Arbeitsdasein

12.04.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Arbeit, Arbeiter und Arbeitsstand waren die längste Zeit ihrer Geschichte nie angesehen; immer haftete der Makel des Unfreien, des Sklavenhaften an diesem Begriff. Auch alle Programme, die die Arbeit befreien wollten (Arbeit macht frei) kaschierten schlussendlich nur die tiefe, ausbeuterische Abhängigkeit.


Der Freie, das wussten auch die Sklaven in ihrem Innern, war jener, der nicht arbeiten musste für seinen Unterhalt. Jener war ein Freiherr oder eine Freiherrin, die aus Vermögen ihr Leben gestalten konnten oder von der Ausbeutung der Arbeiter, der Werktätigen, der Lohnabhängigen, ihr Leben bestritten. Dazwischen gab und gibt es nichts.

Der Fortschritt gegenüber früher ist dennoch unübersehbar: Millionen von Abhängigen wurde die Abhängigkeit versüsst. Sie werden motiviert und belohnt. Nur in wenigen Regionen werden Menschen als Zwangsarbeiter in Ketten gelegt, eingesperrt oder gepeitscht. Zumeist reicht finanzielle Abhängigkeit: wer von seiner Arbeitsleistung sich verdingen muss, hat nicht viel, was für ihn arbeitet. Im Vergleich zum Adeligen, früher, und dem Kapitalisten heute, hat er niemand anderen, der für ihn Mehrwert produziert, hat er kein Kapital, das sich, ohne jede weitere Arbeit, über den Zinseszins, wie damals schon, und die neuesten Finanzeinrichtungen, wie heute, wundersam vermehrt. Das bindet ihn, macht ihn verletzlich.

Die Unterhaltungsindustrie ist sehr erfolgreich im Filtern und Vernebeln der simplen Wahrheit. Fast alle Erfolgreichen meinen, sie hätten es zu etwas gebracht, sie könnten durch Leistung es zu etwas bringen, sie seien frei. Sogar in unseren Zeiten, wo die zynische Sklaverei und Ausbeutung offen ihre Fratze zeigt, wo bislang unvorstellbare Summen über Nacht in weitere Geldvernichtung gepumpt werden, sind sie brav bereit, ihr Scherflein zur Krisenbewältigung beizutragen, murren zwar, nehmen aber die Verarmung hin, den Verlust des Arbeitsplatzes. Arbeit hat sich über das jahrhundertelange Einbläuen als «freimachend», «befreiend» eingraviert. Den wenigstens scheint es denkbar, anders denn als Arbeitende, Lohnabhängige ehrbar leben zu können.

Nichts, rein gar nichts in unserer Bildung dient dazu, sich auf das freie, also arbeitslose Leben einzurichten. Die Aristokraten hatten ihre Kinder von klein an geschult für das freie Dasein. Die Revolutionäre vergassen, dass es nach dem Umsturz etwas mehr bedarf, als nur weiterwerkeln und schuften. Bzw. sie erkannten die Vorteile, eine abhängige Klasse unter sich zu haben, der man vorgaukeln kann, sie sei frei. Die sich zufrieden gibt, die sogar mitmacht und sich noch freut, wenn der Kapitalist enorm mehr gewinnt, weil die Masse verliert.

Zu Zeiten Büchners waren die Fronten klarer. Der Feind war bekannt. Seit langem sind die Sozialdemokraten und andere Dusler die besten Agenten für die Ausbeuter, die Kapitalisten! Sie erfüllen gekonnt die Filterfunktion, besänftigen die Schafe der Herde, schwächen mögliche Revoltegedanken. Sie sind Technokraten der Neusklaverei geworden, die sich selbst bereichern, soweit das für solche Typen möglich ist.

Angesichts der gegenwärtigen Krise und der Politiken, die durchgezogen werden, kann das ganze Ausmass der geistigen und materiellen Verelendung etwas deutlicher als zuvor überschaut werden: Die Totalisierung der Ausbeutung ist schon so weit fortgeschritten, dass es in den entwickelten Ländern keiner offenen Kriege mehr bedarf, um die Ausbeutegesellschaft zu halten bzw. zu stärken. Die wenigen Widerstandsbemühungen lassen sich leicht in «Polizeiaktionen» aufräumen, «erledigen».

Jene Länder, die das System stören könnten, sind selbst nicht frei; als Gegner sind sie sogar nützlich, weil sie Kriegsgründe liefern, die das Geschäft ankurbeln und den Kreislauf der Vernichtung als Voraussetzung für neue Bedürfnisse und deren Deckung in Bewegung halten.

Der Ruf «Proletarier aller Länder vereinigt euch!» war nur Ruf und nie praktikables Programm. Die Kapitalisten bedurften erst gar nicht solcher Programme. Ihr System eignet sich wie von selbst zur Globalisierung. Es arbeitet mit jedem und allem: ob gläubig oder ungläubig, dreckig oder zynisch, bös oder böser: Macht stinkt nicht, Geld schon gar nicht. Nur Trottel bleiben Sklaven.

Es ist peinsam, sich seiner Unfreiheit dieser Art bewusst zu werden. Deshalb greifen die Ablenkungen, die Lebenslügen, die verdeckt oder offenen Religionshaltungen so gut: sie sind die Drogen, die der Untere braucht in seinem Joch. Sie verbürgen, dass es keinen Übertritt ins Paradies gibt, keine Auferstehung, keine Erhöhung. Was die Gläubigen dankbar, Jesus oder Allah im Sinn oder sonst einen Gott, hinnehmen.

Schöne Ostern!

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