O´Horten

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Lokomotivführer Odd Horten geht mit 67 Jahren in Rente. Bislang verlief sein Leben wie auf Schienen, ebenso emotions- wie ereignis- und beziehungslos, mit der Arbeit als einzigem Lebensinhalt. - Herrlich verschroben und unaufgeregt erzählt der Norweger Bent Hamer, wie man dem irdischen Dasein auch im Alter noch eine Wende geben kann.

Rentner, die nochmals durchstarten, gab es gerade in den letzten Jahren schon mehrfach im Kino. Man denke nur an Jack Nicholson in Alexander Paynes «About Schmidt», an Horst Krause in Michael Schorrs «Schultze Gets the Blues», Nigel Coles «Calendar Girls» und in dessen Nachfolge Bettina Oberlis «Die Herbstzeitlosen» oder im Dokumentarfilm «Young @ Heart». Der Norweger Bent Hamer – nichts anderes war nach «Kitchen Stories» von ihm zu erwarten – schlägt freilich weit leisere und trockenere, auch schrägere Töne an.

Wie schon in den «Kitchen Stories» und bei Hamers filmischem Ausflug nach Amerika mit dem am Leben Charles Bukowskis orientierten «Factotum» stehen Männer im Mittelpunkt, Frauen kommen in seinem Universum kaum vor. Wortkarg sind diese Typen, Eigenbrödler, die am liebsten für sich bleiben und keine Kontakte zu anderen pflegen. Odd Horten (Bard Owe), der Vorname «Odd» weckt unweigerlich Assoziationen an das englische Wort, das «seltsam, skurril» bedeutet, ist so ein Außenseiter. Auf die Distanz zur Welt und zu den Anderen verweist schon der Umstand, dass ihn beinahe alle nur mit dem Nachnamen anreden.

Jetzt also ist dieser Lokomotivführer auf einer seiner letzten Fahrten durch die verschneite norwegische Landschaft. Und wenn hier das Dunkel der Tunnel mit der Helligkeit der gleissenden Schneelandschaft immer wieder wechselt, ist das auch eine Metapher fürs Leben, für den Wechsel von Glück und Trauer. Bei Horten scheint es diese Schwankungen freilich nicht zu geben. Wie auf Schienen scheint sein Leben zu verlaufen, emotionslos nimmt er alles wahr und hin.

Die Eisenbahn, neben der er auch in seiner kleinen Wohnung, die auch seine innere Enge widerspiegelt, lebt, bestimmt sein Dasein. Zum Abschied haben seine Kollegen ein Fest für ihn organisiert. – Ein Gräuel ist das freilich für den schüchternen Mann und ohne Regung nimmt er die Dankesworte hin und die ihm überreichte Silberne Lokomotive an. Immerhin lässt er sich überreden zum Abschluss seiner Dienstzeit mit seinen Arbeitskollegen feiern zu gehen, kommt dann aber durch eine kleine Panne nicht in die Wohnung des Gastgebers, sondern landet im Zimmer eines gerade einschlafenden Jungen. – Und sukzessive kommt Hortens Leben jetzt schön langsam aus der Bahn – oder vielleicht erst richtig in Bewegung.

Denn Hamer spielt in seinem sensationell unaufgeregten Film immer wieder mit Fortbewegungsmitteln von der Eisenbahn über einen Flugplatz und ein Boot bis zum Auto. Und immer wieder wird Horten auf seiner Reise durch das winterlich kalte Oslo mit dem Tod und der Vergänglichkeit konfrontiert, die ihm auch wieder bewusst machen, dass sein Leben noch nicht vorüber ist und dass es endlich Zeit ist es selbst in die Hand zu nehmen und aktiv zu werden.

Große Veränderungen gibt es in dieser Tragikomödie freilich nicht und äußerlich ist Horten bis zum Schluss fast keine Wandlung anzusehen, doch man spürt, dass der Besuch bei der dementen Mutter, die ihren Traum vom Skispringen nie verwirklichen konnte, die Begegnung mit einem verwirrten Alten in einem Tabakwarengeschäft und die Nachricht vom Tod eines Bekannten, vor allem aber die Begegnung mit dem kauzigen Sissener, den er im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße aufliest, bei ihm innerlich etwas in Bewegung setzt. Denn dieser Sissener wird ihm nicht nur erklären, dass das Leben zu kurz ist um zu warten, sondern ihn auch zu einer Blindfahrt durch Oslo - nicht mit einer Bahn auf Schienen, sondern mit dem Auto auf der Straße – einladen und Horten wird so zunächst einmal zum Hund Molly kommen.

Meisterhaft wird die Bewegungs- und Ereignislosigkeit von Hortens Leben durch die filmische Form, die genau kadrierten, langen statischen Einstellungen und die undramatische Abfolgen von Szenen vermittelt, die auch in anderer Reihenfolge aufeinander folgen könnten. Gleichzeitig entwickelt sich dabei freilich durch Hamers genauen Blick für Details und skurrile Momente eine Komik, die an Jacques Tati erinnert. Die Assoziation an Tatis Monsieur Hulot weckt Horten freilich schon dadurch, dass er ständig Pfeife raucht, dazu kommt aber auch der schon vom Franzosen bekannte Konflikt zwischen dem schüchternen Mann und der modernen Welt, die ihm, je genauer er hinschaut und je mehr er sie wahrnimmt immer fremder und verschrobener erscheint.

Wirklich beglückend macht aber erst der empathische Blick des Regisseurs auf seinen Protagonisten diese melancholische Tragikomödie. Denn wie der Regisseur so wünscht auch der Zuschauer Horten, dass er sich endlich von den inneren Zwängen befreien kann – und Hamer gönnt ihm dieses Glück in einem höchst abrupten und äußerst überraschenden, aber zu diesem herrlich verschrobenen Film durchaus passenden Ende.

Wird vom TaSKino Feldkirch am Mittwoch, den 15.4. um 19.30 Uhr und am Donnerstag, den 16.4. um 22 Uhr im Feldkircher Kino Namenlos gezeigt (norweg. O.m.U.)

Trailer zu «O´Horten»

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