Artifizielle Welten

14.06.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Immerhin steht das Motto der 53. Kunstbiennale in Venedig, dem ältesten internationalen Forum für nationale Künste, im Plural: «Weltenmachen». Doch mit der etwas hausbacken altmodisch klingenden Devise wird nur die Distanz zu den realen Welten, wie sie eben nicht durch Kunst gemacht werden, herausgestrichen, wiewohl sich das ganze Unternehmen seit je nationalistisch gibt und sich für unvoreingenommene Betrachter der bittere Bei- und Nachgeschmak einstellt, wie ihn die beliebten Völkerschauen und Weltausstellungen erzeugen.


Kunst wird, wie der Spitzensport, immer noch kollektiv, national, ja sogar nationalistisch präsentiert. Peinlich, insbesondere im Zeitalter erzwungener Globalisierung. Aber auch Buchmessen frönen Nationalliteraturen, als ob Nationen noch genuine, eigenständige Kulturen und Literaturen hätten, die wert wären, als solche rezipiert zu werden.

Kultürlich ist jeder Künstler zumindest einer Nation zugehörig. Aber ist es seine Kunst? Das setzte eine Deckung von nationalen Kulturwerten voraus mit denen des Künstlers bzw. seines Werkes. Das kann durchaus sein. Aber es wird so getan, als sei es ein Axiom, eine Unabdingbarkeit. Humbug.

Da sind sogar die verblödeten Autorennen noch offener, fast möchte man sagen «ehrlicher», wenn der Begriff überhaupt noch zu gebrauchen wäre, weil sie nicht vorgeben Nationen zu vertreten, sondern primär Firmen. Unternehmenskultur, die ihre Jockeys ins Rennen schickt, und wobei die Fahrer sekundär rangieren. Primär gilt die Marke, das Unternehmen (folgerichtig treten die Fahrer als wandelnde Litfasssäulen auf mit den Emblemen ihrer Freier).

Sollen Nationen als Marken, als Firmen fungieren? Waltet ein Kollektivgeist, gegen dessen Folie sich einige ausnehmen dürfen? Wer reklamiert wen und was?

Unabhängig vom veralteten Nationenkonzept, das jede Emanzipation Lügen straft, zeigt der Kunstrummel und das Kunstgeschäft, dass auch dort eine tiefe Krise herrscht, die man nervös wegreden und wegkaufen will. Dankbar nimmt man zur Kenntnis, dass die 40. Art Basel keine Einbussen verzeichnet, sondern im Gegenteil von Geschäftssteigerungen spricht. Das ist das Wichtigste: das Geschäft.

Der Geschäftsgedanke, das Profitdenken, ist der Garant für den Fortschritt. Ohne Fortschritt kein Erfolg. Das beweist ja, paradoxerweise, gerade die Weltwirtschaftskrise, die kein Naturereignis war und ist, sondern Resultat vernünftiger Geschäftspolitiken.

Eine Neuerung im Zeitgeist könnte sein, auch Künstler aller Art, Literaten, Schauspieler, Musiker, Maler und Bildhauer oder solche, die «neue Medien» als Medium nutzen, ebenfalls in Berufskleidung auftreten zu lassen, die eindeutig den Herrn preist, den gebührenden Ausweis der Herrschaft, die sie vertritt, offen zeigt. Warum soll diese Errungenschaft den Sportlern vorbehalten bleiben?

Damit würde der Zirkus um vermeintliche höhere oder tiefere Werte obsolet werden und wäre in Mitten der Sache, beim Geschäft. Auch beim globalisierten. Aber das wäre höchstwahrscheinlich kontraproduktiv. Es ist nicht einfach Nostalgie, weshalb man die Nationen beschwört und sich lügenhaft verhält. Es ist Kalkül. Heute dient der Nationalismus und sein Kult in der Kultur der Täuschung und Ablenkung. Substitutionskultur. Ersatz für beschädigte Identitäten, die dergestalt sich bestätigt sehen dürfen. Sozusagen eine Art Kitt im löchrig gewordenen Wertesystem. Eine ganz und gar verlogene Praxis. Diese kommt den Schwätzern und Kurzdenkern, unterstützt nicht nur von der Kulturindustrie, sondern auch seichten Kulturwissenschaften, entgegen. Es scheint, die Täuschungsmanöver haben Hochsaison - für lange Zeit.

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