Dürfen's denn das?

19.07.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Der Ausspruch des epileptischen und als geistesschwach bezeichneten österreichischen Kaiser Ferdinand (1793-1875), der im Revolutionsjahr 1848, das die restaurative Epoche des Biedermeier, begonnen mit dem Wiener Kongress (1814), abschloss, zugunsten Franz Joseph 1. die Regierungsgeschäft übergab, ist zum Kernspruch einer abwehrenden, ängstlichen, unterdrückenden Zeit und ihrer Regime geworden.


Heute titelt eine Wiener Gratiszeitung «Darf das denn sein?» und mokiert sich besorgt, verärgert und erbost empört über «Plakate gegen Gott». Das Kleinformat wettert gegen Selbstverständlichkeiten, als ob es eine Agentur katholischer Mullahs wäre und heizt die Intoleranz an im Namen alter Werte. Sie geisselt die Freiheit, die sich einige doch noch zu nehmen trauen und dokumentiert damit einerseits ein ungeahntes Erstarken dunkler Religiosität und andererseits des daraus folgenden, sich weiter anbahnenden Tugendterrors, wie wir ihn vor allen von den gläubigen Moslems kennen, die als Hauptvertreter inhumaner Intoleranz weltweit auftreten.

Es scheint, dass der dauernde Umgang mit anmassenden Forderungen von Islamisten auch viele Christen und ihre Kirchen derart stärkt, dass immer frecher Forderungen aufgestellt werden können, von denen die Aufgeklärten meinten, sie seien nach Epochen der Bevormundung und Unterdrückung endlich überwunden.

Aber im Mantel sogenannter Religionsfreiheit wächst nicht die Freiheit der Ungläubigen, der Atheisten, sondern nur der Religiösen oder derer, die sich als solche ausgeben.

Krisenzeiten sind immer Nährboden für Rauschmittel, Drogen, Esoterik, Geisterglauben und andere Verrücktheiten. Religion rangiert wieder als legitimes Opium und verseucht das Denken vieler, die vielleicht das wenige, was sie davon hatten, retten hätten können für eigenständiges, aufgeklärtes Denken. So aber folgen viele, wie ehedem, den einfachen Wegen und Vorgaben und blöken willig als Schafe in der Herde. Und viele Medien agieren als Verstärker dieser unguten, gefährlichen Bewegungen, heizen den Prozess der Rückbildung an und feiern die neue Unmündigkeit als Fortschritt.

Atheistenorganisationen in vielen europäischen Ländern, vor allem in England, Deutschland, und Italien, haben schon seit einiger Zeit eine Plakatkampagne laufen, die mancherorts Debatten schärfte bzw. zu erbosten Reaktionen führte. Im Januar streikten in Genua christliche Busfahrer gegen Plakate, die, ähnlich wie in London, auf den öffentlichen Verkehrsmitteln gezeigt wurden und religionskritische oder, ihrer Meinung nach, abwertende Aussagen vertraten. Die Gewerkschaften erkannten die Richtigkeit dieser Niedertracht und unterstützten die Streikenden.

Die Wiener Verkehrsbetriebe weigerten sich ebenfalls, solche gottlosen Plakate «Es gibt keinen Gott» auf ihren Werbeflächen der Verkehrsmittel zu zeigen. Sie verstossen gegen sozialdemokratisches Ethos und stören den Religionsfrieden einer toleranten, multikulturellen Gesellschaft.

Wenn das so weitergeht, wird bald das Bekenntnis, man sei Atheist, für eine Strafverfolgung ausreichen, sagt es doch, dass man an keinen Gott glaube, was jeden Gläubigen, wenn er seinen Glauben ernst nimmt, empören muss. Nix da mit Toleranz. Man hat zu glauben oder zumindest zu schweigen. Keine Meinungsfreiheit, wenn es um Gott geht. Da Gott selbst nicht spricht, sondern sich dafür einiger Mittler bedient, der Priester und Profeten, seien es Nachfahren des Jesus oder Mohammed, ist klar, dass Kritik an den Stellvertretern auch schon ein Sakrileg darstellt. Wer es wagt, Gott selbst, z. B. Allah, der als Gott von Milliarden angesehen wird, gegen einen anderen Gott (wie teilen sich diese Götter eigentlich die Himmel?), den Jehova oder christlichen usw. zu stellen und damit zu «relativieren», wird bald verhaftet und bestraft werden wegen Blasphemie.

Ein neues Terrorregime von religiösen Gutmenschlern dräunt und lässt neue Kriege erahnen. Das Opium wirkt und die Krankengesellschaft der Götter und ihrer Vertreter wird rabiater. Unter anderem auch deshalb, weil eine falsche Wischi-Waschi-Toleranz von rosarotkatholgrünen, wertschwachen Schwätzern dies beförderte.

Noch heisst es nur rhetorisch «Darf das denn sein?», «Muss so was sein?» bzw. «Dürfen's denn das»? Bald wird, wenn keine konkrete Opposition erfolgt, dem ein schlimmerer Ton folgen. Von dort wird es nicht weit sein für Taten, wie sie in Unterdrückungsländern à la Iran üblich sind. Schlechte Zeiten für Humanismus und Humanisten.

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