Litpro

07.06.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Im Amerikanischen steht «Pro» für «Professionelle», also Prostituierte, Huren. Professionisten oder Professoren werden nicht als Prostituierte betrachtet, auch wenn sie sich prostituieren. Trotzdem ist das Geschäft, besonders im professionellen Bereich, auch von Dichtern und Literaten, ganz schön hart und - oft - hurös.


In Grossbritannien, wo von der Oxford University besonders Auserwählte an den angesehensten Lehrstuhl für Dichtkunst berufen werden, erwies sich jüngst die dichte Nähe zur Realpolitik auch in den hehren Gefilden der Dichterei. Als Derek Walcott vor kurzem berufen werden sollte, rumorte es plötzlich. Er wurde einer sexuellen Belästigung, die er vor 27 (!) Jahren, als er an Harvard lehrte, begannen haben soll, beschuldigt. Das Gerücht wurde an die zur Wahl und Bestellung berufenen Professoren gesandt. Es gelangte natürlich sofort an die Öffentlichkeit. Die krisengeschüttelte britische Gesellschaft nahm dankbar das Gerücht auf und kochte die Schleimsuppe munter weiter, bis Walcott resignierte und die Oxford Professur of Poetry nicht antrat. Walcott, Jahrgang 1930, stammt aus der Karibik und erhielt 1992 den Nobelpreis für Literatur.

Bei der Poetenprofessur geht es nicht ums Geld, wie es vielen Ministern der Regierung ihrer Majestät ging bzw. immer noch geht, die in peinliche Spesenskandale verwickelt sind und den erneuten verrotteten Tiefstand Britanniens unter Beweis stellen, wie so oft, sondern um Ruhm und Ehre. Nur die Besten werden erwählt. Für diese Ehre gilt es zu kämpfen. Wie es scheint, mit allen Mitteln. Professionell. Das Vereinigte Königreich ist ja nicht gerade arm an Betrügern, Verleumdern, Verrätern und dergleichen, die smart höchste Ämter zum Eigennutz nutzen. Aber dass auch Vertreter der Hochkultur nicht makellos seien, gibt den Insulanern neuen Sensationsstoff. Endlich mal etwas und jemand ausserhalb der Hofkreise, die sonst, neben Wirtschaftskriminellen und Politdesperados, Dauerliefernten für Affären sind.

Es wurde also jemand anderer gesucht, der den ehrenvollen Job übernehmen könnte. Die Wahl viel auf die Dichterin und Schriftstellerin Ruth Padel, Jahrgng 1946, die einmal Vorsteherin der angesehenen English Poetry Society war, gegenwärtig Resident Poet am Christ's College in Cambridge ist sowie Fellow of the Royal Society of Literature und auch der Zoological Society of London. Sie hat sieben Gedichtkollektionen veröffentlicht sowie viele andere Bücher und mehrere Preise eingeheimst. Sie hat auch, für England wichtig, eine bedeutende Ahnenreihe vorzuweisen; sie ist Grossenkelin von Charles Darwin. Sie wurde berufen. Sie war damit die erste Frau, die diesen Thron, der schon seit 300 Jahren installiert ist, bestieg.

Kurz darauf wurde bekannt, das just sie es war, die das black mailing unternommen hatte. Sie hatte die E-mails mit den Anschuldigungen versandt. Zur Rede gestellt behauptete sie, in Sorge um die Studentinnen gehandelt zu haben und sah sich selbst als Opfer der Affäre. Zwar sah sie ein, dass es «stupid and foolish» von ihr gewesen sei, aber die Sorge usw. usf. England hatte einen neuen Skandal. Die kreativen Briten fanden auch gleich den passenden Terminus: «Padelgate». Aus war's. Frau Padel resignierte. Dafür war dann ihre Lesung beim Literaturfestival Hay-on-Wye sofort ausverkauft, während vorher kein «Griss» um die Karten war.

Jetzt muss eine neue Poetin oder ein neuer Poet gefunden werden. Deren soll es ja genügend geben im Mutterland der Demokratie und tief verankerten Klassengesellschaft. Aber wer möchte nach solch peinlichen Vorfällen sich dafür hergeben?

Spott und Hohn brachen los und zeigten, dass die Briten nicht nur schwarzen Humor lieben, sondern auch realistisch sind. Das Publikum interessiert sich schon seit langem mehr für Personen und Schlüssellochperspektiven als Werke. Dem kommen solche Agenten der Unterhaltungsindustrie entgegen. Zynische Kommentatoren empfahlen, Poeten sollten nicht verdeckt und hinterhältig, wie in «Padelgate», agieren, sondern offen sich in ihren Werken angreifen, angeifern und zerfetzen. Das stimmt, denn damit könnte die Gaudi erhöht und das Interesse ausgeweitet werden. Das käme auch den Eliteuniversitäten zugute und den Medien.

Jedenfalls beweisen diese Vorgänge die Praxisnähe der Dichtkunst und ihrer Vertreter. Sie haben sich voll eingefügt in die verleumderische, hemdsärmlige Ellebogengesellschaft und sie um kunstvolle Aspekte des Sykophantentums bereichert.

Daran könnten sich Dichter und Dichterinnen hierzulande ein Beispiel nehmen! Dann würden Poeten und Poetinnen öfter in den Medien erwähnt werden und das Volk verstünde die Nähe zu den banalen, profanen Niederungen. Die behauptete Kluft zwischen Hochkultur, Geist und schnöder Politik und Geschäft wäre als falsch erwiesen. Bei uns, aber auch in Deutschland oder in der Schweiz, läuft es noch altmodischer, verbrämter, gefilterter. Die Briten zeigen uns vor, wie man den Niedergang zelebriert und hoffähig macht. In der Dichtung geht's fast zu wie im Sport, wo anstatt gesunder Geist in gesundem Körper Doping und Betrug Spitzenerfolge sicherten. Echt authentisches Krisenverhalten, ganz dem Zeitgeist entsprechend. Eben modern.

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