Kunst ist nicht Kunscht

29.07.2007 Haimo L. Handl

Die art bodensee, heuer zum siebenten Mal organisiert, versammelt vor allem deutsche Galerien, einige aus Österreich und ganz wenige aus dem Bodenseeraum. Sie war so erfolgreich, dass das qualitätsbewusste Programm, wie der Fachbeiratsvorsitzende Prof. Hirn kurz im kleinformatigen Messsekatalog notiert, die Rückweisung einiger Galerien aus Spanien, Frankreich und Japan nötig machte, um den hohen Qualitätsstand zu halten, so dass man die geringere Internalisierung in Kauf nahm.


Das ist mannhaft und künstlerisch nobel. Doch der eigentliche Zweck, das Geschäft, der Gewinn, auch für den Kunden, ist nicht aus dem Visir: «Zusätzliche Freude bereiten Bilder, die neben ihrer Ästhetik auch ihren Wert steigern.» (Hirn)

Bestimmten diese Wertsteigerungsversprechungen die Messe? Nur im kleinen Massstab. Irgendwie ist der art bodensee anzusehen, dass sie provinziell versucht, aber noch nicht erreicht hat. Vielleicht führt das bei einigen Ausstellern zu frustriertem Verhalten; ich jedenfalls staunte über die wenig offene, verschlossene, unkommunikative Art vieler Galeristen, die ostentativ in ihren Laptop glotzten, kaum aufblickten, keine Mimik oder Gestik zeigten, die positiv zu deuten gewesen wäre. Ich kenne keine Messe, wo so abweisend, fast arrogant aversiv aufgetreten wird, wie in Dornbirn. Vielleicht eine Komplexreaktion auch aufgrund des mageren Geschäfts.

Ich führte einige Gespräche und hörte «im Vorbeigehen» Bemerkungen, die diese Enttäuschung und Frustration ausdrückten. In Berlin sei das anders, auch in Köln. Klar. Die Basler Kunstmesse hat ein anderes Klima. Und sogar auf der Frankfurter Buchmesse fand ich kommunizierende Leute und nicht so frustriert abblockende Typen wie in der Provinz hier.

Der Trend, mehr Deutsche von weit weg, weniger oder gar keine Galerien aus dem Bodenseeraum, wie man naiverweise erwarten möchte aufgrund der Namensnennung, könnte die Kehrseite einer verunglückten Unternehmung indizieren: ein paar Nummern zu gross gewollt und unfähig, sich mit dem Regional-Lokalen bestmöglich zu arrangieren, könnte das ganze Unternehmen doch gleich als Dependance eines Mega-Events aus einer der Kunstmetropolen temporär importiert werden, damit man Namen hat, die glänzen. Aber hätte man dann auch das Geschäft? Es scheint, die betuchte Klientel ist nicht so zahlreich vertreten, wie man es sich für diesen Geschäftssektor wünscht. Trotz Festspielen in Bregenz. Trotz Werbung in einschlägigen Medien.

Drei Galeristen habe ich angefragt, weshalb sie nicht ausstellen in Dornbirn. Alle nannten Wirtschaftsgründe. Es habe nichts gebracht, es verspreche nicht etwas zu bringen. Haben die anderen bessere, qualitativ hochwertigere Kunst? An der Qualität liegt es nicht. An den Preisen? Viel Ware ist im unteren Preisfeld angesiedelt. Woran liegt es?

Soll der Staat einspringen und subventionieren, damit die Reichen eher kommen und kaufen? Das macht er doch mit den Festspielen ebenso. Riesenbudgets, und das Gerede von der Umwegrentabilität legitimiert alles. Erfolg ist garantiert: für das Volk durch Gaudi und Massenklamauk, für Kenner durch exquisite Höchstqualität.

Den Künstler und Galeristen, der mir über Berlin und Köln und von dem gänzlich anderen Kaufpublikum vorschwärmte, fragte ich, weshalb er überhaupt in die Provinz reise. So naiv könne er doch nicht sein zu meinen, hier ähnlich verkaufen zu können wie in der Grossstadt mit künstlerischem Hintergrund. Er hat es halt probiert. Ob er’s wieder probieren werde? Nein.

Meine subjektiven Eindrücke und die wenigen Gespräche sind natürlich nicht repräsentativ und beanspruchen überhaupt keine Objektivität. Ich bin sicher, nach Abschluss der Messe von einem schönen Erfolg lesen zu können. Meiner Einschätzung fehlen die «harten Fakten», die Verkaufserfolgszahlen.

Aber die Stimmung nahm ich war. Sie war weder künstlerisch, noch quirlig kulturoffen. Sie war provinziell. Schade eigentlich. Denn die art bodensee war diesmal in zwei besser ausgestatte Hallen umgezogen.

Im «Fachpresse-Corner» hätte ich neben wenigen Kunst-Ausstellungszeitschriften auch den «Falter» mitnehmen können oder die «Wienerin». Da verstand ich das rigide Qualitätsverständnis und seine Etikettierung. Kumm, Kunscht!

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