Schmierenjournaille

09.08.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Der Titel ist eigentlich ein Pleonasmus, denn Journaille ist Schmiere. Die bewusste Verbindung soll die Betonung verstärken, weil viele heute die negative Bedeutung von Journaille vielleicht nicht mehr kennen. Die meisten Boulevardblätter sind dieser Gattung zuzurechnen, hier und anderswo. In Österreich schreibt das Schmierblatt «Österreich» z. B.: «Zeugen Jehovas verhindern U2-Konzert. - Wien Tourismus bedauert U2-Absage.»


Der unbedarfte Leser versteht, falls er zumindest Basisdeutsch beherrscht, dass die Zeugen Jehovas ein Konzert verhindert haben. Er schliesst daraus, dass diese Leute jetzt nicht nur stumm am Strassenrand stehen und ihren Wachtturm feilbieten, sondern aktiv ein Popkonzert verhindern. Ist das ihre Missionsarbeit?

Aber nichts davon stimmt. Schon 2007 wurde von ihnen das Ernst Happel-Stadion in Wien für ihren mehrtägigen Kongress im August 2009 gemietet. Just zum selben Zeitpunkt wollte das Management der U2 ein Konzert in Wien. Ging aber natürlich nicht, weil zu spät gekommen.

Jetzt wird so berichtet, als ob die Schuld bei den verfluchten Sektierern liege: diese verhindern das begehrte Konzert. Erst im Text erfährt man das Bedauern, dass Wien halt kein zweites gleichwertiges Stadion für Monsterauftritte hat und deshalb die Musikbarden nicht kommen können. Wien Tourismus wird zitiert, die gerne beide «Events» gehabt hätten, weil das noch mehr Geschäft bedeutet hätte.

Im Kommentar «Wien Standpunkt» wird salbungsvoll von einer Tussy geschrieben: «Ja, klar können die Zeugen Jehovas ihren Kongress abhalten wo sie wollen.» Nein, können sie nicht. Nur dort, wo ihnen vermietet wird. Und das geschah nach geltendem Recht. Dann wird das Bedauern mit einer schlussfolgernden Logik geäussert: «Für die Musikstadt Wien ist es aber kein rühmliches Blatt, dass eine der spektakulärsten Bands ... sonst wohin ausweichen muss, weil es in Wien keine zweite Location gibt, wo man ein solches Event veranstalten könnte. Damit entgeht der Stadt übrigens auch viel Geld. Und uns gute Musik».

Vordergründig wird betont, dass die Zeugen natürlich ihr Recht haben etc. Aber dann wird auf den Geschäftsentgang verwiesen, der natürlich primär mit dem Zeugenkongress im Stadion zu tun hat. Und erst nachher mit dem Fehlen eines zweiten Grossstadions.

Die Botschaft ist klar: Wir, die Wiener Musikliebhaber, verlieren einen Musikgenuss UND ein gutes Geschäft, weil eine Religionsgemeinschaft zum falschen Zeitpunkt das Stadion besetzt hält. Sie verhindern also...

Wenn man sich vorstellt, dass anstatt der Zeugen Jehovas Juden genannt würden oder Roma bzw. Sinti, die man zwar als Zigeunermusiker schätzt, aber sicher nicht als Verhinderer von U2 oder sonst einer Popanstalt, kann man sich den geschürten Ärger, die Instrumentalisierung der untergründigen Wut, das Sticheln und Anheizen der primitiven Volksseele, der jetzt ein Musikhappen verloren geht, gut vorstellen. So war das in den Dreissigerjahren geschehen, so gefährlich frech und fast kriminell hetzen, noch etwas formal verdeckt, die «Österreicher» heute. Die niederen Instinkte des Neids und des Verlustes (wir hätten mehr verdienen können - wer wir?) werden unverfroren geweckt und genährt. Heute ist es ein Konzert, das den Österreichern wegen der Zeugen entgeht, morgen sind es X Arbeitsplätze, Wohnungen oder Sozialleistungen, die die Österreicher verlieren wegen einer solchen Gruppe. Bekannte Methode. Österreich.

Ich habe bislang keine scharfe Zurückweisung und Kritik gelesen, weiss noch von keiner Klage. Die wäre jedenfalls wegen der eindeutigen Falschaussage möglich. Aber es sollte auch die Verhetzung geprüft werden, die diese Schmierer unternehmen.

Dass der Nichtauftritt einer Rockgruppe überhaupt so mit dem Jehova-Kongress in Zusammenhang gebracht wird, ist schon skandalös. Denn niemand zählt all die verhinderten Events auf, die z.B. wegen einer Fussballveranstaltung nicht erfolgen können usw. Dass hier so falsch und tendenziös «berichtet» wird, ist Teil einer Diffamierungspolitik, eines Populismus, von dem die Schmierer sich erhöhte Aufmerksamkeit bei einem Publikum erhoffen, das sie sicher kennen und «mediengerecht» bedienen.

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