Kunstverlogen

15.02.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Kunst ist Ware. Marktprodukt. Profitabel. Zumindest gute Kunst ist gutes Geschäft. Auch wenn einige alte Kritiker oder Laien das Gegenteil behaupten. Die Fakten sprechen nicht nur für sich, sondern für die Wahrheit des Marktes und des Geschäfts.


Kunst ist, als Ware, käuflich und verkäuflich. Wie alles. Kunst ist instrumentalisierbar. Nicht nur in Diktaturen, nicht nur damals, sondern auch heute. Besonders im Kapitalismus. Daran ändert auch nichts, wenn einer der erfolgreichsten Künstler, Gerhard Richter, selbstkritisch bemerkt, dass er die gegenwärtigen Preise für Kunstwerke, seine miteingeschlossen, obszön findet. Die Sammler, die Händler interessiert nicht private Moral. Es interessiert nur das Geschäft.

Und alle, die am Markt mitmischen, machen Geschäfte. Nur so bleibt der Kreislauf in Bewegung, nur so werden Investoren attrahiert, nur so können Direktoren und Kunsthändler erfolgreich «arbeiten». Arbeit macht frei, künstlerische Arbeit ganz besonders.

Die gegenwärtige Krise griff und greift auch den Kunstmarkt an. Hier übersetzen einige Massenmedien das Wehklagen bestimmter Verlieren besonders stark. Sie wirken als Verstärkeranlage eines inszenierten Chors. Dabei ginge es nur um die Kehrseite. Ich sage «ginge», denn auch in der Kunstwelt wird die Reinigung durch einen allumfassenden Zusammenbruch verhindert. Es gibt kein Aufräumen, kein Neubesinnen. Es gibt ein Restaurieren und Weitermachen. Zugunsten der Kapitalisten, der Profiteure, der obszönen Preismacher. Der Kriegsgewinnler. Auch an den Kunstkriegsfronten.

Neu ist vielleicht, dass im Chor der Unverständigen auch Fachleute mitstöhnen und jammern, von denen man Realismus erwartete. Besonders peinlich der Aufschrei des Mr. Michael Rush, Director des Rose Art Museum der Bostoner Brandeis University, die Ende Jänner beschloss, das weltberühmte Museum zu schliessen. Der Herr Direktor kommt plötzlich, konfrontieret mit den Kehrseiten des Marktes, des Kapitalismus, im Land der unbeschränkten Möglichkeiten, zu einer Wahrheit, die keine wird, auch wenn man jammert: «Art cannot be treated as a liquid asset.» Kunst sei keine Ware. Was sonst? Kunst sei edel, quasi-regligiös und anderer Tineff betont der Experte und profezeit, dass die Käufer, falls sie beim Verhökern was erstehen, Objekte kaufen, «marked with the blood of this ill begotten action». Befleckungsdenken eines Verwirrten.

Da staunt der Laie oder anders denkende Experte. Blutrachedenken, mittelalterliche Verfluchungen seitens eines Direktors, dem die Realität den Teppich unter den teuren Schuhen wegzieht? Verlogenheit bis ins Mark!

Ich habe Herrn Rush nie sich aufregen gehört über die hohen Preise, über die instrumentalisierten Lizitierungen der mafiotischen Kunstwelt. Er hat(te) einen gut versorgten Job und wiegte sich vielleicht in der Illusion einer Kunstinselwelt. Ein Trottel, wenn er wirklich so blöd dachte, wie er jetzt keucht. (Alles und vieles mehr nachlesbar in der Homepage der Universität und des Museums.)

Schade, wenn das Museum vielleicht doch noch gerettet wird. Schade, wenn die Krise nicht drastischer einbricht in diese verlogene Welt von Täuschenden und Getäuschten, die um des Geschäftes Willen von höheren Werten jenseits eines Marktes schwätzen, den sie tagtäglich mit ihrer Arbeit bedienen und damit alles Lügen strafen, was sie vorgeben, wenn sie es vorgeben.

Es gibt keine warenlose Kunst. Das, was es warenlos gibt, hat auf dem Markt keine Existenz. Es mag, paradoxerweise, Kunst geben, die keine Ware ist. Sie ist jedoch irrelevant. Privat. Sie ist nicht Marktteil. Alles, worum es geht, ist Teil des Marktes, der Auktionen, der Verkäufe, des Austausches. Die Täuscher, die so tun, als sei es anders, sind entweder doppelte Betrüger oder Deppen. Ich vermute, sie sind feige Wendehälse, die so tun als ob.

Wenn dieser verlogene, obszöne Zirkus zusammenbricht, indem die hochgeblasenen Werte zerbersten, dann um so besser. Was für eine Kulturtat, wenn tausende von Millionen, die bisher über Auktionen er- und versteigert wurden, nicht mehr zu lukrieren sind! Wenn einfach nicht mehr gezahlt werden kann, was zuvor hochgetrieben worden war. Das hat nichts mit Gerechtigkeit oder Demokratisierung zu tun. Das wäre infantiler Blödsinn. Es hätte nur mit einer kleinen, nicht geplanten Änderung zu tun, einer Art Bereinigung. Zu wessen Gunsten? Keine Ahnung. Jedenfalls wären die Verluste so virtuell und irreal wie die bisher zugeschriebenen Werte.

Und wenn ein nackter Kaiser als kleiderlos erkannt wird, ist das doch eine schöne Inszenierung, nicht? Ich für meinen Teil freute mich riesig ob der verdutzten Visagen der Spekulanten, wenn ihnen der Stoff, mittels dessen sie den Markt kontrollieren, zwischen den spitzen Fingern zerrinnt, wenn Depots plötzlich nicht mehr Werte beinhalten, die zuvor horrende Versicherungssummen verschlangen, wenn Direktoren keine überteuren Ausstellungen mehr organisieren können, nur noch «teure» etc. Wenn die Profite evaporieren. Welche Künstler nähmen Schaden? Koons, Richter, Hirst? Mir kommen die Tränen.

Vermutlich wird es dazu ebenso wenig kommen, wie es zu keiner Änderung des ausbeuterischen Kapitalismus kommt. Zu viele wichtige Interessen stecken dahinter. Der Staat tritt als offener Räuber auf und tut, was er immer schon, verdeckt, tat: er raubt und verteilt. Er droht oder er schlägt zu. Mittels Polizei oder Armee.

Am Kunstsektor wird es ein paar kleine Affärchen geben, aber keine Änderung. Ich lasse mich gerne belehren: wenn die Versteigerung der Objekte des Rose Art Museums zu einer Auktionskrise führen, wenn Manager grosser Museen und Galerien plötzlich keine Budgets mehr haben um im internationalen Kunstgeldhandel zu spekulieren, wenn plötzlich so viele Objekte auf den Markt geschmissen werden, dass die Preise purzeln, dass Galerien bankrott gehen und Gewerkschaften aufschreien, wenn man just diesen Geldvernichtern Millionen zuschiebt, damit sie weiter teuere Kunstfeste ausrichten können. Erst dann, wenn ein Grossteil der Kunstmafia eingeht, ändere ich meine Meinung und werde erstaunt sein. Bis dahin bleibe ich skeptisch und vermute, dass die Verluste nur kleine sein werden. Und alles weitergeht, wie bisher. Im Namen der Kunst. Und damit ein paar Täuscher von höheren Werten unserer Kultur plappern können.

Schade. Und dabei versprach die Krise ein paar aufregende Performances ausserhalb der Planspiele der Mafiosi.

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