Sparen ist nicht gleich Sparen

10.05.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Sparen war einst eine Tugend und wurde gefördert. Es war auch vernünftig und praktisch. Das hat sich vielerorts dramatisch geändert. Sparen heisst heute asoziale Konsumverweigerung, Weitertreiben der Wirtschaftskrise durch Konsumverzicht, Schädigung der Gesellschaft durch egoistische Kurzsichtigkeit und Störung des Verschwendungskreislaufes.


Imponierend hoch sind die Zahlen, die nationale Regierungen ins Konsumanheizen pumpen. Geld wird verschleudert, damit Konsumenten verschwenden und kaufen, was sie nicht wirklich brauchen, denn was sie brauchten, kriegen sie nicht, oder nicht zu realen Preisen, sondern nur zu «profitablen». Die Regierungen gehen sogar so weit, dass sie just jene Einrichtungen, die sich als Geldvernichter erwiesen, wieder mit Milliarden stützen und Auflagen konstruieren, dass das Geld in Umlauf komme, dass konsumiert wird. Wer jetzt spart, ist systemfeindlich; vielleicht nennt man ihn bald wieder «Volksschädling».

Es werden nüchterne Analysen publiziert die klar machen, dass der verringerte Binnenkonsum Japans das Land an den Rand des Zusammenbruchs bringt. Es wird dargelegt, welch enormes Problem das starke China hat mit seinem schwachen Binnenmarkt. Dort sparen die Leute zuviel. Das hat zwar vernünftige Gründe, die wirken sich jetzt aber negativ aus.

Österreich zitiert stolz Statistiken, wonach wir reich seien, obwohl der Reichtum höchst ungleich verteilt ist. Deshalb erwartet man, dass Arbeitnehmer auf Lohnerhöhungen verzichten und mit dem Rest dennoch verschwenderisch konsumieren. Magna spart z.B. Millionen bei Gehältern und überlegt neue Investitionen in der Autobranche, die so keine Zukunft hat. Das ist in Italien nicht anders. Und schon gar nicht in den USA, wovon die Krise ja ihren Ausgang nahm, weil über Jahrzehnte unverantwortlich verschwenderisch konsumiert wurde in einer Wirtschaft auf Pump, die zusammenbrach und jetzt mit Billionen von Dollars auf neuen Pump angeheizt wird. Sparen? Wer was wofür?

In den entwickelten Ländern zeigt sich ein weiteres Problem, das sich plötzlich negativ mit dem Geringkonsum verbindet. Die Alten. Die sogenannte «Altersfalle» schnappt zu. Wir haben viel zu viele Alte. Die Alterspyramide ist gefährlich und schädlich. Die Alten sind unbeweglich und konsumscheu. Oder sie haben einfach zu wenig. Oder, noch schlimmer, sie sind lästige «Kostenfaktoren». Kurz, die «Überalterung» verschlimmert die «Bevölkerungsexplosion». Es Bedarf neuer Bevölkerungspolitiken. Nicht nur in Asien. Wann kommt dieses Explosivgemisch zum Flächenbrand, zum Krieg?

Wären die Alten mehrheitlich reich und vergeudeten ihren Reichtum, man würde sie positive Stimulanz nennen, sie wären eine Wirtschaftsspritze. So beklagt man Kosten. Pensionsschock von der anderen Seite. Die Pflegekatastrofe ist ja schon länger schwärzest ausgemalt und wird weiter dramatisiert. Was Wunder, wenn sich über Jahre ein Feindbild etabliert. Bald werden drastische Lösungen diskutiert werden: wert ist, wer zum Mehrwert beiträgt. Kostenverursacher gehören eliminiert. Wie in der Wirtschaft. Noch spricht man nicht offen vom «unwerten» Leben. Aber die Weichen zur «Marktbereinigung» sind schon gestellt. Outsourcing und Change Management gekoppelt mit hartem Lean Management werden bald erweiterte, politischere Instrumente.

«Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.» Falsch. Altertümlich. Gilt nicht mehr. Das Umlernen wird seit Jahren intensiv vorangetrieben. Der Erfolg hat sich durch die weltweite Krise gezeigt. Wie tief sich das Gelernte eingraviert hat, beweisen die aktuellen Massnahmen. Sparen ist nicht nur obsolet, es ist kontraproduktiv, schädlich. Drum werden Aberbillionen verheizt.

Weil dieser Lerneffekt so tiefgreifend wurde, darf den anderen Sparappellen, z.B. bezüglich Ökologie, Klima und Ressourcen nicht vertraut werden. Sie stehen auf der anderen Werteseite, die tagtäglich durch eine Verschwendungspraxis Lügen gestraft wird. Es besteht ein tieferer Zusammenhang zwischen der rücksichtslos bornierten Energieverschwendung einerseits und der Konsumverpflichtung andererseits. Daran ändern auch noch so viele Aufrufe, Konferenzen und Verträge nichts. Das eigentliche Programm lautet: Konsum und Verschwendung. Vernichtung. Denn nur das verbürgt Geschäft. Für einige zumindest.

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