La propriété, c'est le vol

05.08.2007 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Man muss ja nicht gleich so radikal sein wie der französische Soziologe und Ökonom Pierre Joseph Proudhon (1809-1865), der meinte, Eigentum sei Diebstahl. Aber die Fixierung und Versteifung auf Eigentum als Privates führt nicht nur zu fixierter Ungleichheit, sondern zu nachhaltiger Entwicklungshemmung. Extrem geschütztes Privateigentum ist asozial und zukunftsfeindlich. Vor allem im Geistigen.


Heute ist das vor allem an den extensiv ausgelegten Copy Rights zu merken und den Versuchen der «Eigentümer», geistiges Eigentum zu schützen, als ob es eine materiale Ware wäre. Man spricht z.B. von «Raubkopien», obwohl keine Waren verschoben werden, kein Gegenstand geraubt wird. Würde diese Logik konsequent umgesetzt, müssten sofort alle Bibliotheken geschlossen werden. Oder, in Wiederbelebung alter Tradition, Autodafés könnten zur Reinigung dienen, indem die Bücher wieder verbrannt werden, damit Diebe sie nicht in öffentlichen Diebstahlseinrichtungen, den Bibliotheken, lesen und vielleicht unerlaubter Weise Sätze daraus abschreiben oder kopieren.

Bis vor nicht allzu langer Zeit war es «nur» verboten, ein «geschütztes» Werk eigenmächtig zu verlegen. Der Raubdruck unterscheidet sich wesentlich von der sogenannten Raubkopie: es wird eine Ware ohne Rechte dazu produziert und vertrieben. Wenn ein Leser sich die Mühe machte, das Buch abzuschreiben, war dies kein Raub, so, wie das Lesen keiner war und ist: die Buchstaben bleiben im Buch, der «Geist», wenn der Text einen hat, sowieso.

Als die technologische Entwicklung aber dazu führte, dass ohne Mühe, ohne weiteres viele Bücher kopieren konnten, änderte sich der Begriff von «privat» sofort. Die Industrie hatte ihre Handlanger zur Rechtsbeugung. Obwohl keine Organisation Exemplare als Raubdrucke herstellt und vertreibt, gilt das individuelle Kopieren nicht mehr als private Handlung, sondern als strafbare Rechtsverletzung. Die technologische Entwicklung hebelte eine bisherige Rechtssicht und -praxis aus.

Was einer für sich tut, gilt als privat. Er vertreibt nichts, er wirkt nicht gewerblich oder geschäftlich. Wenn Tausende oder Millionen das Selbe tun, ist es nicht das Gleiche, weil es nach dem Willen der Mächtigen, der Eigentümer, nicht sein darf: es ist öffentlich, weshalb es verboten, geahndet wird, wie eine kriminelle Tat.

Die Frechheit der Besitzenden, der Eigentümer hat neue Höhen erreicht und schickt sich an, den Terror auszuweiten.

Die kurzfristigen Erfolge für die Industrie und Polizei können aber das eigentliche Problem, das eines der Kultur und ihrer Werte ist, nicht überdecken oder gar lösen. Es wird, dem Profitwahn der Gierigen gehorchend, zu immer weiteren Einschränkungen, Kontrollen, Verfolgungen führen, bis man fast nichts mehr frei zitieren darf oder schlussendlich fast nichts mehr öffentlich sagen darf, weil mehr und mehr Worte und Wortverbindungen «geschützt» werden als Eigentum oder als «Patent».

Wären der Humanismus und die Aufklärung diesem schnöd-dummen, kriminellen Eigentumsprofitdenken gefolgt, hätte keine gesellschaftliche Entwicklung stattfinden können. Man stelle sich vor: Die Schrift, das Schreibenlernen wäre damals «patentiert» und geschützt worden wie z.B. die Software von Bill Gate's Microsoft! Wer hätte zahlen können? Wie viele? Die Erfindung des Buchdrucks erzwang eine Alfabetisierung, die bei einer Rechtslage, wie wir sie heute als «normal» anerkennen, unmöglich, ungesetzlich, illegal gewesen wäre.

In den Wissenschaften und Künsten hätten sich keine Schulen und Stile entwickeln können, weil diese bedingen, dass Ideen massenweise übernommen, adaptiert und verändert werden. Das wäre wegen des rigiden geistiges Schutzes nicht möglich gewesen. Die Gesellschaften hätten zwar einige wenige «Gebildete» gehabt mit ihren kleinen Kreisen, die aber dem Wortsinn nach echte «Esoteriker» geblieben wären. Kein gesellschaftlicher Niederschlag, keine Kultivierung und Zivilisierung hätte stattgefunden.

Jene Geschäftstypen, die heute so frech ihr vermeintliches Recht fordern, könnte es gar nicht geben, weil nichts sich hätte bilden können, was wir unsere Tradition in Kultur und Wissenschaft nennen.

Die gegenwärtige Praxis des Copy Rights behindert massiv eine schnellere, bessere, breitere, weitere Entwicklung. Dass man z.B. 70 Jahre lang nach dem Tod eines Autors sein Werk schützt für die Erben, ist ein schlimmer Skandal. Das müsste sofort, morgen schon, geändert werden. Es reichen 10 Jahre, wenn überhaupt über den Tod hinaus Erben verdienen sollen.

Haben Sie sich einmal überlegt, wie reich unsere geistige, kulturelle Landschaft wäre, wenn so viele ihrer Schätze «frei», endlich frei wären? Anstatt weltweiten Zugang schneller zu ermöglichen, kollaborieren Profitgeier mit intoleranten Fundamentalisten für eine verstärkte Absicherung, Einbunkerung und Kontrolle. Die Geschäftemacher treffen sich mit den diktatorischen Freiheitsfeinden und fundamentalistischen Aufklärungsfeinden. Also sollten wir unsere Geschäftsleute, die Herren in der weissen Weste, näher ansehen und neu titulieren, entsprechend der schlechten Gesellschaft, der sie entstammen und für die sie arbeiten: für sich und ihren und ihrer Erb en Profit.

Wir haben keinen Staatsrundfunk mehr, aber immer noch müssen wir zwangsweise eine Zwangsgebühr entrichten. Was folgt morgen? Zwangsgebühr für Kopierer, Digicams und Computer? Ist doch schon in den Waren einkalkuliert. Wird es ausgeweitet werden? Ja. Der Staat als Büttel für Profiteure. Gegen die freie Gesellschaft. Gegen die Offenheit.

Wenn wer in einer Runde ein Lied singt, Textzeilen zitiert, wird er zur Kasse gebeten. Bald wird es nicht nur AKM und dergleichen geben, sondern straff organisierte Verfolgungsbehörden, die jede Äusserung in der Öffentlichkeit auf Tantiemenabgabe prüfen. Wenn sich das so weiterentwickelt, wie es sich bisher entwickelt hat, wird bald ein Klima der permanenten Aufzeichnung und Verfolgung, der Denunziation und der Abkassiererei herrschen. Was geschieht mit jenen, die nicht zahlen können? Neu definierte Kriminalität wird Polizei und Gerichte beschäftigen, Sozialarbeiter und Anwälte. Neue Mittel der gesellschaftlichen Absonderung und Niederhaltung werden installiert werden können. Alles im Namen des Marktes, der Ökonomie und des freien Eigentums.

Allianz Geschäftemacher - Diktatoren

Eigentlich sollten wir durch den Verlauf der Geschichte vor den Folgen dieser Allianz gewarnt sein, wenn ausgerechnet in einem Papier des deutschen Außenamtes vom 9.9.1943 stand: «Europa ist zu klein geworden für einander sich befehdende und gegenseitig absperrende Souveränitäten.»- und damit eine Zollunion mit der nachfolgenden Perspektive einer Währungsunion gefordert wurde.
Hier haben die Geschäftemacher und Geldgeber den Diktatoren diktiert, wohin die Reise zu gehen habe. Dieses Prinzip der «Zusammenarbeit» hat sich auch weiterhin als wirkmächtig erwiesen. Nie waren die Handelsbeziehungen der «Musterländer der Demokratie» zu Argentinien umfangreicher als zur Zeit der dortigen Militädiktatur Videla. Auch heutzutage lassen die «Tüchtigen» vorzugsweise dort fertigen, wo Maschinengewehre den Profit sichern.
Alle Bedrohungsszenarien, die von den subventionierten Zentralorganen der Massenverdummung aufgebauscht werden, sind im Grund obsolet. Denn weder Russland oder China könnten es sich wirtschaftlich leisten, die EU oder die USA militärisch anzugreifen - gilt kehrtum übrigens genauso. Die für Rüstung georderten Mittel dienen dazu, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen, um unsere Überwachung möglichst effizient zu gestalten. Nicht zufällig ist auch China am Satellitennavigationssystem GALILEO finanziell beteiligt.

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