Prefabriziert

05.04.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Typisches ist nicht individuell eigen, sondern ein Klassen- oder Gruppenmerkmal. Das Eigene macht das Charakteristische aus. Dem Gleichheitsideal kommt das Typische der Typen entgegen. Das Typische ist oft, ähnlich den Klischees, leicht verständlich, allgemein bestätigt und belohnt jene, die typisch gleich sein wollen. In den entwickelten Massengesellschaft wird das Charakterlose im Typisierten zur herausragenden Qualität.


Wir schenken Vermittlern, die als Moderatoren auftreten im Fernsehen, Vertrauen. Viele fragen nicht nach der Eigenleistung, die unbekannte Redakteure erbracht haben. Inhalt bzw. redaktionelle Verantwortung wird fast automatisch auf den Moderator, den Präsentator übertragen. Man glaubt seinen Worten, obwohl jemand anderer sie schrieb, obwohl er sie vielleicht sogar abliest, ohne dass der Zuseher es merkt.

Diese Verschiebungen und Verwechslungen gehen Hand in Hand mit der gesteigerten Nachahmung. Gegenüber früheren Zeiten dient sie heute aber nicht primär zum Erlernen und Üben von Fähigkeiten, die dann verwandelt als eigene nicht zum typischen, sondern persönlichen Ausdruck werden. Es bleibt bei der typischen Übung.

Die Stereotypie und Standardisierung, die in tausenden von Talk Shows zu hören und sehen ist oder im peinlichen Abklatsch angehimmelter, erfolgreicher Idole, insbesondere in der Popmusik, gründet unter anderem im Vertrauen aufs Typische, Nichtpersönliche. Im Zeitalter vermeintlicher Subjektivität und eines gepriesenen Individualismus scheint, im Gegenteil, das Standardisierte, Typisierte als eine Form von Objektiviertem immer stärker vorzuherrschen.

In früheren Zeiten, als zwar die Alfabetisierung schon weiter fortgeschritten war, die meisten aber noch nicht der Sprache bzw. des Schreibens so mächtig, dass sie sich zutrauten, Briefe alleine zu schreiben, waren sogenannte Briefführer Hilfsmittel dafür. Es gab sie als Anleitungs- und Vorlagenbücher. Aber auch in Form von Experten, die, wie Anwälte, dem Unkundigen kundig zur Seite standen. So wurde dem Sprachlosen eine Sprache verkauft. Etliches an Geschäfts- und Privatkorrespondenz war nach Vorgaben, stereotyp, formuliert. Der Einfluss des «Amtsdeutschen» auf die Gemeinsprache, den privaten Ausdruck, kann man gar nicht überschätzen. Auch heute gilt noch «wie sagt man» meist stärker als «wie sage ich» es.

In der populären Kultur hat sich das Nachsingen, ähnlich einem Nachplappern, in Form des Karaoke, das vor einigen Jahrzehnten von Japan aus die Welt eroberte, höchst erfolgsträchtig breit gemacht. Hier wird erst gar nicht der Versuch unternommen, je zu einer Eigenleistung zu kommen, sondern seine Qualität im Nachsingen der Vorgaben (Ton, Text und Bild) zu beweisen. Eine Zuspitzung der Als-ob-Kultur!

Je stärker Werbung, Prefabrikation und vorgeblich genuiner Inhalt sich vermischen und ununterscheidbar werden, desto höher steigt der Gleichheitsgrad und damit die Austauschbarkeit. Das zwingt zu intensiveren Dinstinktionsbemühungen, die über neue Pseudos, prefabriziert, geliefert und konsumiert werden. In gesteigerten Tempi der Wechsel, wie bei den Moden, dessen, was «in» oder «out» ist, verlangt es hohe persönliche Qualität und Energie, den Vorgaben etwas Eigenes entgegenzusetzen. «Dabei sein» gilt mehr, als seine eigene Position, die deshalb ja nicht isoliert wäre, zu suchen und zu behaupten.

Über die chicen, unterhaltsamen Kulturtechniken lässt sich der Grad der Entfremdung und Gleichschaltung ablesen. Sogar in der sogenannten Hochkultur, der Literatur, hat sich schon lange die Angst vor Subjektivität und Eigenheit etabliert. Dass der Autor tot sei oder zu sein habe, war nicht nur eine kulturpolitische Aussage, sondern Ausdruck von Gesellschaftsangehörigen, die dem Individuellen zutiefst misstrauten, die dem «Objektivierten» zusprachen. Das war nicht nur bei den bornierten Faschisten so oder den erlösungs- und sendungsbewussten Kommunisten, sondern auch bei deren Nachfahren. Und bei den Demokraten. Wer sich die «Helden» gegenwärtiger Romane ansieht merkt sofort, um welche Typen es sich handelt.

Die extreme Typisierung hat kultürlich auch die Politik erfasst. Einige beklagen das Fehlen von Persönlichkeiten, wie man sie früher kannte. Aber die Mehrheit arbeitet glücklich mit den Typen - weil sie selber typisch ist.

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