Hope speech

19.04.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

In westlichen Gesellschaften ist es nicht nur verpönt, öffentlich Hass auszusprechen, sondern meist unter Strafe gestellt: die politische Korrektheit verbietet viele Arten von Fragen oder Kritik. Andererseits darf man Handlungen setzen, die Existenzen vernichten, Märkte ruinieren, Menschen arbeitslos machen, so lange man den guten Ton wahrt. «Hate speech» ist out, «hope speech» ist in. Wie die Religionen. Das gute Wort.


Nachrichten lassen immer öfter sich nicht von Werbebotschaften unterscheiden, promotion jingles klingen wie die beworbene Popmusik und reality tv verwischt die Grenzen zur Inszenierung. Derart eingeübt auf «alles ist möglich» bzw. «anything goes» verwundert es nicht, wenn einerseits Horrormeldungen nicht ernst genommen werden, andererseits Warnungen als Schwarzseher-Kassandra-Geschwätz abgetan werden.

Eine der führenden IT-Firmen, IBM, wirbt z.B. mit Botschaften, die sich wie gut geölte Redaktionsleistungen Halbgebildeter lesen und deshalb von der Mehrheit bereitwillig aufgenommen werden. Im deutschen Wirtschaftsmagazin «brand eins», das sich an die Kaste der kurzdenkenden Erfolgsgeneration wendet und sich immerhin schon ein Dutzend Jahre am Markt behauptet, las ich kürzlich so eine Anzeige, die ganz ins ideologische Umfeld der hemdsärmligen Strahlemenschen passt. (Die folgenden Sätze in Anführungszeichen sind Zitate dieser IBM-Annonce.)

«Die Welt ist reif für Veränderungen - so viel ist sicher. Damit bietet sich den führenden Köpfen in allen Bereichen eine einzigartige Gelegenheit.» Hm. Böte sich diese sonst nicht? Wie wird die spezielle oder spezifische Reife festgestellt, die die einzigartige Gelegenheit bietet? Umgekehrt, wie waren Veränderungen ohne diese Gelegenheit, die es der Logik nach vorher nicht gegeben hat, möglich? Gab es keine? Sind die Veränderungen, die wir doch gemessen und erfahren haben, eine Chimäre?

«(W)ir setzen leistungsstarke neue Systeme und hochentwickelte Analysemethoden ein, um aus der Flut der Daten neue Informationen, Erkenntnisse und Intelligenz zu gewinnen.» Oha! Bisher waren Informationen immer neu, sonst wären es nur bekannte Daten gewesen. Vielleicht eine neue Informationstheorie? Und mittels ihrer Technik und den neuen Analysemethoden gewinnen die auch neue Erkenntnisse. Sapperlot! Aber es kommt noch stärker: sie gewinnen auch Intelligenz. Das ist wirklich neu. Das ist pur IBM, made in USA. (Drum ist deren freies Marktsystem wohl so dramatisch bankrott gegangen!) Hier hapert's mit dem Verständnis des Begriffes Intelligenz. Für gewöhnlich werden aus Daten Informationen gewonnen, die mittels gewisser Intelligenz intelligent gedeutet werden etc. Aber die IBM-Experten «gewinnen» Intelligenz.

Die gängige Definition versteht unter Intelligenz ein geistiges Vermögen, eine Befähigung, seine kognitiven Fakultäten zu nutzen, das heisst, abstrahieren zu können, Sprache sinnvoll einzusetzen, kurz, seinen Verstand vernünftig zu gebrauchen.

Es gibt über 60 verschiedene Definitionen, die vor allem durch die florierende Psychologie inflationär ausgeweitet und aufgeweicht wurden. Je nach Wissenschaftszweig oder Filosofie kann Intelligenz verschieden definiert und gedeutet werden. Allen Konzepten ist aber gemeinsam, dass es sich um eine Fähigkeit oder Befähigung handelt.

Fähigkeiten werden nicht als Informations- oder Wissensteil exogen gefunden und erworben, sondern intrapersonal gebildet. Die Kurzsprech der Werbefritzen von IBM verrät das Kurzdenk der fahrlässigen Täuscher.

«Die Polizei kombiniert Ermittlungsergebnisse mit Informationen aus unzähligen Beobachtungen und Systemen, um Verbrechensmuster zu identifizieren. Ihr Ziel: Verbrechen vorzubeugen, anstatt sie nur zu bestrafen.» Sie hat dabei derart viel Intelligenz gewonnen und gefunden, dass die Kriminalität praktisch eliminiert wurde und die bislang unerreicht hohen Spekulationsbetrügereien nur deshalb nicht verhindert werden konnten, weil die totale Kontrolle bei den «Oberen» nicht vorgesehen war (ist). So nebenbei liefert IBM gesellschaftliche, politische, juridische und polizeiliche Ideologie: mehr Prävention, mehr Vorbeugung. Dank früher Mustererkennung frühzeitige Verhaftung oder Eliminierung. Erfolg: keine Kinderpornografen, keine Cyberkriminellen, keine Terroristen. Bloss Finanzjongleure und konventionelle Mafiosi. Ist doch was, nicht? (Letztere kennt man ja als Systemteile und macht mit ihnen Geschäfte.)

Es wird auch unumwunden gesagt, dass bisher «nur bestraft» wurde. Jetzt könne man vorbeugen. Damit wird die Betreuungsgesellschaft perfekt. Vorgebeugte Gebeugte werden auf technologisch höchstem Niveau betreut. Heil der Brave New World! IBM & Co helfen mit. Und der Ungeist der ungebildeten und halbgebildeten Journalisten und Experten, die das breittreten.

«Stellen Sie sich vor, wie ein »smarter« Planet unsere Ziele verändern wird. Unsere Wege zu Wirtschaftswachstum, gesellschaftlichem Fortschritt, ökologischer Nachhaltigkeit und der Heilung der Kranken.» Ich halt' es nicht mehr aus. Das klingt wie die Bergpredigt, verpopt für die Neodeppen der Postpostmoderne.

«Die Gelegenheit liegt greifbar nahe, aber sicher nicht für lange Zeit.» Klar doch: wer morgen geboren wird, wird zu spät gekommen sein. Hat schon verloren. Die Zukunft ist vorbei. Es gilt das Geschwätz der Blender, Täuscher, Betrüger, Kriegsgewinnler. Wie im schwülen Bazar kommt das heisere Marktgeschrei der intelligenten Intelligenzfirma IBM daher. Wie ein blöder Ablasshandel. In einem Wirtschaftsmagazin. In Qualitätszeitungen. Für Manager und Macher.

Da wird es klar, dass es zugeht wie es zugeht.

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