Schöne neue Welt der Hominiden

10.07.2009

Ein Australopithecus afarensis, der auf Bäumen sitzt und von der Moderne träumt, ein Vormensch, ein Menschenartiger, ein Hominide eben, oder - noch genauer - ein Hominine. Das ist die Szenerie, in die uns der Wiener Autor Klaus Ebner führt, eine Welt vor Millionen von Jahren und doch eine Welt voller Anachronismen, die eine ganz spezielle Komik in diesem gerade mal hundert Seiten dicken Buch erzeugen. Pitar, so der prä-prähistorische Ich-Erzähler, eröffnet den Mitgliedern seiner Sippe die Träume, die ihn plagen (S. 10). Er versucht, ihnen Neues, noch nicht Erlebtes, noch nicht Erdachtes schmackhaft zu machen und damit den Fortschritt in Gang zu bringen, der für die Australopithecinen letztlich Evolution bedeutet.


In sieben mythischen Schöpfungstagen setzt die Hominidensippe wichtige Schritte zu ihrer Weiterentwicklung - klar, dass bei einer solchen Raffung Enormes vorweggenommen wird. Die Errichtung von Windschilden ist bloß der Anfang (S. 35); zumindest gedanklich geht Pitar auf Reisen: hinaus aus dem Regenwald in die Savanne, durch die Wüste, die, von der zentralafrikanischen Heimstatt der Gruppe aus gesehen, irgendwo im Norden liegt, über noch lange nicht gebaute Wege, Straßen und Autobahnen und mit einem Fluggerät zum Mond (S. 64). Um aufkeimende Konflikte in den Griff zu bekommen, gebiert Pitar sogar die Idee, ein Parlament einzurichten, doch die «Sprecherei» (S. 78) wird von den anderen Homininen nicht ernst genommen und der Anführer der Rotte zitiert selbstherrlich Winston Churchill und Abraham Lincoln. Trotzdem schürt Pitar weiterhin mit größter Begeisterung zumindest ein imaginäres Feuer.

Wie wir wissen, beherrschten Australopithecinen noch kein Feuer und sie stellten keine Werkzeuge her. Diese Eigenschaften macht sich die Erzählung zunutze. Allerdings lehrt uns die Wissenschaft auch, dass Australopithecinen noch nicht sprachfähig waren - wovon in diesem Buch keine Rede sein kann; ganz im Gegenteil, in der Homininenfamilie plaudern alle durcheinander, niemand ist auf den Mund gefallen, und Pitars Freund Carpediem nutzt den Tag, wie sein Name sagt, um lateinische Weisheiten und Zitate von sich zu geben. Klaus Ebner stellt auf seiner Website ein Glossar dieser Phrasen zur Verfügung, die im Buch leider fehlt. Die beschriebene Gesellschaft ähnelt einerseits der patriarchalen Hierarchie, wie wir sie am ausgeprägtesten bei heutigen Schimpansen vorfinden, und deutet bei den weiblichen Figuren ein soziales Matriarchat an; außerdem wird die matriarchale Gesellschaft der Zwergschimpansen oder Bonobos wörtlich erwähnt (S. 75). Natürlich gab es zur Zeit der Australopithecinen keine Schimpansen oder Bonobos, wie wir sie heute kennen. Aber dem Autor geht es auch nicht um paläoanthropologische Genauigkeiten, sondern um eine Spiegelung unserer Gesellschaft, um ein satirisches Bloßlegen menschlicher Verhaltensweisen. Und da ähnelt der königsgleiche Costello wohl dem Alphatier einer Schimpansenherde (oder einem klassischen Manager?), und die schlagfertige Akshaya mit ihren sozialen Bindungen erinnert an die Durchsetzungskraft der Bonoboweibchen (oder einer modernen Karrierefrau?).

Dass in dieser grauen Vorzeit so starke Frauen auftreten, ist nicht nur bemerkenswert, sondern macht den offensichtlichen Geschlechterkampf – Costellos Pascha-Allüren und sein Harem gegenüber der unbeugsamen Akshaya und der weisen Manisha; Entdeckung und Erfühlen der Liebe zwischen Pitar und Maluma sowie Lucy und Lao gegenüber einer vorzeitlichen Fortpflanzungssexualität und Unterdrückungsgeilheit – besonders brisant und lesenswert. Auf einer anderen Ebene fällt die stete begriffliche Vermengung und Durchmischung von Affen- und Menschenartigen auf, eine Verquickung, die nachdenklich stimmt und dem Leser die mitunter berechtigte Frage stellt, wo wir, die wir uns für doppelt sapiens halten, uns eigentlich einordnen sollten.

Die Liebesgeschichte, eigentlich eine ganz frisch aufkeimende Liebe, zwischen dem Ich-Erzähler und seiner – ursprünglich wohl zu Castellos Harem gehörenden – Maluma (ein Kunstwort der Weichheit, das wohl noch viele aus dem Psychologieunterricht kennen) ist geschickt und unaufdringlich eingeflochten und wird interessanterweise immer nur in den Kapiteln mit einer ungeraden Nummer erzählt – wodurch sich im ersten und letzten Kapitel eine zweite Deutung von Anfang und Ende ergibt. Es ist eine Geschichte, die zur politisch-gesellschaftlichen parallel läuft, obwohl es natürlich zwangsläufig Berührungspunkte gibt. Eindrucksvoll und im wahrsten Sinne des Wortes farbig die in einer satten Anspielung auf zwei unterschiedliche «Out of Africa» mündende Sonnenuntergangsszene des Liebespaars (S. 46). Eine überaus gefühlvolle Passage auch gegen Ende des Buches, wo die archetypische Lucy und der reichlich aus der chinesischen Kultur schöpfende Lao mit einem Säugling auf dem Arm daherkommen und Pitar zum ersten Mal begreift, dass der Kleine nicht ein Sprössling des Clanoberhaupts ist, sondern der beiden gemeinsames Kind (S. 96).

Ebner spielt mit der Hominisation ebenso wie mit der Sprache. Als etwa Pitar seinen engsten Freunden darlegt, dass er ja «einen Traum» hat, schimmert die berühmte Rede Martin Luther Kings durch die Zeilen (S. 57). Der ganze Text wimmelt vor Doppelbödigkeiten sowie Zitaten aus der Geschichte, aus der Philosophie und aus der Religion. Weisheiten aus den monotheistischen Weltreligionen werden mit jenen der ostasiatischen Philosophien vermengt und verschmolzen. Da tauchen Anspielungen an die Bibel ebenso auf wie Sätze aus dem Daoismus oder die koranische Maxime, dass in Glaubensfragen kein Zwang herrschen dürfe (S. 82). Dass hierbei kein Widerspruch entsteht, ist wohl eine Grundintention des Autors. Und eine andere, dass aus der Verarbeitung des jüdisch-christlichen Schöpfungsmythos und dessen Umkehrung insbesondere im letzten, dem siebenten, Kapitel einerseits eine Menge Augenzwinkern sprüht und andererseits eine nicht aufhören wollende Sentenz in vielfachen Bedeutungs- und Deutungsdimensionen.

Am Ende des Buches, das freilich der Menschwerdung einen Anfang gibt, bedauert Pitar in mehrschichtiger Kontradiktion das Fehlen der Schrift sowie die für ihn erst Millionen Jahre in der Zukunft liegende und somit unerreichbare Erfindung des Buches. Wir aber dürfen uns glücklich schätzen, dass wenigstens der Verfasser dieses kurzweiligen Textes Sumerer, Römer und Gutenberg abgewartet hat. Karin Gayer

Karin Gayer, Autorin von Prosa und Lyrik, geb. 1969 in Mödling, lebt heute in Wien. Jüngste Buchpublikation: «Nachtfieber», Erzählung, Arovell Verlag 2009.


Klaus Ebner: Hominide - Erzählung


100 Seiten, FZA Verlag, Wien 2008

ISBN 978-3-950229974, EUR 12,90

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