ist eine metaforische Hilfe im Denkkonstrukt um das Sein und sein Gegenüber, dem Nichtsein. Das Nichtsein ist konstruierte Annahme aus der Erfahrungsmöglichkeit des Seins. Wäre das Nichtsein erfahrbar, wäre es nicht Nichts, sondern eben Sein.

Um von etwas Abwesendem denken oder sprechen zu können, muss die Existenz dessen, was nicht anwesend ist, gekannt werden. Es müssen zumindest Spuren (Indizien, Indices) vorhanden sein, die auf eine frühere Anwesenheit (= Existenz) schliessen lassen. Was nicht war oder was nicht ist, kann nicht abwesend sein, weil es nie anwesend war. Tote waren einmal Lebende, sonst nennten wir sie nicht Tote. Wenn wir sie nicht gekannt hätten oder keine Kenntnis von ihrem Leben hätten, sprächen wir nicht von ihrer Existenz und von ihrem Tod. Ohne Existenz hätten sie nicht sterben können, wären sie nicht Tote. Die können als Tote nicht mehr schweigen. Als Lebende haben oder hätten sie das gekonnt. Noch extremer ist es mit allem, was nicht ist, was (noch) nicht existiert. Das kann weder kommunizieren, noch schweigen.

Die „einfachen“ Fälle des Alltags sind spannend genug. Wir unterscheiden ein Schweigen als Kommunikationsakt. Dann ist Schweigen intendiert. Und eines, das wir attributieren, zuschreiben, hinein interpretieren in eine bestimmte Kommunikation. Aber dieser Gebrauch ist schon verzerrt, höchstens metaforisch, umschreibend tauglich. Er trifft das Eigentliche nicht ganz. Er drückt auch eine Anmassung, eine Selbstherrlichkeit aus. Damit jemand anderer mir gegenüber schweigt, muss ich als Kommunikationsteilnehmer in sein Kommunikationsfeld geraten sein und damit meine Position selbst schon als Teilnehmer verändert haben. Das ist nicht immer und überall der Fall. Blosse Anwesenheit ist noch nicht Positionseinnahme im Kommunikationsfeld. Ausser man nimmt an, dass Anwesenheit, ja Existenz, schon die Besetzung des Kommunikationsfeldes ist, weshalb das Nichtkommunizieren als Schweigen zu deuten wäre. Eine Vermessenheit egozentrischen Denkens. Sie lässt dem andern keine Wahl. Wo keine Wahl herrscht, existiert keine Freiheit. Jene, die also annehmen, dass jeder, der nicht mit ihnen kommuniziert, schweigt, verweigern diesen die Freiheit der Wahl, erst gar nicht in eine Kommunikation einzutreten.

Einige begründen das mit der Binsenwahrheit, wir könnten nicht Nichtkommunizieren. Das ist zu simpel. Klar, wenn ich den Begriff so weit fasse, dass Existieren Kommunizieren bedeutet, kann, solange die Existenz ist, nur kommuniziert werden. Eine banale Tautologie. Jenseits der möglichen metaforischen Bedeutungen jedoch, auf Kommunikationskate bezogen, gibt es ein Nichtkommunizieren, das nicht Schweigen ist. Jemand muss nicht nur in mein Gesichtsfeld getreten sein, sondern ins Kommunikationsfeld, das heisst, ich muss ihn als möglichen Kommunikationsteilnehmer erkannt haben, damit ich wähle, ob und wie ich kommuniziere.

Ein praktisches Beispiel. Sie sind in einer belebten Strasse. Viele Menschen treten kurz oder länger in ihr Gesichtsfeld. Sie kommunizieren als Verkehrsteilnehmer verschieden intensiv. Hängt von der Distanz ab, den Verkehrsbedingungen, der Verkehrssituation und ihren Intentionen (z.B., ich suche niemanden, den ich ansprechen möchte, sondern will von A nach B). Aber deshalb sind sie zu den andern nicht schweigsam, dass jemand sagen könnte: Der X war wieder schweigsam. Hätten sie mit allen reden sollen? Seitens des Kommunikators hängt Schweigen von der Intention ab. Schweigen ist aktiv. Beim Kommunikanten hängt die Interpretation von Nichtkommunikation als Schweigen davon ab, wie weit er „berechtigte“ Annahmen hat oder haben kann, dass er jemanden überhaupt als Kommunikator sieht und deshalb erwartet bzw. erwarten „darf“, jener sollte anders als schweigend kommunizieren.

Über Schweigen kann man nicht schweigend kommunizieren. Sonst wäre diese Seite leer geblieben. Aber nur im Kontext sonst beschriebener Seiten (schriftlicher Niederschlag sonstiger Rede) entspräche die leere Seite Schweigen. Sonst wäre sie bloss ein leerer, noch nicht besetzer und aktivierter Datenträger. Dass dem Bedeutung zugeschrieben werden könnte, ist offensichtlich. Aber von anderer Qualität.

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