FrauenPower

08.03.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Alljährlich wird der internationale Frauentag am 8. März begangen. Das gepflegte Ritual kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es weder den Frauen, noch den Männern gelungen ist, die gesellschaftliche Stellung der Frauen zu verbessern.


Es gibt extrem starke Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften: des sogenannt reichen Nordens versus des armen Südens, der aufgeklärten versus der religiösen, vor allem der islamischen Welt, des Westens versus des Ostens usf.

Die Unterschiede zwischen jenen, die Macht haben und den Ohnmächtigen ist aber nicht geschlechtsspezifisch. Sie trifft Frauen traditionellerweise aber extrem stark. Was mich verwundert, wie trotz aller Gedenken und Aufrufe und Parteiprogramme und Wirtschaftsmassnahmen und Bildungsbemühungen auch in den europäischen Unionsmitgliedsstaaten Frauen schlechter gestellt sind. Der lange Katalog von Missständen soll hier nicht ausgebreitet werden; ich denke, dass er bekannt ist.

Weniger bekannt dürften die Gründe für den negativen grossen Unterschied sein bzw. das politische Unvermögen, die gesellschaftliche Ohnmacht einer Bevölkerungsmehrheit, ihre Stellung zu verbessern. Oder sind sie bekannt? Warum folgen dann keine Politiken und konkreten Massnahmen?

Es hört sich an und sieht so aus, ols ob eifrig gepredigt wird, aber nichts oder wenig getan. Oder falsches. Gewisse Gemeinschaften muss frau oder man nicht suchen, sie sind wählbar, z.B. eine «Partnerschaft» (für wen das wohl zutreffen mag?), eine Kirchengemeinschaft, eine Partei, eine Interessensvertretung. Hier ermöglicht die Rechtslage freie Wahl.

Trotzdem jammern viele unter Teilhaben oder Mitgliedschaften, als ob sie ihnen aufgezwungen wären. Wer zwingt jemanden in eine Kirche einzutreten bzw. wer verhindert, dass man aus ihr austritt? Das gilt für jede andere Organisation, ausser kriminelle, die ihre eigenen Gesetze haben. Wer zwingt jemanden zu einer bestimmten Beziehung als Ehegemeinschaft?

Frauen, die über den maskulinen Gott und seine Vertreter jammern, dennoch aber in der Kirche sich beugen, sollen den Boden küssen und das Maul halten. Sie müssten nicht dort sein. Wie steht's mit den Abertausenden, die geschlagen, geprügelt, eingesperrt, abhängig gehalten werden? Gleich, obwohl es natürlich einen anderen Hintergrund hat, weshalb so viele sich nicht zu emanzipieren vermögen. Aber DAS ist die politische Aufgabe, die versäumt wird, und wo auch Frauenhäuser und Antigewaltprogramme nichts ändern. Diese Einrichtungen sind wie Erste-Hilfe-Massnahmen: sie taugen im Akutfall, ändern aber nichts an der Struktur.

Bis zu einem gewissen Grad kann man sogar eine Gesellschaft wechseln. Doch das Auswandern wird immer schwieriger. Zudem gibt es keine idealen Länder, wo die Frauen wirklich gleichgestellt wären bzw. wo keine Ausbeutung herrscht («Es gibt kein richtiges Leben im falschen.» Adorno).

Womit nicht nur die Frauen, sondern wir alle uns abspeisen lassen: mit Symptombehandlungen, Kleinmassnahmen, Kaschierungen, Akuthilfen. Fertig. Keine gesellschaftliche Änderung. Und da machen die Frauen aktiv mit. Alle, die sich dem entgegenstellen, bilden eine derart kleine Minderheit, dass sie nichts bewirkt.

Dabei würde eine emanzipatorische Veränderung zugunsten der Frauen sofort das Gesellschaftsganze aufwerten und positiv verändern, was ALLEN zugute käme. Ich vermute, es könnte die Ausbeutungsmöglichkeiten reduzieren und behindern, was nicht in den Interessen der «Mächtigen» liegt, der Unternehmer und Manager (dort gilt überhaupt kein Sex [gender], nur Realpolitik = Macht). Sonst hätten wir nicht die Politik, die wir haben.

Eigentlich wären weite Streiks angesagt, Verweigerungen, bis das System bricht. Rechtskämpfe um gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Um Nachprüfbarkeit von Berufungen. Vorderhand um Quoten in sensiblen Bereichen. Um konkrete starke Sanktionen bei Ungleichbehandlung.

Nichts dergleichen wird praktiziert. Die zynische Unverantwortlichkeit gilt auch hier: Vergehen und Verbrechen werden generell nicht geahndet, denn sie sind Systemteil. Nur in extremen Ausnahmefällen wird Akutbehandlung geleistet. Ähnlich wie bei den abzockenden Managern und Betrügern oder den unfähigen bzw. korrupten Politikern werden keine konkreten Sanktionen durchgesetzt: Amts- oder Jobverlust, Prozesse, Verurteilungen, Gefängnisstrafen, Konfiszierung des Privatvermögens etc.

Mir wurde in einer Debatte vorgeworfen, mit meinen Ansichten, wie oben formuliert, gegen Kriminelle oder Unverantwortliche, faschistoid zu sein. So dürfe man nicht vorgehen. Na dann! Dann gehen die halt weiter vor, wie bisher.

Wenn eine Mehrheit der Frauen streikte in ihren Jobs, die sie machen, streikte als Eltern, dann müsste es eher über kurz als lang eine derart tiefe Krise geben, die Änderungen erzwänge. Herrscht Angst, dass dann wirklich faschistisch entgegnet wird? Von den Politikern, den Unternehmern und schlussendlich den Männern, soweit sie Ehegatten oder Partner sind?

Die Ärzte können ohne Helfer nicht arbeiten. Wer besorgt die Pflege und Versorgung? Wie schaut's in all den «niederen» Dienstleistungen aus, die wir alle so dringend brauchen? Wollen dann sogar die FPler (nicht FrauenPower, sondern «Freiheitliche Populisten») Massen aus dem Osten oder den Entwicklungsländern hereinholen, um den Wirtschaftsprozess in Gang zu halten?

Was, wenn die Frauen nicht mehr an den Kassen in den Einkaufsmärkten sitzen? Wenn sie die Kinder nicht versorgen, dem Mann die Wäsche nicht waschen (wieso sie das ohne Gegenleistung heute noch tun, ist mir ein Rätsel), den Haushalt nicht führen, ausser das Haushaltsmanagement wird adäquat entlohnt?

Vermutlich ist die Mehrheit nicht nur zu feige, sondern auch zu bequem. Das mindert die Glaubwürdigkeit der Frauenpolitik. Die Realpolitik hat schon lange keine mehr, vermag aber trotzdem zu herrschen.

(Das eigentliche Problem ist die Macht. Die gender politics kaschieren das ein wenig. Werden Frauen mächtig, «herrschen» sie und «frauschen» nicht.)

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