Antichrist

15.09.2009 Walter Gasperi

Aus einer tiefen Depression versuchte sich Lars von Trier mit der Arbeit an einem quälenden Ehedrama, das langsam schockierenden und kaum zu ertragenden Horror entwickelt, zu befreien. Entstanden ist so ein visuell und akustisch brillanter, sehr konzentrierter und dichter, in seiner Radikalität lange nachwirkender, aber auch abgrundtief pessimistischer Film über den unüberbrückbaren Gegensatz von Mann und Frau.


Schon die Schreibweise des Titels stellt eine Provokation dar: Das «t» dreht Lars von Trier um und macht daraus das Zeichen für das Weibliche «♀». – Die Frau als Antichrist schlechthin? Leicht kann man dem Dänen da wieder einmal extremste Misogynie vorwerfen. Doch damit macht man es sich wohl auch wieder zu einfach, übersieht, dass der Däne auch ein raffinierter Spieler ist, der gezielt provoziert, um beim Zuschauer einen Nachdenkprozess auszulösen.

Am Beginn stehen wenige Credits auf verschmierten Holzbrettern, auf die ein in brillantem Schwarzweiß fotografierter Prolog folgt. Zur sanften Arie «Lascia ch’io pianga» aus Georg Friedrich Händels Oper «Rinaldo» sieht man ein Paar beim Liebesspiel unter der Dusche, sieht kurz in Großaufnahme den in die Scheide eindringenden erigierten Penis, in Zeitlupe fallende Wassertropfen und vor dem Fenster tanzende Schneeflocken. Das Babyphon hört das Paar in seiner Extase nicht. So zeigt von Trier in Parallelmontage, wie das Kind das Gitterbett verlässt, das Paar beim Sex beobachtet, auf einen Tisch am Fenster steigt und in Zeitlupe mit dem Teddy aus dem Fenster fällt. Von berückender Schönheit ist diese wortlose Eröffnung, in der Tod und Lust aufeinander treffen und aus dem Geschlechtsakt nicht Leben entsteht, sondern vernichtet wird.

Gleichzeitig wird mit dem Text der Arie («Lass mich weinen über mein grausames Schicksal und lass mich für Freiheit seufzen. Möge der Kummer brechen die Fesseln meiner Qual, wenn auch nur um des Mitleids willen») und mit den auf herumliegenden Blättern geschriebenen Wörtern «Schmerz, Trauer und Verzweiflung» auch schon auf die folgende Handlungsentwicklung vorverwiesen.

Klassisch aufgebaut hat von Trier dieses Drama, mit dem er sich von seiner eigenen tiefen Depression zu therapieren versuchte. Dem Prolog am Beginn entspricht am Ende ein wiederum schwarzweißer, wortloser und von Händels «Lascia ch´io pianga» begleiteter Epilog und zwischen dieser Klammer finden sich die vier Kapitel «Trauer», «Schmerz», «Verzweilfung» und «Die drei Bettler», von denen die beiden mittleren noch mit den Untertiteln «Chaos reigns» beziehungsweise «Gynocide» versehen sind.

Ganz auf das namenlos bleibende Paar konzentriert sich von Trier, keine weiteren Personen gibt es im Film. Den Raum nimmt der Däne zudem im ersten Kapitel «Trauer» durch geringe Schärfentiefe zurück, fokussiert auf den Gesichtern und erzeugt durch Schwenks statt dem üblichen Schuss-Gegenschussverfahren und schnellen Zooms eine Unmittelbarkeit und Dichte, die den Zuschauer ins Geschehen hineinzieht.

Gegen jede Vernunft will der Mann, der Therapeut ist, seine Frau selbst behandeln. Sein Versuch ihre Ängste ans Tageslicht zu bringen führt sie in ein Waldhaus mit dem sprechenden Namen «Eden». Hier spielt nicht nur der Großteil des Films, sondern hier wollte auch die Frau vor dem Tod des Kindes ihre Dissertation über Hexenverfolgungen zu Ende schreiben.

Den Exorzismus seiner eigener Ängste, den von Trier mit diesem Film betreibt, versucht der Mann mit seiner von Schuldgefühlen geplagten Frau, doch diese Therapie fördert nicht nur kindliche Urängste, sondern immer deutlicher auch unüberbrückbare Gegensätze von Mann und Frau an sich zu Tage. Der kalten Vernunft des Mannes, der kaum zu trauern scheint, steht die Emotionalität der Frau gegenüber, deren in der Zivilisation unterdrücktes Wesen in der Natur erst wirklich hervorbrechen kann.

Traum- und alptraumhafte, teils an Brueghel erinnernde Bilder schafft Starkameramann Anthony Dod Mantle in diesem ganz auf Blau-, Grau- und Grüntöne reduzierten Film. Über eine Holzbrücke - und damit auch von der Realität in eine märchenhafte Welt des Unterbewußten - führt der Weg zum Haus, auf das bald Eicheln wie Hagelkörner prasseln werden. Im Wald stößt der Mann nicht nur auf einen Fuchsbau unter einem riesigen Baum, sondern sieht auch ein Reh mit einem halbgeborenen toten Fötus, einen Fuchs mit offenen Eingeweiden, ein Vogeljunges, das von einem Raubvogel gefressen wird, und später einen Raben und auch ein abgestorbener Baum fehlt nicht. - «Freud ist tot» stellt die Frau einmal fest, und doch ist «Antichrist» voller Symbole, schafft immer wieder verstörende Bilder und mit einem Sounddesign, bei dem von Trier statt mit Musik mit tiefem Brummen und Naturgeräuschen vom Rauschen des Windes im Farn und den Bäumen bis zum Vogelgezwitscher arbeitet, eine beunruhigende Atmosphäre.

Vollends irritierend ist schließlich, wie der Fuchs das zweite Kapitel beschließt, wenn er aus dem Nichts heraus mit der Stimme Lars von Triers verkündet «Chaos reigns». Das weckt natürlich Erinnerungen an «Dogville», in dem der nur auf den Boden gezeichnete Hund zu bellen anfängt. Vom quälenden Ehedrama à la Ingmar Bergmans «Szenen einer Ehe» entwickelt sich «Antichrist» von diesem Punkt an auch konsequent weiter in Richtung Horrorfilm, dessen Schrecken freilich in von Triers abgrundtief pessimistischer Sicht der Beziehung der Geschlechter liegt.

Denn wie der Däne in «Breaking the Waves» mit dem Genre des Melodrams und in «Dancer in the Dark» mit dem Musical arbeitete, so hier mit dem Horrorfilm. Da erinnern die Ausgangssituation mit dem Verlust des Kindes und die gelben Regenmäntel – die einzig leuchtenden Farben im Film – zwar an Nicholas Roegs «Wenn die Gondeln Trauer tragen», doch von Trier geht in seiner Radikalität wiederum weit darüber hinaus. Gerade in der Engführung der Geschichte, der Fokussierung auf das Paar und in dem, was er Willem Dafoe und besonders Charlotte Gainsbourg dabei abverlangt, von denen vor allem Gainsbourg einen grenzenlosen Mut zur Selbstentblößung an den Tag legt, weitet sich «Antichrist» zur grundsätzlichen Geschichte über Mann und Frau, wird zur Adam-und-Eva-Geschichte, bringt aber gleichzeitig mit dem Verweis auf die Hexenverfolgungen eine historische Dimension ins Spiel.

Wenn sich hier der Mann und die Frau, deren Schuldgefühle gegen Ende in subjektiven Rückblenden als berechtigt dargestellt werden, zerfleischen, dann findet von Trier dafür auch Bilder, die in ihrer Drastik kaum zu ertragen sind. Da wird ein Unterschenkel mit einem Handbohrer durchbohrt und ein Schleifstein daran befestigt, um die Flucht zu verhindern. Aus dem erigierten Penis spritzt Blut statt Sperma und die Frau schneidet sich mit der Schere die Klitoris ab.

Weil sich dabei freilich die Grenzen von Gut und Böse längst aufgelöst haben, Urängste die Triebfedern des Handelns sind und für von Trier die Angst vor dem jeweils anderen Geschlecht die größte Angst ist, ist der Vorwurf der Misogynie nicht haltbar. Der Mann ist für den Dänen nicht besser als die Frau. Er ist nur stärker, setzt sich letztlich durch und schafft sich so eine Idylle, die von Trier sarkastisch in einem kitschigen Bild von friedlich vereintem Fuchs, Reh und Raben, den «drei Bettlern», illustriert. Dieses Motiv «Der drei Bettler» ist freilich ebenso wie das Sternbild gleichen Namens eine Erfindung von Triers. Nur im Märchen kann es folglich ein Happy End geben.

Männerfeindlich ist «Antichrist» damit mindestens im gleichen Maße wie frauenfeindlich, verstörend aber und über sein Ende lange hinaus nachwirkend ist dieses radikale und teilweise fast unerträgliche Ehedrama wie kaum ein anderer Film der letzten Jahre. Offen bleibt dabei vorerst, inwieweit dieser filmische Therapieversuch Lars von Trier bei der Überwindung seiner Depression geholfen hat.

Wird vom TaSKino Feldkirch vom Freitag, 5.2. bis Dienstag, 9.2. im Feldkircher Kino Namenlos gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Antichrist»


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