Weltnationalliteratur

02.08.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Spricht man von «Weltliteratur», müsste man für das bessere Verständnis eigentlich auch klären, welche Welt man meint. Welt ist nicht gleich Welt. Immer noch, trotz der herrschenden Globalisierung, wird sie von Nationen bestimmt, dann auch von Religionen oder auch Ethnien bzw. Rassen. Da hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht viel geändert, nur die Mittel der Technik und Kommunikation haben sich modernisiert. Der Geist, so wird uns überall drastisch vor Augen geführt, schickt sich in die «Sachzwänge», wie man die Gegebenheiten nennt und damit legitimiert, und die Berufungen auf Eigenheiten eigener Kultur, als deren Ausdruck manchmal auch die Künste inklusive der Literatur gehandelt werden, sind eher einem Marktkalkül zuzusprechen, als einem reifen, genuin eigenem Kulturverständnis.


Üblicherweise pflegten Angehörige kleiner Nationen, verwickelt in die komplexen Probleme von Minderwertigkeitsgefühlen, schwachen Identitäten, Hang und 'Drang nach Absonderungen, Grenzziehungen, Betonen von reklamierter Unverwechselbarkeit, in einem schier chauvinistischem Gehabe, wenn nicht von vornherein in krankhaft extrem nationalistisch-mythischer Manier, das Eigene herauszustreichen.

Doch die Globalisierung zeigt, dass ganze Kulturkreise dem Fieber erliegen können und nicht Toleranz oder Austausch suchen, Verständigung, sondern herrisch, gebieterisch Anerkennung fordern. Ob das nun viele Vertreter moslemischer Länder und Kulturen sind oder Angehörige asiatischer, lateinamerikanischer und afrikanischer Länder, die endlich einmal in einer Weise respektiert und bewertet werden wollen, wie sie es wünschen und fordern, überall dort, wo die globalisierte Kultur herrscht, und sie herrscht, nicht nur dem Namen nach, tatsächlich global, zumindest in den wichtigsten Bereichen, wird versucht, dem etwas genuin Eigenes als Authentisches entgegenzustellen, wiewohl gleichzeitig die Hauptorientierung nach den globalen Werten erfolgt, die nun mal aus dem Westen, aus dem euroamerikanischen Wertepool stammen.

Die politischen Revitalisierungsversuche eines sogenannt revolutionären Kommunismus von Kleinstgruppen als Antwort auf den zügellosen Kapitalismus sind peinlich und traurig, da die letzte kommunistische Grossmacht, China, kapitalistisch geworden ist und das einzige kommunistische Reservat eine verarmte Diktatur ist.

Um die Lebensqualität im heiligen Land der Islamisten im Iran kann es nicht weit her sein, wenn das Regime so vehement gegen Kritiker und Demonstranten vorgehen muss, um sich an der Macht zu halten. Zensur, Verfolgung, Folter und dergleichen signalisieren überall eine tief sitzende Schwäche.

Auch an der Behinderung der Schriftsteller, den Verlagswesen und der gesamten Literatur kann man den geistigen Terror von verbrecherischen Machthabern ablesen. Sie haben Angst. Solche Ängste haben immer schon, in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg, in Jugoslawien vor wenigen Jahren, zu Verfolgung und Terror geführt. Es ist kein Zufall, dass in den islamischen Ländern, in den meisten asiatischen und afrikanischen dieser Terror alltäglich vorherrscht.

Aber jenseits der profanen politischen Aspekte gibt es einen literarischen, künstlerischen: wann ist z. B. eine Literatur als «chinesisch» oder «iranisch», «deutsch», «österreichisch» oder «schweizerisch» zu sehen? Welche gemeinsamen Merkmale prägen die US-amerikanische? Welche die britische? Das Spiel lässt sich für jede reklamierte Nationalliteratur anwenden.

Je stärker das gesellschaftliche Moment, das Nationale gefordert wird, desto geringer MUSS das Individuelle ausfallen, weil sich das Produkt ja eingefärbt hat, weil der Autor seine Nation mit ihren Werten, Problemen und Aufgaben, «widerspiegelt». Diese Haltung, Ausdruck eines Ungeistes, scheint wieder Saison zu haben. Autoren, die zu einem eigenen Stil gefunden haben, die Themen wählen, denen nicht die Herkunft ablesbar ist, die nicht national zuordenbar sind, werden in vielen Heimatländern geschmäht. Es ist, als ob der Gebrauch der nationalen Sprache und die Herkunft einen verpflichte so zu schreiben, dass deutliche Spuren erkennbar bleiben. Eine Entmündigung. Eine Vereinnahmung. Ein Skandal.

Im Umkehrschluss zeigt sich ein Problem, das gerade für die schwätzerischen Repräsentanten der vielbeschworenen Multikulturalität und der interkulturellen Austäusche inakzeptabel scheint: mit der Emanzipation geht das national Genuine verloren, das festmachbare Ethnische etc. Aber gerade das will man als Marke, als Ausweis, als Heilszeichen oder als Neuform eines Stigmas, eines Kainszeichen.

Auf einmal zeigen sich Gutmenschler, die für Multikulti plärren, intolerant und unduldsam, wenn Angehörige aus «Opfernationen» sich künstlerisch individuell in einem Masse zeigen, dass ihren Werken par tout keine gesuchten Merkmale zu entnehmen sind. Die werden als Verräter gebrandmarkt. Hier kollaborieren plötzlich Stellvertreter mit den Schergen in den Heimatländern solcher Autoren und Künstler. Nicht immer sind es prominent gewordene, wie Salman Rushdie. Meist sind es weniger Bekannte, die «zwischen den Stühlen» keinen Platz finden: daheim verfemt, in der Fremde abgelehnt, weil das Bild nicht stimmt.

In den Wissenschaften ist es leichter. Die Zeiten, wo eine Nation meinte es sich leisten zu können, eine Physik als jüdisch und daher minderwertig zu verwerfen, sind vorbei. Gerade in den Naturwissenschaften gilt ein Internationalismus, wenn nicht gar Universalismus, den es im Kulturbereich noch lange nicht geben wird.

Trotz aller Verschiedenheiten der Kulturen, die ich begrüsse und eine Bereicherung finde, bedarf es aber keiner Festschreibung. Die vergewaltigt. Und wenn einer aus Südafrika so schreibt, dass ich nicht erkenne, ob ein Chinese oder Japaner schreibt, ist das doch kein Nachteil. Weshalb wird da nicht die Meisterschaft der Stoffbehandlung, der Sprachmittel etc. gesucht, gefunden und bewertet? Wer ist da intolerant? Die Gutmenschler und am Helfersyndrom Leidenden, wenn auch in anderer Art, als die Schergen daheim, denen Individualität, eigenes Denken und eigener Ausdruck ein Dorn sind.

Wenn China im Oktober als Gastland der Frankfurter Buchmesse das Leitthema vorgibt, werde ich nicht einfach chinesische Literatur suchen, sondern eher Literatur aus China. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ich hoffe, es wird nicht nur chinesische im althergebrachten Sinn offeriert.

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