Lehrerprügeln

01.03.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Der Titel könnte, entsprechend der geilen Erwartungshaltung, leicht missverstanden werden: wieder eine Horrorstory über Lehrer, die prügeln. Nein, es geht um den allgemeinen Volkssport, die Lehrerschaft zum Prügelknaben (gilt für beide Geschlechter; das Wort hat seine eigene Geschichte!) zu machen und frech Forderungen zu stellen, die, würden sie anderen so zugemutet, zu einem entrüsteten Protest, wenn nicht zu aktiven Unruhen führten.


Hier sollen nicht die Bildungsmisere oder die vielfältigen Aspekte anvisierter bzw. nicht erreichter Lehrqualität verhandelt werden. Jedenfalls wäre es falsch, Manki nur den Lehrern anzulasten und die Verantwortlichen der Unbildungspolitik, wie sie seit einer Generation, also rund 30 Jahren stur bürokratisch «gepflegt» wird, nicht gebührend zu berücksichtigen.

Im Bildungsbereich wirken die letzten ideologischen Reste, worin sich die sonst gleich gewordenen, kleinbürgerlichen, spiessigen, dummen, kurzsichtigen Wendehälse, Opportunisten und Kurzdenker etwas unterscheiden. Hier die christlich-sozialen Konservativen, dort die schwachbrüstigen Sozialdemokraten, die sich hie und da von früheren Überlegungen zur Bildung in ihrer Anpassung ans technokratische Verwalten und Ausrichten selber stören lassen und nicht wirklich zu einer überzeugenden Position finden können, weil im Niedergang der Sozialdemokratie eine Einschwärzung, eine zentristische konservative Ausrichtung erfolgte, die nur noch einige Mythen verbal hochhält oder fürs Marketing propagiert, in ihrer Praxis jedoch von den Konservativen fast ununterscheidbar nichts Progressives leistet.

Was macht jetzt eine Unterrichtsministerin, die nicht aus dem Billdungsbereich kommt, und deshalb, weil niemand anderer da war, für den Job genommen wurde? Ihre Beraterinnen haben ihr, soweit sie es nicht nach einiger Erfahrung selber schon spürte, nahegelegt, populistisch, aber klug verpackt, eine Scheinlösung als Lösung zu offerieren, um die Gunst der Krisenstunde zu nutzen und «Profil» im Sinne fortschrittlicher Bildungsarbeit zu zeigen. Wie? Indem sie mehr Arbeitszeit der Lehrerschaft fordert.

Dem wäre eigentlich wenig entgegenzuhalten. Es könnte sogar positiv verstanden werden. Während in vielen Bereichen Kurzarbeit als humanes Mittel, ja als Gnade verkauft wird, damit Arbeitnehmer nicht den Arbeitsplatz verlieren, könnte hier gezeigt werden: wir haben viel Arbeit, ja mehr als früher, also erhöhen wir die Arbeitszeit.

Der andere Gedanke, der sich sofort aufdrängt, ist, weshalb nicht mehr Lehrerinnen und Lehrer eingestellt werden. Kommt das zu teuer? Ja. Dafür ist natürlich kein Geld da. Man muss vor allem in die «Hardware» investieren: kaputte Schulgebäude sanieren, IT-Infrastruktur ausbauen und dann die (politische) Verwaltung finanzieren.

Gut, sagt man, dann sollen die Lehrer mehr arbeiten. Kostet das weniger? Ja. Weil es nicht entlohnt wird. Und hier liegt der Skandal: es wird einfach verlangt mehr zu tun und weniger zu kriegen. Der typische Betrug, die übliche Ausbeutung. Es ist wie Diebstahl oder Raub. Und wie legitimiert ihn nicht nur die profillose Ministerin, sondern auch der lächelnde Angestellte, der jetzt als Kanzler agiert, gefolgt von anderen Politikern, die Realpolitik spielen? In den harten Krisenzeiten müssten ALLE ihr Scherflein zur Krisenlösung beitragen. Auch die Lehrer seien gefordert. Und, weil man weiss, wie niedrig das Image von Lehrern ist, wie unbeliebt ihr Berufstand, haut man gleich auf sie ein. Sie erfüllen, wie seit langem, die Sündenbockrolle.

Es werden Befragungen in Auftrag gegeben. Kleinformatige Zeitungen machen selber welche. Alle kommen zu dem niederschmetternden Ergebnis: Über zwei Drittel der Befragten wollen, dass die Lehrer unbezahlte Mehrarbeit leisten.

Der Verweis auf den Volksmund ist hier besonders fies. Wenn morgen gefragt wird, ob wer einverstanden sei, um die Hälfte weniger Steuer zu zahlen oder gar keine, wird eine Mehrheit unvernünftig antworten. Das ist, bei Kenntnis der niederen Bildungs- und Informationslage, leicht zu prognostizieren. Es ist deshalb aber weder vernünftig noch gerechtfertigt.

Jene, denen Kurzarbeit aufgezwungen wird, erhalten weniger Lohn. Aber im Verhältnis zur geringeren Leistung. Bei den Lehrern soll es umgekehrt sein: nicht Kurzarbeit, sondern Längerarbeit, aber ohne zusätzliche Entlohnung. Die 70%, die solche Fronarbeit den Lehrern zumuten, sollten selber drankommen, damit sie praktisch erfahren, was das bedeutet. Das heisst, es müssten sofort mindestens 10 Prozent Gehaltskürzungen erfolgen oder, wie bei den Lehrern, die Wochenarbeitszeit müsste um einige Stunden erhöht werden (was die Wirtschaft schon lange fordert). Und das ohne Lohnerhöhung.

Nachdem die meisten Journalisten in den meisten Medien fast gleich ungebildet sind, wie ihre Klientel, ergibt sich ein eigentümlicher, horribler Chor von Kurzsichtigen und Kurzdenkern, die ihren niederen Instinkten unzivilisiert folgen. Für die meisten kommt wahrscheinlich ein psychisches Moment der Rache hinzu. Da die Mehrheit, ihrer Unbildung nach, höchstwahrscheinlich starke negative Erinnerungen an die Schulzeit hat und diese nicht abstrakt am Apparat, sondern konkret an Personen, an Lehrpersonen festmacht, wurde und wird die Lehrperson zum Schreckbild, zum Objekt, das libidinös belegt wird, in diesem Falle negativ mit Abneigung, Verachtung oder Hass.

Das erlaubt auch mögliche eigene Fehler, eigenes Unvermögen zu überdecken. Wer fragt heute nach der Qualität von Erziehung durch Eltern? Die wurde bequemerweise auf die Schule verlagert. Würde mit der gleichen Logik, wie die Lehrer abgeurteilt werden, die Elternschaft bewertet, sähe das Bild erschreckend anders aus.

Um Kinder zu kriegen und aufzuziehen bedarf es keines «Elternscheins». Man muss einen Führerschein erwerben, um motorisiert am Verkehr teilzunehmen. Aber Eltern werden gilt als allgemeines Menschenrecht. Also kriegen viele Kinder, die nicht fähig sind, die Elternrolle verantwortlich zu erfüllen. Das Problem ist so heiss, dass es tabuisiert wird. Wie erfolgt die Tabuisierung? Indem seit Jahren nur von der Verantwortung der Schule, nicht aber der Eltern geredet wird. Die Schulen, die Bildungseinrichtungen, die Kindergärten, wurden jedoch nie auf die neue Rolle und Funktion aus- und eingerichtet. Das war nicht möglich, weil hier divergente Wertvorstellungen von Familie, Kind und Gesellschaft ideologisch einen klaren Positionsbezug verhinderten.

Politik und Medien haben in all den Jahrzehnten das Negativbild der Lehrerschaft gepflegt. Es befriedigte auch einen tiefsitzenden Intellektuellenhass, der hierzulande wütet. Er legitimierte auch die notorisch niedere Bezahlung. Die Mehrheit der Bevölkerung meint ja, Lehrer verdienen zuviel und haben viel zu lange Ferien. Das hilft der Politik und ihrer Bürokratie.

Und genau in diese Kerbe schlägt die Bildungsministerin mit Deckung ihrer Kolleginnen und Kollegen. Die Sozialdemokratie ist endgültig auf den Hund gekommen. Bildungspolitik? Nein, vordergründige Arbeitsmarktpolitik und Praxis von Scheinlösungen. Symptombehandlung, die schlussendlich nicht nur teuer kommt, sondern die Zielerreichung besserer Bildung be- und verhindert.

Würde die Mehrheit, die unbezahlte Mehrarbeit zumutbar findet, das einmal auf die Politiker übertragen und eine Debatte fordern, die zu Änderungen führt, sparte sich der Staat etliche Millionen. Aber wer soll bestimmen, wenn die, die bestimmen, sich selber Gehälter und Pensionen gewähren, die in keinem Verhältnis zur Leistung stehen, weder in Arbeitszeit gemessen, noch in der Qualität!

Warum gibt es keinen Aufschrei oder handfesten Protest, wenn der Wirtschaftskämmerer Leitl freundlich säuselnd meint, JEDER müsse seinen Krisenbeitrag leisten, auch die Lehrer? Und verschweigt, dass ihn die Manager in Wirtschaft und Politik eben nicht leisten? Dass wegen des Versagens und der Unverantwortlichkeit der bestgeschulten Experten und Manager Milliarden (die wenigsten können sich die Beträge vorstellen!) von der Bevölkerung gezahlt werden müssen. Und weil die fehlen, weil die die Krise ausmachen, müssen die anderen, die als ALLE gesehen werden, blechen. Und der kleine Maxl und die kleine Mausi stimmen mit ein, blöken, wie die «Hirten», die Bosse es vorgeben, vereint im Chor: ja, zahlt uns weniger, wir leisten unseren Beitrag, danke Herr, wir beugen uns, wir sind aufrechte Staatsbürger. Sie sind Trotteln. Aber leider Politik bestimmend.

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