Trügerische Sicherheit

22.02.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

In unsicheren Zeiten wächst der Wunsch nach Sicherheit besonders stark. Viele, allzu viele, neigen leichter zu Wunderglauben, sehen im starken Mann, dem Führer, dem Vater, das Heilsversprechen gewährleistet, ergehen sich in brünstigen Glaubensvorstellungen, die mit dem Realitätsdruck in einen Wahn sich steigern, der aber nicht als Krankheit oder Gefahr gesehen wird, sondern als Stärke: Ich, Gläubiger, versetze Berge und bin unverwüstlich, unsterblich.


Aus der tiefen Angst wächst die Vermessenheit. Ab einem bestimmten Grad produziert sie Taten, die tödlich, vernichtend sind. Die werden dann aber gegnerischen Kräften, Teufeln, Ungläubigen usw. zugeschrieben. Der Extremist, der sich als tugendhaft geprüften Hiob sieht oder versuchten Abraham oder sonst eine Jammerfigur, als Stellvertreter oder Lichtbringer, macht weiter, sieht seine Erfüllung gerade in der Unvernunft, die ihm nicht eng, borniert erscheint, sondern ehern, hehr prinzipientreu bis in den Tod. Da er als Egoist es nicht ausshält, sich mit sich zufrieden zu geben, reisst er, was er erreicht, mit in den Abyssus.

Der grosse Papa ist nur möglich, wenn viele Kinder für ihn da sind. Sonst ist er nicht gross, nur ein Papa. Mit dem grossen Hirten ist es ebenso. Wo keine Herde, da kein grosser Hirte. Mit den Führern ist es gleich. Wo keine sind, die sich willig führen lassen, muss sich der Führer selber führen.

Heute nehmen die Vorbildrolle des starken Mannes Politiker ein, die sich «vernünftig» geben. Heute verkaufen Experten Sicherheiten. Auch wenn sie zuvor versagten, vertraut man ihnen, weil man meint, ohne sie käme man nicht aus. Lieber eine neue Katastrofe, als gar nichts, als Unbestimmtheit, Unsicherheit. Vermeintliche Sicherheit, eine wirkliche Gefahr, wird dumm in Kauf genommen, weil die Angst vor der Unsicherheit grösser ist als das Ertragen der Katastrofe, die man X Gründen, nur nicht dem eigenen Unvermögen, zuschreibt.

Die Unvernunft in den Religionen ist offensichtlich. Keine ist davon ausgenommen. Je nach historischer Lage und Zeit ist eine etwas extremer in ihrer dunklen Unvernunft als eine andere. Doch hier wirken schon graduelle Unterschiede enorm. Vernünftige sind nicht fanatisch. Fanatismus bedingt Unvernunft. Früher waren die Christen mörderisch, selbstmörderisch unvernünftig. Gegenwärtig sind es die Moslems. In ihrer Angst vor Aufklärung und Moderne wüten sie, wie früher die Christen im Mittelalter.

Es gab und gibt politisch, ideologisch motivierte Unvernünftige. Worin liegt der Unterschied zwischen Kriegsführenden á la USA und den Roten Khmer, die aus Angst vor der Moderne Millionen Menschen massakrierten und eine einfache, NATÜRLICHE Bauerngesellschaft (Biokult!) installieren wollten? War ihre Unvernunft nicht nachbarlich zur Vernunft des Tugendterrors der Französischen Revolution?

Als sich in den USA abzeichnete, dass Barack Obama das Rennen um die Präsidentschaft machen wird, war klar geworden, dass das nur fanatisierten Massen zuzuschreiben war. Hier wurde nicht mehr rational abgewogen, hier wurde ein Vater, ein Führer gesucht und gefunden, der den armen Opfern, den darbenden, verunsicherten Amerikanern, von denen viele einiges verloren hatten, denen der Traum vom American Way of Life nicht mehr gültig schien, das neue Heil versprach. Und tatsächlich wurde das bisher grösste Unterstützungsprogramm in Gang gesetzt, wurden neue alte Ziele anvisiert: we are the Number 1 und wir werden siegen. Der Sieg leuchtet als Ziel und die vielen Unteren schauen nach oben, erschauern und hoffen. Demokratie? Aufgeklärtheit? Nein.

Sigmund Freud schrieb am Ende seiner Arbeit «Das Unbehagen in der Kultur» (1929/1930) einen bedeutungsvollen Satz, der heute ganz fremd klingt, in völligem Gegensatz zu den Missionaren, Priestern, Eiferern und Führern unserer Zeit:

«So sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich ihnen keinen Trost zu bringen weiß, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen.»

Kein Parteimanager, kein Religionsführer könnte bestehen, übte er die Vernunft, wie Freud sie als echter Atheist versucht hat. Die Art, wie die weltweite Wirtschaftskrise «gemeistert» wird beweist, dass Profeten am Werk sind, wie in der Politik und Religion, wo profetisch vom Endkampf und Endsieg geredet wird, wie früher schon geredet worden war. Die Resakralisierung, das weltweite Erstarken von Kirchen, die breite Faschistisierung verläuft parallel zur Schwächung der Demokratie und den letzten Resten von Aufklärung. Wir schlittern immer stärker in eine Epoche neuer Unvernunft. Und das bedeutet wachsende Inhumanität.

Extremes Sicherheitsstreben eliminiert die erste Unsicherheit, und das ist die Freiheit. Deshalb werden nicht nur neue Kriege geführt, üben viele Terrorakte, sondern wird generell der Einzelne wieder stärker ins Kollektiv gezwängt, eingepasst, eingesperrt und fixiert: alles soll unter Kontrolle geraten, damit die Sicherheit für eine glorreiche Zukunft wächst. Unterdrückungskultur.

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