Dauergefahren

27.09.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Letzthin fiel mir eine Häufung eigenartiger bzw. befremdlicher Überschriften in einem Fachpressedienst auf. Es ist das Durchscheinen der negativen Ideologie, das stört und aufmerken lässt.


Ohne Wertreihung hier eine Auswahl solcher Titel, die programmatisch sein könnten:

  • Privatsphäre kann Innovationsrisiko sein
  • Ladenschluss gefährdet Sicherheit an Bahnhöfen
  • Forscher warnen: iPod-Playlists schüren Vorurteile
  • User-Inhalte fressen Arbeitszeit von Journalisten
  • Trauer kann zu Herzerkrankungen führen
  • Gehirn speichert auch Vergessenes

Die Liste liesse sich fortführen. Die Beispiele mögen genügen, um sich Fragen zu stellen, falls die Sätze auffallen. Bei einer Konferenz in Griechenland, wo über Netzwerke und Sicherheit gesprochen wurde, warnte ein amerikanischer Professor vor der verderblichen Überbeachtung der Privatsphäre, was nur nötige Innovationen behindere: «Privatsphäre und Sicherheit sind zukunftsfeindlich.» Man wundert sich, zumal von fast allen Staaten die Privatsphäre unterminiert und ausgehöhlt wird durch flächen- und systemdeckende Überwachungseinrichtungen, die just aus einem vorgeblichen Sicherheitsbedürfnis (Krieg gegen den Terror) legitimiert werden. Was will dieser Fritze noch? Dass der Mensch mit seinen hausbackenen Ansprüchen auf Privates zzurücktrete bzw. zurückgewiesen werde. Privatsphäre ist ein Luxus, der nicht mehr zu gewähren ist, er stört das System, er behindert die Innovation. Innovation, die es auch zu verbesserter Ausbeutung und Niederhaltung braucht.

Den Ladenschluss mit Sicherheit zu koppeln, unternahm die «Allianz pro Schiene» gegen Absichten des Berliner Senats, den Sonntags- und Abendverkauf am Hauptbahnhof zu untersagen. Nach dieser Logik müssten die Läden nicht nur am Bahnhof immer offen halten, denn auch ausserhalb von Bahnhöfen grassiert prekäre Unsicherheit durch hohe Kriminalität. Nur durch Dauerkonsum kann Sicherheit gewährleistet werden!

Daten schüren Vorurteile. So einfach ist das. Liest jemand Playlists, erkennt er nicht nur Hörgewohnheiten oder Geschmäcker, sondern vorurteilt. Also nichts herzeigen, und wenn schon öffentlich im Netz agieren, dann anonym, verstellt, verlogen, täuschend usw. Wie im realen Geschäftsleben. Damit keine Vorurteile geschürt werden. Frage: weshalb gibt es sie trotzdem so penetrant?

Die Sichtung und Bearbeitung von User-Inhalten, das sind Beiträge, die Journalisten übermittelt werden, lenken sie von ihren eigentlichen Aufgaben ab, heisst es. Was sind diese? Keine User-Beiträge lesen sondern nur offizielle Presseaussendungen? Wie viele Journalisten recherchieren nicht über Sekundärmaterial, sondern direkt an Ort und Stelle, soweit das dafür tauglich und möglich ist? Aber hinter dem Lamento versteckt sich die angewiderte Abwertung der «User», die dank Technologie das Leben den herkömmlichen Schreiberlingen sauer machen.

Der «Tod eines Angehörigen stürzt Trauernde in tiefe Gesundheitskrisen», heisst es. So verallgemeinert ist das nicht haltbar. Es hängt immer noch von der Person, ihrer Persönlichkeit und ihrer Konstitution ab, neben all den anderen Aspekten des Betroffenseins (Nähe bzw. praktische Auswirkungen des Verlusts, wenn es denn einer ist - manche gewinnen ja durch das Ableben des Vererbenden...). Es ist der Versuch, neue Arbeitsfelder für Coaches und Betreuer zu legitimieren, die mit Expertenrat zur Stelle sind, weil die Menschen die Realität sonst nicht mehr meistern. Trauerarbeit? Das ist was für abstrakte Fachliteratur. Nur unter Expertenleitung bleibt Trauer ohne Gesundheitsgefährdung. Also Kurse für problemloses, gesundes Trauern!

Fast überall schlägt die verlogene Sorge der Betreuer-Kontrollore durch oder demaskiert sich das rüde Ausbeuteverhalten mit seinem Profitinteresse. Und viele Journalisten und Pressedienste kollaborieren, meist in holpriger, einfacher Sprache, manchmal sogar widersprechend falsch, wie in der letzten oben angeführten Schlagzeile. Sie verkehrt die Aussage des Artikels. Klingt natürlich reisserisch sensationell. Wenn das wirklich der Fall wäre, hätten wir ein mystisches Unikum, ein Paradoxon. Haben wir aber nicht. Zuerst: Gespeichert werden Eindrücke, ob bewusst oder un- bzw. unterbewusst. Vergessen werden können nur Gehalte, die bewusst geworden waren. Sonst könnten sie nicht vergessen werden. Ein unbewusst gespeicherter Eindruck kann nicht vergessen werden, weil er nie zu Bewusstsein kam. Vergessen bedeutet nur die Nichtabrufbarkeit von Gespeichertem. Es heisst nicht, und wird auch nicht behauptet, dass Vergessenes eliminiert sei. Das heisst, Vergessenes bleibt gespeichert, obwohl es aus verschiedenen Gründen zum Zeitpunkt X nicht abrufbar ist.

Wären solche Kurzfalschdenkerjournalisten und Redakteure sprachgeschult, wüssten sie es, weil es schon im Begriff enthalten ist; die Etymologie zeigt u. a. das Begriffsfeld von «aus dem Bereich, aus dem Besitz verlieren». Verlieren kann man nur, was man einmal besessen hat. Das, was nie besessen war, kann nicht verloren werden, es kann auch nicht vergessen werden.

Der Verweis auf eine «neue Studie», die nur für jene inhaltlich neu sein kann, die eben die früheren Erkenntnisse entweder nie zur Kenntnis genommen oder sie vergessen haben, soll die Zuversicht in die Neurobiologie steigern, obwohl sie manchmal etwas als neu offeriert, was anderen gar nicht neu oder unbekannt ist: «Unser Gehirn behält viel mehr Informationen gespeichert als wir später aktiv abrufen können.» Wer hätte etwas anderes gedacht? Die Forscher an der University of California in Irvine sicher!

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