Anders als die Andern

16.04.2009 Walter Gasperi

Formal ist Richard Oswalds Stummfilm von 1919 sicher nichts Besonderes, sensationell aber in der Offenheit, mit der hier Homosexualität thematisiert und für die Abschaffung von § 175, der eine strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen vorsah, plädiert wird.


Offenheit kennzeichnete die deutsche Gesellschaft unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs. Die Aufhebung der Filmzensur machte vieles möglich und der Filmregisseur Richard Oswald kündigte eine ganze Serie «Sozialhygienischer Werke» an. Schon während des Krieges hatte Oswald in der Serie «Es werde Licht!» vor den Gefahren von Geschlechtskrankheiten gewarnt, nun wollte er diese aufklärerische Filmarbeit fortsetzen und drehte neben einem Film über Prostituierte auch einen über Homosexuelle.

Die melodramatische Handlung um einen Klavierspieler, aus dessen Liebe zu einem Schüler ein Erpresser Profit schlagen will, ist hier nur Aufhänger für ein Plädoyer für die Abschaffung des § 175. Am Schicksal des Klavierspielers Paul Körner hängt Oswald alles auf vom Einschreiten gegen Homosexualität im Internat bis zur gesellschaftlichen Ächtung, die vielfach in Selbstmord mündet. Beklemmend wird der Zwang zur Heimlichkeit, zur Triebunterdrückung und die Unmöglichkeit eines Coming Out geschildert.

Dass diese individuelle Geschichte nur Mittel zum Zweck ist, wird durch die eingeschobenen Kommentare und Vorträge des Sexualforschers Magnus Hirschfeld deutlich, die auf einen Abbau von Vorurteilen gegenüber Homosexuellen und eine Aufhebung von § 175 abzielen. Textlastig wird dieser Stummfilm durch diese langen Zwischentitel zwangsläufig, doch gering wirkt dieser Einwand angesichts der bis danach in 1980er Jahre unerreichten Offenheit, mit der hier gegen die Diskriminierung von Homosexuellen Partei ergriffen wird. Und der im Film zur Diskussion stehende Gesetzesparagraph wurde erst 50 Jahre nach Uraufführung des Films grundlegend revidiert und erst 1994 völlig abgeschafft.

Das Publikum hat «Anders als die Andern» damals gespalten, einerseits als Skandal ein großer Erfolg und wochenlang in den Kinos zu sehen, wurde er im süddeutschen Raum in vielen Städten von den lokalen Polizeibehörden verboten. Dies Schicksal widerfuhr dem Film freilch bald in der ganzen Weimarer Republik, denn nach Einführung eines nationalen Lichtspielgesetzes wurde er am 16.10.1920 vollständig verboten.

Aufgrund dieser Zensuraktionen ist «Anders als die Andern» heute nur noch fragmentarisch erhalten. Mit Standfotos und Schriftdokumenten hat nun das Filmmuseum München in dieser von der «edition filmmuseum» herausgegebenen DVD den Film auf Grundlage einer von der sowjetischen Zensur gekürzten und bearbeiteten Version so weit wie möglich rekonstruiert.

Neben dieser rekonstruierten Fassung des Originals findet sich auf der DVD auch die von Magnus Hirschfeld 1927 verfasste umgeschnittene Kurzfassung «Gesetz der Liebe: Schuldlos geächtet!», in der der aufklärerische Impetus durch den Ersatz der Rückblenden durch eine lineare Erzählstruktur noch verstärkt wird, sowie ein kurzer Bericht über die Zensurgeschichte von «Anders als die Andern» («Gefährliche Neigungen – Die Skandalgeschichte von 'Anders als die Andern'»).

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