Aggressive Roheit

08.02.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Aggressives Verhalten ist öfter ein Zeichen von Abwehr, resultierend aus einer tiefsitzenden Angst oder Furcht, ein Zeichen von Schwäche. Roheit, Unduldsamkeit, früher simpel als Barbarei oder Unbarmherzigkeit gesehen, entstammen der gleichen Quelle. Man richtet sich ein, in SEINER Welt, macht sich unempfindlich für das Andere, das Feindliche, spricht dem Lebensrechte ab, anerkennt kein Leiden, deutet alle Zeichen anders. So grinsen auch Wehleidige bei Folterungen von Feinden. So pseudorationalisiert ein perverses Abstrahieren das Quälen und Massakrieren von Feinden. Kein Mitleid mit dem Feind! Wenn wir uns nicht wehren, machen sie uns fertig. Besser, wir machen sie fertig. Eine alte Ideologie. Immer noch gültig.


Zwei Aspekte an dieser empörenden Haltung fallen auf: die anerzogene Unempfindlichkeit. Dank Abstraktion können sonst liebe, nette, gescheite Mitmenschen monströs barbarisch handeln und kriegsverbrecherische Aktionen gutheissen, ja für notwendig richtig und korrekt erkennen. Ihren Gegnern, ihren Opfern schreiben sie allerdings diese Rechte nicht zu. Recht degeneriert auf Macht im Ausdruck der Gewalt. Auch wie früher.

Wer sich die Gründermythen der Vereinigten Staaten von Amerika ansieht, erschrickt ob der simplen Logik, mit welcher die Eingeborenen als Untermenschen getötet, vernichtet, aufgerieben wurden. Lauthals und gut inszeniert wurden fremde Riten gegeisselt und als Beweis von Vertierung und Barbarentum gezeigt, Rechtfertigungen für die «Erlösung» dieser armen Heiden. Die Verfolgungen seitens der Europäer, die in der neuen Welt Fuss fassten, wurde rationalisiert, begründet, belohnt, gepriesen.

So arbeiteten alle Kolonialisten: die Araber, die Europäer, aber auch die Mongolen, als sie kriegerisch auszogen und alles unterwarfen, bis ihre Kraft erlahmte. Keine Eroberung war «friedlich». Alle Kriegsherren waren Mörder und barbarische Unmenschen. Das ist es, was heute noch fasziniert. Hierin sehen viele einen Mangel in der Demokratie, weil das Führertum, wird die Demokratie tatsächlich gepflegt, verunmöglicht wird bzw. nicht mehr vonnöten ist. Neben viel Kritik gibt es auch viel Komplizenschaft und Bewunderung für Führer à la Busch, die trotz der so genannten demokratischen Einrichtungen ihren Willen, besser-schlechter gesagt «Unwillen», durchzudrücken vermögen.

Und es überrascht nicht, dass Väterchen Stalin für Millionen noch ein Halbgott ist. Bei Hitler tun einige es sich schwerer. Aber sie finden Ersatz. Z.B. im Staate Israel, der reichlich Stoff für Mythen liefert – und für die Ventilation von Angst und Hass. Die Bewunderung für Israels beispiellos harte Kriegshaltung, seine Serie militärischer Erfolge, seine Unbeugsamkeit, seine Unerschrockenheit und Nichtbeachtung internationaler Regeln rufen besonders bei jenen Respekt und Bewunderung hervor, die einen einzelnen Führer nicht anhimmeln können oder dürfen. Israel ist ein Sonderfall: wird als Demokratie gesehen und liefert 1001 gute Gründe für seine Dauerkriege und seine Ablehnung des Völkerrechts. Wie anno dazumal gelten Verträge nichts, wenn sie ihnen nicht selber nützen, werden Vereinbarungen nicht eingehalten oder willkürlich ausgelegt. Die frappante Ähnlichkeit zu historischen Vorbildern ist so nah und stark, dass vieler Barbaren dunkle Herzen stark klopen, denken Sie an Israel in der Nacht. Sie sind dann nicht um den Schlaf gebracht, sondern um gewisse Sorgen und freuen sich, dass die Barbaren, die Dreckaraber, die Palästinenser, die Terroristen, eine drauf kriegen.

Auch hohe Priester der Menschlichkeit, des Gutmenschlertums, die sich als Achse des Guten verstehen, beweisen tagtäglich die vernünftige Relativität dieser Wahrheit. Henryk Broder erklärt dem früheren Wendehalsaussenminister Joschka Fischer, warum Israel KRIEG führen MUSS, während die Araber jederzeit den Krieg beenden, die Waffen niederlegen könnten. Es ist eine tödliche Logik: weil wir sonst vernichtet werden, vernichten wir. Und so geht das schon seit der erzwungenen Staatsgründung 1948, die selbst nur durch Bruch von UNO-Grundrechten möglich war. Aber es ging nicht um Recht, es ging um Macht. Und weil die Israelis das kapierten, daher vor der Staatsgründung mittels mörderischem Terror «operierten», danach, belohnt mit einem Staat, mittels Staatsterrorismus, der immer mehr Unterstützung erlangte. Man verstand ja die Logik: wenn nicht sie, dann sie. Also: besser die anderen.

So eine Haltung färbt auf die Kultur ab, auf das öffentliche Befinden. Es gibt sogar oder auch in Israel Kritik. Aber sie ist Sache einer nicht massgeblichen Minderheit. Sie ist ohnmächtig wie die antinazistische in Hitlerdeutschland war. Die Mehrheit macht sich keine Bilder. Sie denkt kurz. Sie empfindet kein fremdes Leid. Der Feind muss vernichtet, vertilgt werden. In keinem zivilisierten Land der Erde, nicht einmal im Serbien der ethnischen Säuberungen wurde oder wird so roh, brutal, barbarisch mit dem Feind umgegangen. Alle Scheusslichkeiten werden subsumiert und als eine Art Kollateralschaden abgebucht. Sie sind selber schuld, weshalb sind sie nicht weggezogen, weshalb erheben sie Ansprüche? Weshalb leisten sie Widerstand? Der Widerstand wird als krimineller Terror denunziert und von einem Grossteil der zivilisierten Welt so gesehen verurteilt. Die Mörder haben freie Hand.

Ich frage mich manchmal, was wohl heute ein Klemperer oder Adorno schrieben, müssten sie das miterleben. Drinnen oder draussen. Was würde eine Arendt sagen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so verblendet und borniert geworden wären, um einem Unmenschen mit weisser Weste, einem zivilisierten Barbar á la Broder zu entsprechen. Aber wo sind die gegenwärtigen Stimmen? Sie sind so leise und versteckt, dass man sie suchen muss. Hoffentlich ändert sich das.

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