Oh PIAAC! I'm coming!

03.05.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Mir kommt's, mir kommt's, stöhnt lusterfüllt die oder der sich Erfüllende: Es muss eine Lust sein, was sie oder ihn beutelt. Weniger Lust als Last verspricht die weitere Entmündigung im gezielten Infantilisierungs- und Betreuungsprogramm der OECD, diesmal über PIAAC, das schon vor Jahren beschlossen wurde und spätestens 2011 durchgeführt werden soll (Feldtest schon 2010).


Österreich und Deutschland haben pflichtschuldig sofort ihre Teilnahme zugesagt. Die Schweiz sagte ab. Das Acronym PIAAC ist nicht so gängig wie PISA, das zwar in vieler Munde ist, aber deshalb auch nicht von allen verstanden wird (Programme for International Student Assessment bzw. Programme for the International Assessment for Adult Competencies), wird aber seine Wirkung nicht verfehlen.

Die zur Strafandrohung pervertierte Losung «Lebenslanges Lernen» wird Schritt für Schritt umgesetzt: die Verbürokratisierung und totale Verwaltung nimmt immer deutlichere Formen an. TV, totale Verwaltung, ist praktizierte Inhumanität. Sie meinen, ich übertreibe? Totale Verwaltung führt zur extremen Verdinglichung. Diese ist Barbarei, sie entmenscht den Mensch zum Partikel des Humankapitals, der nur noch gewissen Werten entsprechen darf. Dieser Partikel wird inventarisiert, ge- und bemessen, verschoben und - eben verwaltet. Die Gesellschaften als konkurrierende Assessment Centers. Die Herrichtung der neuen Sklaverei.

Im fälschlich viel gepriesenen Globalisierungsprozess geht es um die Nivellierung bzw. Aufhebung von Eigenheiten durch eine Gleichschaltung, die globale Profitmaximierungen kontrolliert besser ermöglichen. Dazu wurde ja PISA geschaffen, um die nationalen, regionalen oder gar lokalen Eigenheiten von Kulturen und Gesellschaften abzuschwächen und auszuhebeln zugunsten kalkulierbarer Typen der globalisierten Gesellschaft, die nach GLEICHEN Kriterien bewertet werden: die Kriterien des Nutzens, des Ertrags, der Wirtschaftlichkeit.

Jetzt also PIAAC. Die Standardisierung wird voran getrieben, während gleichzeitig der Individualismus und die Persönlichkeit der Herdenmenschen angesprochen werden, von denen man weiss, dass sie so wenig individuell sind, wie sie in den konzertierten Aktionen der Verwaltungs- und Überwachungsgesellschaft ihre Rolle erfüllen. Massenkultur in einer neuen Qualität, wie sie die frühen Kulturkritiker und Utopisten sich nicht ausgemalt haben. Durch die breite Akzeptanz und den politischen Druck wirkt sich das kultürlich negativ auf Toleranzen aus: Abweichler werden als Abnorme früher stigmatisiert oder einer «Behandlung» (die heute keine «Sonderbehandlung» mehr sein muss!), das heisst einer «Schulung» unterzogen, schlechter-besser gesagt unterworfen.

Was die Sowjets mit ihrem «Neuen Menschen» nicht erreicht haben, die Nazis nicht mit ihrem «Arier», erfolgt jetzt auf weit höherem Niveau durch das Kapital und seine Vertreter. Eine Organisation dazu stellt die OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) dar. Im Verbund mit nationalen und transnationalen anderen und ähnlichen Einrichtungen werden neue Standards diktiert, die gesellschaftlich, sozial und politisch weit über die eigentlichen Programme hinausreichen. Die «Brave New World» macht sich stark und stärker.

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