Entre les murs - Die Klasse

24.03.2009 Walter Gasperi

Nichts anderes als den Unterricht in einer multikulturellen Pariser Schulklasse, Lehrerkonferenzen und Elternsprechstunden beobachtet Laurent Cantet. Über das Dokumentarische hinaus weitet sich der 2008 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Film dabei in der Interaktion zwischen Lehrer und SchülerInnen zum Diskurs über Integration, Abgrenzung und gegenseitigen Respekt.


Filme über Schulunterricht gibt es schon zahlreiche: Die einen wie Jean Vigos «Zero de conduite» (1933) oder in dessen Nachfolge Lindsay Andersons «If» (1968) erzählen von der Rebellion der jungen Eleven gegen eine autoritär geleitete, streng hierarchisch organisierte Institution. Andere wie Richard Brooks «Blackboard Jungle»(1955) thematisieren die schwere Arbeit eines Lehrers in einer Klasse mit halbkriminellen, rabiaten Jugendlichen, wieder andere wie «Die Feuerzangenbowle» (1944) bieten verklärte Schulzeiterinnerungen. Peter Weirs «Dead Poet´s Society» (1989) rückt einen engagierten Lehrer, der seine Schüler zu freiem Denken und Poesie anregen will, in den Mittelpunkt - und zeigt auch sein Scheitern an der Behörde - und Nicolas Philibert begleitete zuletzt in seinem Dokumentarfilm «Etre et avoir» (2002) den Lehrer einer einklassigen Grundschule in der Auvergne durch ein Schuljahr und zeigte dabei, wie spannend es sein kann etwas Neues zu lernen.

Laurent Cantet will zunächst einmal den Zuschauer überhaupt nicht in eine Richtung lenken. Er beschränkt sich vordergründig ganz auf die objektive Beobachterposition, folgt mit quasidokumentarischem Gestus dem Geschehen in einer Klasse, den Lehrerkonferenzen, Elternsprechstunden. Es gibt keine Biographien der multikulturellen Schüler, des Malinesen Souleyman, des Marokkaners Nassim, der Afrikanerin Khoumba, von Juliette und Esmeralda und wie sie alle heißen. - 128 Minuten lang erlebt man sie nur in ihrer Klasse. Und auch der Klassenlehrer Monsieur Marin, der Französisch unterrichtet, scheint kein Privatleben zu haben. Nur in der Schule sieht man sie und Marin einmal beim Öffnen seines Briefkastens, in dem er einen Brief einer Schülerin findet.

Auch nicht verschiedenen Unterrichtsfächern folgt der musiklose Film, sondern beschränkt sich ganz auf die Stunden von Monsieur Marin. Da werden gleich die Sprachschwierigkeiten der Schüler im Teenageralter sichtbar, wenn sie nicht wissen, was «Intuition» oder «Snob» heißt oder ein chinesischer Junge mit der Bezeichnung «Österreicherin» nichts anfangen kann. Und von diesen Sprachschwierigkeiten geht es weiter zu Grammatikproblemen, zu den Schwierigkeiten beim Konjugieren von Verben oder beim Bilden des Konjunktivs, den man im Alltag sowieso nie verwende. Ein Selbstporträt müssen sie verfassen und so geben sie nicht nur von sich viel preis, sondern dieses sich selbst Kennen lernen scheint auch wichtiger als klar abprüfbarer Lernstoff.

Marin setzt sich dabei immer wieder für seine Schüler ein, steht damit im Gegensatz zu einem namenlos bleibenden Hardliner, der eher für Strafen eintritt. Dramatisiert wird dieser Gegensatz aber nicht, denn Cantet bleibt nach außen hin konsequent ganz in der nüchternen Beobachterposition, blickt aber doch gleichzeitig voll Empathie sowohl auf die Bemühungen des Lehrers, der immer wieder auch an seine Grenzen stößt, als auch auf die schwierigen Teenager.

Probleme werden dabei sichtbar, wie die Situation des hochbegabten Chinesen Wey, dessen illegal in Frankreich lebende Mutter abgeschoben zu werden droht oder die familiäre Situation Souleymans, dessen Mutter kein Französisch spricht und für die Souleymans Bruder bei der Sprechstunde die Aussagen des Lehrers übersetzen muss.

Die Kunst dieses Films liegt in seiner scheinbaren Kunstlosigkeit. Man merkt ihm nie die Inszenierung an, fulminant sind die jugendlichen Laien und der Lehrer, der von François Bégaudeau, der auch den als Vorlage dienenden Roman schrieb, gespielt wird. Nicht zu spielen scheinen sie, sondern die Figuren, die sie spielen, zu sein.

Keine Nebengeschichten, keine Schnörkel, ja nicht einmal einen Vorspann gibt es hier – und gerade aus dieser Konzentration auf die Klassensituation entwickelt dieser Film, der so wunderbar bruchlos und rund dahin fließt, seine Intensität. Improvisiert wirkt hier alles, echt und frisch und ist doch unzweifelhaft das Ergebnis langer und akribischer Probenarbeiten. – Dieser Mix aus dokumentarischem Gestus und fiktivem Gewand macht «Entre les murs - Die Klasse» zum Ereignis.

Wird am Freitag, den 8.5. und Samstag, den 9.5. jeweils um 22 Uhr, am Montag, den 11.5. um 19.30 Uhr und am Dienstag, den 12.5. um 21.45 Uhr vom TaSKino Feldkirch im Kino Namenlos gezeigt (franz. O.m.U.)



Trailer zu «Entre les murs - Die Klasse»


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