Deutschsprach

31.05.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Deutschland feierte dieser Tage das sechzigjährige Jubiläum der Installation seines Grundgesetzes. Fast alle wollten und konnten sich dem anschliessen, ist das Grundgesetz doch die beste je geschriebene und praktisch umgesetzte Verfassung Deutschlands, die sogar Nachahmer fand. In den neuen Bundesländern weht vielerorts noch alter Geist und Ressentiment; aber die Unverbesserlichkeit der Nichtdemokraten hat noch nicht staatsgefährdende Macht gewonnen.


Vor 60 Jahren wurde auch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gegründet. Ihr Gründungsgeist war etwas verdorben durch braune Mitläufer und postnazistisches Gedankengut. Der Start war nicht gerade glücklich, und der Ruf konnte sich erst bessern, als der Einfluss des alten Denkens überwunden war. Jetzt, zur Feier, gibt es auch eine Ausstellung, die kritisch die eigene Geschichte belegt und reflektiert und damit einen Beweis einer Reife liefert, den man sich auch für andere Einrichtungen solcher Art in andern Länden wünschte.

Symptomatisch für Deutschland und sein Kultur- bzw. Sprachverständnis bleibt jedoch eine Art Minderwertigkeitskomplex, der auch uns Österreichern bekannt ist, und der sich oft mit einer absurd anmutenden Selbstkasteiung paart, wie um einem eingebläuten Strafbedürfnis zu entsprechen bzw. vorauseilend sich zu ducken und selbstanklagend als «korrekt» zu erweisen.

Im Vergleich zu Ländern wie Frankreich oder England, ganz zu schweigen von den Vereinigten Staaten von Amerika, zeigen sich bei den Deutschen und Österreichern keine soliden nationalen Identitäten, sondern Flickwerk, das nicht nur die beschädigte Politik ausweist, sondern auch das Bildungssystem und die Sprachpflege. Letztere ist so verpönt, dass auch Akademien wie die Deutsche daran nichts zu ändern vermögen, wiewohl es Sprachkritik gibt, die sich aber oft in peinlichem Abwehren und neonationalistischen Rekursen und Appellen austobt. Es mangelt einer Souveränität. In Österreich gibt es nichts wirklich Eigenständiges; wir agieren sozusagen im Schlepptau.

Es wird ein Sprachproblem konstatiert. Nicht nur in der Literatur. Dort sogar weniger als in den Wissenschaften und in der Politik. Deutsch war einmal eine Wissenschaftssprache. Das ist lange her. Heute publizieren viele deutsche Wissenschaftler von vornherein ihre Arbeiten in Englisch, um am globalen Markt konkurrieren zu können. Die Globalisierungslogik und Marktideologie schaffe Sachzwänge, sagen die Modernen, die Anpassler und Gewinnler, denen vernünftigerweise entsprochen werden müsse: wenn die eigene Sprache gegen eine grosse Übermacht wenig oder keine Chancen liefert, müsse man sie für wichtige Bereiche aufgeben. So geben viele Wissenschaftler und Institutionen in Deutschland ihre eigene Sprache auf zugunsten einer Lingua franca, dem Englischen.

Damit wird aber zugleich eine «Kulturleistung» erbracht, die beweist, dass man seiner eigenen Kultur und Sprache nicht mehr vertraut, ihr nichts zutraut bzw. ihre Werte den Marktwerten, die nur «globalisiert» erreichbar seien, unterstellt, «opfert».

Das Problem stellt sich auch Angehörigen anderer kleinerer Sprachgemeinschaften. Aber Deutsch ist in Europa die am meisten gesprochene Sprache. Von ihrer Erscheinung und politischen Vertretung in der Union jedoch ist sie eine mühselige Last, die sogar im Mitgliedsland selbst oft nicht primär verwendet wird. Auch in Österreich empfehlen viele EU-Beratungsstellen, Projektansuchen gleich in Englisch zu verfassen, weil Deutsch nicht verstanden würde bzw. die Bearbeitung länger dauere oder die Gefahr bestünde, eher negativ bewertet zu werden.

Gegen alles Geschwätz von Vielsprachigkeit und Völkerverbindung herrscht eigentlich ein Sprachchauvinismus, der, als Ausdruck der politischen Nachkriegslage, Deutsch nicht die Rolle einräumt, die es seiner Verbreitung nach haben müsste. Das scheint der «Friedenspreis». Er wird durch die freiwillige Beachtung der Vorherrschaft des Englischen in Wissenschaft und im Alltagsleben noch untermauert und ausgebaut. Diese Praxen schwächen die Sprachenvielfalt und strafen die Grundzüge der EU-Sprachenpolitik Lüge. Für die vielen Kleinsprachen in Europa ist die Lage noch dramatischer und führt zu Trotzreaktionen, die einem offenen Verkehr ohne nationalistische, chauvinistische Einfärbungen oder Belastungen im Wege stehen.

Und wenn bei einer der kürzlichen Akademieveranstaltungen Literaten die wichtigen Themen eher im Politischen sehen, «bedenklichere globalisierte» Themen betonen und dergleichen, erinnert man sich nicht nur ungut an die Zeit vor vierzig Jahren, als just Literaten vom Tod der Literatur schwätzten, sondern wundert sich über das eigentümliche Selbstverständnis von Autorinnen und Autoren, die wieder auf Wichtigeres verweisen, womit sie sich gesellschaftlich legitimieren. Als ob sie sich ihrer Profession schämten, als ob Literatur einer Sonderlegitimation bedürfe.

In den erfolgreichen Massenmedien wird ein Deutsch gepflegt, das sich reduziert hat. Fast Basisdeutsch schon. Man will «Leser» erreichen, zumindest Käufer. Denen kommt man, wie in der Wirtschaft, mit simplen, kurzen Sätzen entgegen. Das niedere Sprachniveau unterminiert Bildungsbemühungen, die sich nicht mit extrem Einfachem zufrieden geben. Sprache und Denken hängen eng zusammen. Sprache wirkt auch auf das geistige Gesichtsfeld ein. Anstatt es zu weiten, verengt es zur Borniertheit, meint man, mit einem angepassten Gebrauchsdeutsch und easy going Denglish käme man durch.

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