"Die Narbe" und "Ohne Ende" von Krzysztof Kieslowski

30.04.2009 Walter Gasperi

In den späten 80er Jahren mit dem «Dekalog» und in den 90ern mit der «Farben-Trilogie» wurde Krzysztof Kieslowski auch im Westen einem größeren Publikum bekannt. Mit «Die Narbe» und «Ohne Ende» präsentiert absolut Medien zwei frühere Filme des polnischen Meisterregisseurs auf DVD.


«Die Narbe», dem 1976 entstandenen Spielfilmdebüt Kieslowskis, merkt man die Herkunft des Regisseurs vom Dokumentarfilm an. Fiktiv ist zwar die Geschichte um den Bau einer großen Chemiefabrik, durch die eine Kleinstadt zum Industriezentrum werden soll, doch der Blick auf die Diskussionen von Politikern, auf die Proteste der Bewohner, die Art wie hier die Gegend und Demonstrationen und Aufmärsche eingefangen werden, ist ausgesprochen dokumentarisch.

Vor diesem Hintergrund erzählt Kieslowski vom Direktor dieser in Bau befindlichen Firma, der immer mehr den Bezug zu seiner Umwelt, zu Familie und Mitarbeitern verliert, schließlich aber, als ihm die Fehlplanung immer bewusster wird, Partei für die Bevölkerung und gegen Firma und Politiker ergreift. Ein tristes Bild wird dabei von Polen gezeichnet, die Farben sind dem Film förmlich ausgetrieben, grau statt blau ist der Himmel, winterliche Szenerie verstärkt den Eindruck von Kälte und unübersehbar ist die Umweltzerstörung, die mit der Industrialisierung Hand in Hand geht.

Spärlich ist auch der Musikeinsatz, dafür erzeugen dumpfe Geräusche eine beunruhigende Atmosphäre. Kieslowski selbst schätzte sein Debüt nicht, bezeichnete es als «Sozialistischen Realismus à rebours», aber als Stimmungsbild eines Landes und als Auseinandersetzung mit Moral und Opportunismus ist «Die Narbe» nicht zuletzt dank einer starken schauspielerischen Leistung von Franciszek Pieczka in der Hauptrolle zweifellos höchst sehenswert.

Stärker greift Kieslowski die konkrete politische Situation in dem 1986 entstandenen «Ohne Ende» auf. 1982, im Jahr nach der Verhängung des Kriegsrechts spielend, wird von einer jungen Frau erzählt, die nach dem Tod ihres Mann in eine persönliche Krise gerät. Damit verknüpft wird die Geschichte eines Prozesses gegen ein Solidarnocz-Mitglied, bei dem der Verstorbene die Verteidigung übernommen hatte. Auf einer dritten – metaphysischen – Ebene taucht eben dieser Verstorbene immer wieder auf, blickt von Außen auf ein tristes, in verwaschene Farben getauchtes Polen, in dem es keine Freiheit gibt. Einziger Ausweg, der dem Menschen bleibt, scheint der Selbstmord, für den sich die junge Frau am Ende entscheidet. – Die Geistergeschichte mag nicht recht zu den anderen beiden Handlungssträngen passen und auch Kieslowski selbst bezeichnete «Ohne Ende» als verworren und merkte selbstkritisch an, dass die drei Ebenen nicht wirklich ineinander spielen, dennoch ist dies eine scharfsinnige, ebenso kühle wie bittere Evokation einer bleiernen Zeit, in der im Grunde jeder mit seinen Problemen für sich allein bleibt.

  • Die Narbe (1976)
  • Ohne Ende (1986)

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