Up - Oben

22.09.2009 Walter Gasperi

Ein alter Mann hebt mittels Luftballons mit seinem Haus im wahrsten Sinne des Wortes ab. Heimlich eingeschmuggelt hat sich ein vorlauter Junge. Dies ist freilich erst der Beginn eines – wie bei einem Werk aus dem Pixar-Studio nicht anders zu erwarten - bezaubernden, souverän Witz, Gefühl und spannendes Abenteuer mixenden Animationsfilm.


In hellblau und rosarot gehalten ist der kurze Vorfilm, in dem von Störchen erzählt wird, die von Wolken aus Kinder auf der Erde verteilen müssen. Nicht gut erwischt hat es da der, der kleine Krokodile, Igel oder Haie im Säckchen austragen muss, wird er doch arg gerupft. Auch eine metallene Schutzausrüstung taugt da nicht viel, hat man mal einen elektrischen Fisch zu transportieren.

So einfallsreich, poetisch und liebevoll wie dieser Vorfilm ist auch der Hauptfilm. Sogar die Störche werden dabei in der Haupthandlung zumindest ansatzweise wieder aufgenommen. Zunächst geht es aber um den kleinen Carl, der im Kino begeistert ist, vom Forscher Charles Muntz. Als dieser wegen eines Betrugsversuchs aus der Gemeinschaft der Forscher unehrenhaft entlassen wird, verschwindet er mit seinem Luftschiff, doch für den kleinen Carl bleibt er ein Idol und Muntz´ in Südamerika gelegene Paradise-Falls sein Traumziel.

Bald lernt der kleine Carl in einem halb verfallenen Haus die etwa gleichaltrige Ellie kennen und wie «Up - Oben» nun in wenigen Minuten wortlos von einer langjährigen Ehe, von Hochzeit über Kinderlosigkeit bis zum Tod der Frau und einem einsamen Wittwerleben mit Rückenschmerzen, Stock und Treppenlift erzählt, das ist ein emotional bewegendes filmisches Kabinettstückchen, in dem alles drin ist, was Kino bieten kann und damit freilich auch schon ein glanzvoller früher Höhepunkt, der in der Folge nicht mehr zu erreichen, geschweige denn zu übertreffen ist.

So sitzt folglich der kleine Junge vom Beginn nach kaum zehn Filmminuten als verwitweter und verschlossener Greis in seinem alten Häuschen, um das neue Bauprojekte wuchern. Wie im Vorfilm dominieren sanfte Farbtöne, wieder viel hellblau und rosa, aber die Welt ist feindlich. Denn längst hätte der Bauleiter, dessen nur angedeutetes Gesicht seine Anonymität betont, dafür gesorgt, dass der alte Mann, der sein Grundstück nicht verkaufen will, in ein Seniorenheim abgeschoben wird. Doch der weigert sich beständig, droht aber zwangsdelogiert zu werden, als er einem Bauarbeiter erbost mit seinem Stock einen Schlag verpasst.

Als Ballonverkäufer ist im Laufe seines Lebens aber viel Ware übrig geblieben und so hebt Carl Fredricksen vor den verdutzten Altenpflegern, gezogen von hunderten bunten Ballons, im wahrsten Sinne des Wortes ab, und fliegt – nein fährt natürlich - über Stadt und Felder. Vielleicht haben sich Pete Docter und Bob Peterson bei diesem durch die Lüfte schwebenden Haus ja von Hayao Miyazakis «Das wandelnde Schloss» inspirieren lassen.

Allein bleibt der alte Mann aber nicht lange, denn plötzlich klopft hoch in den Lüften jemand an die Tür und draußen steht ein dicklicher Pfadfinderjunge, der sich unter der Veranda versteckt und so mit in die Höhe gezogen wurde. Durch einen dunklen Gewittersturm geht die Ballonfahrt, bis Carl Fredricksen, der immer schon vom großen Abenteuer träumte, in einem fernen, von der Zivilisation unberührten Land zu Boden schwebt, wo alsbald gefährliche Abenteuer zu bestehen sind, durch die die völlig konträren Helden auch reifen werden.

Nicht revolutionär ist die Animation, aber wie bei Pixar nicht anders zu erwarten state of the art, liebevoll und detailreich. Einfallsreich ist auch die Geschichte, bei der hier wieder ganz neue Figuren und Räume geschaffen werden und auch neuartig in den Themen, die angeschnitten werden. Gleich geblieben ist zu früheren Filmen nur das Bemühen sowohl Kinder als auch Erwachsene anzusprechen und für den Film zu gewinnen. Für die Kinder gibt es eine Abenteuergeschichte, Action, die sich mit Fortdauer steigert, und Humor sowie den jungen Pfadfinder als Identifikationsfigur.

Für Zuschauer jeder Altersgruppe schön anzusehen ist, wie sich der Junge, der keine Mutter hatte und für den der Vater nie Zeit hatte, und der alte Mann – beide einsame Außenseiter der Gesellschaft – sich langsam näher kommen. Da wandelt sich vor allem der verbitterte und wortkarge Alte im Lauf der Geschichte, lässt sich vom stets plappernden Jungen anstecken, die Ichbezogenheit aufgeben und begeistern für den Einsatz für Schwache.

Einen großen Reichtum weist «Up - Oben» aber auch an existentiellen Themen auf, die vor allem Erwachsene ansprechen können und werden. Das geht von der Ehegeschichte, über die Notwendigkeit loszulassen – zunächst Materielles, dann aber auch die verstorbene Frau – bis hin zu Jugendträumen vom wahren Abenteuer in fremden Ländern, denen die ganz normale Ehe als das eigentliche Abenteuer des Lebens gegenübergestellt wird. Es geht eben nicht ums «Oben sein» wie der fehlerhafte und den Sinn entstellende deutsche Titel verspricht, sondern um das Aufsteigen, das Loslassen und sich vom Ballast Befreien, das im englischen «Up» zum Ausdruck kommt.

Als Erwachsener mag man sich an manchen Figuren im fernen Land, an der Disney-üblichen Zweckgemeinschaft zur Besiegung des Bösen stören, dafür findet sich hier auch ein interessantes Spiel mit der Filmgeschichte, wird doch der Unterwerfung der Natur, den heldenhaften Forschern und Großwildjägern der klassischen Abenteuerfilme hier der Schutz der Natur und der Arten gegenübergestellt. Klug gespielt wird so nicht nur mit klassischen Filmgenres, sondern auch der Paradigmenwandel im Denken über Fremdes und Exotisches verarbeitet.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Up - Oben»

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