Lügensprache

15.03.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Newspeak als Lügensprache zeigt sich besonders deutlich in Krisenzeiten, wenn die intendierten Eufemismen, die falschen Metonyme und Metaphern nicht mehr dicht das Eigentliche verbergen, wenn die Camouflagen ihre Tarntauglichkeit mehr und mehr einbüssen.


Unter früher gewohnten Bedingungen lag die Qualität von Newspeak gerade darin, dass sie von der Mehrheit nicht als solche erkannt wurde. Dass der Unterschied zwischen Vorgabe und Realität nicht gesehen, nicht bemerkt wurde. Das Leben in der Blase war als einzig richtiges verstanden und geübt worden.

Die Einübung war so tiefgehend, dass jetzt noch, wo die ausbeuterische Politik zu ungeahnten Raubzügen ausgreift und zuschlägt, ungläubiges, dumm-naives Nichtbegreifen herrscht und Politiken hingenommen werden, die von jedem Denkenden entrüstet abgewiesen oder bekämpft würden. Doch die Kritiker, die nicht von der Newspeak infiziert wurden, sind gering an der Zahl und erreichen keine gesellschaftliche Wirkung.

Aus allen Lebensbereichen ist die Verlogenheit, die Täuschung zu vermelden. Ganz willkürlich hier einige disparate Fänomene: ein Jugendlicher erschiesst eine hohe Anzahl von Menschen. Es wird von Amok gesprochen, obwohl es kein Amok war. Aber noch schlimmer: es wird vom «mutmasslichen Täter» gesprochen, obwohl die Opfer nicht mutmasslich tot sind, sondern real. Aus rechtlichen Gründen darf der authentischen, eigenen Erfahrung nicht Ausdruck verliehen werden. Es ist mir bei Strafe untersagt etwas zu benennen, wessen ich Zeuge wurde. Es ist «mutmasslich». Das «Mutmassliche» wäre noch für eine Bewertung oder Beurteilung verständlich, die nicht offensichtlich ist. Aber das Faktum selbst, die Tat nicht mehr als Tat bezeichnen zu dürfen, sondern falsch vorsichtig und selbst schon verlogen als «mutmasslich» bezeichnen müssen, beweist Newspeak.

Man stelle sich vor, wir reden von Realpolitiken und Realkriegen etc. Plötzlich ist alles nur mutmasslich. Ausser beim wenig offiziell Verbürgten, z. B. den Gaskammern in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Wenn da jemand ein und dieselbe Logik anwendet und von mutmasslich quasselt, wird er einhellig verurteilt. Weshalb nur dort diese Eindeutigkeit?

Staatsterroristen, Massenmörder, Krieger sind keine solchen, weil kein ordentliches Gericht dies bestätigt hat. Deshalb ist Saddam Hussein ein Verbrecher, nicht aber jene anderen, die, aus Machtgründen, vor keinem Gericht stehen. Die Litanei liesse sich leicht verlängern.

Wenn Menschen, die plötzlich ihre Arbeitsplätze verlieren, hören müssen, dass sie sich gerade jetzt weiterbilden sollen, weil höhere Bildung die Chancen erhöhe, werden sie, konfrontiert mit einer völlig anderen Realität, bald merken, jetzt vielleicht, dass es sich um Lüge und Täuschung handelt.

Wenn Banken um Vertrauen werben, jetzt besonders, wird hoffentlich das leichtgläubige Zutrauen der Kunden sich nicht so rasch einstellen wie zuvor. Immerhin haben alle grossen Banken, alle, sich unverantwortlich oder sogar kriminell verhalten. Es ist nur eine Frage der Werte, der Bewertungskriterien.

In Newspeak wurden Feindbilder geschaffen und instrumentalisiert, Abstrakta wie Freiheit, Menschenrechte, Friede, Sicherheit umgedeutet und neu wertetabliert. Was Wunder, wenn es keine Verständigung über das Wesentliche geben kann: welche Freiheit, welcher Friede, welche Menschenrechte, welche Sicherheit? Von wem, für wen, wann und wo und wie? Die Hyperrelativierung hebt alles bisher Verbürgte auf.

Kultürlich ist es nicht die Sprache, Newspeak, alleine. Damit Newspeak funktioniert, muss die Gesellschaft schon eine Umwertung erfahren haben und aktiv am Täuschungswerk mitgemacht haben und mitmachen.

Das war real mit der Konsumgesellschaft, wie sie die letzten zwanzig, dreissig Jahre gepflegt wurde, eingeübt worden. Nichts kommt von nichts oder fällt unvorhergesehen vom Himmel. Die Krise hat ihre Gründe, ihre (Vor)Geschichte. Sie ist konstruiert und keine Naturkatastrofe.

Nach, mit und in Newspeak verhalten wir uns so, als ob es ein unausweichlicher Unfall, eben eine Naturkatastrofe sei. Das ist die extremste Täuschung bzw. Lüge. Damit werkelt man weiter an der Lügenpolitik, am Raubzug, an der Vernichtung.

Das grosse Aufräumen könnten und dürften eben nicht die «starken Männer» leisten, nach denen die ganz Dummen wieder rufen, sondern Mehrheiten, die ihre Rechte anmelden, die Widerstand leisten.

Das könnte oder würde Krieg bedeuten, warnen einige. Gegenfrage: wie soll das Bisherige getauft werden? Freies Wirtschaftsgebaren mit gewissen Kollateralschäden?

Zum wirksamen Widerstand wird es nicht kommen in der Prozentpunktegesellschaft, wo von zeitloser Gegenwärtigkeit gequatscht wird, davon, dass wir alle in einem Boot sässen, dass der Konsum angekurbelt werden müsse, dass, wenn Autofirmen nicht Milliarden unterbuttert bekommen, hunderttausende von Arbeitsplätzen in Gefahr seien, dass aber für Bildung kein Geld mehr da sei, weshalb jeder seine Ausbildung selber finanzieren müsse usw.

Wir verlangen nach Zertifikaten, im QM, in Atomkraftwerken, in der biologischen Landwirtschaft, für Lebensmittelprodukte und vieles mehr und wissen zugleich, dass sie zum Grossteil nicht mehr stimmen, nicht nur im mafiotischen Italien. Für alles werden Versicherungen offeriert, nur nicht für den grossen staatlichen und staatlich sanktionierten Betrug.

Wir akzeptieren Hotlines, an denen wir länger warten muss als früher ohne hochentwickelte Computertechnik. Das belobigen wir dann als Servicesteigerung und zahlen den Managern dieser Firmen noch höhere Boni etc.

Wir nehmen dankbar immer neue Preisreduktionen an und wundern uns nicht, dass vieles extrem teurer wurde. Wir reden von Europa und unterstützen chauvinistische Nationalpolitiken. Wir reden von Freiheit und ducken uns vor Fundamentalisten.

Fast alle von uns reden schon in Newspeak: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Ignoranz ist Stärke.

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