Walter Muschgs "Die Zerstörung der deutschen Literatur"

20.10.2009 Haimo L. Handl

1970 hatte ich das 1960 in dritter Auflage als Taschenbuch bei List erschiene Buch erworben und verschlungen. Zwei Jahre nach dem ominösen 68er-Jahr. Die Erstauflage datiert von 1956, dem Jahr der niedergeworfenen Ungarn-Revolte, dem Jahr der Publikation eines anderen, gewichtigen Werkes, der «Antiquiertheit des Menschen» von Günther Anders.


Damals hatte der Kalte Krieg sich schon fest etabliert; in den frühen Siebzigerjahren bereits war die scharf urteilende, moralische Haltung Muschgs nicht gefragt; es irritierte nicht nur das Pathos. Auch die Beschäftigung mit dem Expressionismus und den «frühen», meist verfemten Autoren, war nicht angesagt. In der Absage und in der Ignoranz trafen sich die meist jungen kritischen Linken mit den Unverbesserlichen von der anderen Seite. Walter Muschg (1898-1965), der Antipode von Emil Staiger, den die «Fortschrittlichen ebenfalls scharf angriffen, wurde nie breit rezipiert. Er verärgerte, verstörte und störte. Das war es.

Ich erwarb nach und nach seine anderen Bücher, die »Tragische Literaturgeschichte« (1948), den Band »Studien zur tragischen Literaturgeschichte (1965), «Von Trakl zu Brecht (1961) und »Pamphlet und Bekenntnis« sowie »Gestalten und Figuren«, die beide posthum 1968 herausgegeben worden waren. Auch heute noch kann man fast alle seine Bücher in Antiquariaten finden.

Im Zürcher Diogenes Verlag wurde nun die »Zerstörung der deutschen Literatur« neu herausgegeben von Julian Schütt und Winfried Stephan. Der Band ist allerdings »angereichert« mit vielen Essays aus den oben genannten Büchern und umfasst 956 Seiten. Das Nachwort von Julian Schütt ist besonders lesenswert.

Was brachte den Verlag dazu, gerade jetzt eine so gewichtige Sammlung vorzulegen, wo doch weder damals noch heute vertieftes oder breites Interesse am Werk des streitbaren Schweizer Literaturhistorikers und -kritikers besteht? Eine bildungsbürgerliche Renommier- und Fleissaufgabe? Eine Kulturtat?

Was immer, es ist eine Leistung, der zu danken ist. Dass die Wirkung weder damals erfolgte, noch heute erfolgen wird, geht nicht auf mangelnde Qualität des Autors zurück, sondern eher auf Beschränktheiten der Zunft und des Publikums. Walter Muschg hat das unumwunden ausgedrückt. So klar, so schneidend, so verletzend, dass die Mehrheit mit Abwertung oder Ignoranz reagierte.

Heute wird das Lob fast immer mit bedeutsamen Nebensätzen verbunden, dem ostentativen »ja, aber...«. Ja gut, aber Muschgs Pathos ist inakzeptabel, sein Moralisieren obsolet oder peinlich, sein Furor ungerecht oder verstiegen usw. Er sei parteilich, was heute kultürlich heisst, ZU parteilich. Er sei zwar sprachmächtig, aber zu polemisch. Verschroben eben und schon zu seiner Zeit nicht der Zeit angepasst. Wie denn erst heute?

Es können auch gebildete Leser (andere werden sich kaum vergreifen an seinem Werk) nur schwer seine Kulturkritik ertragen und denunzieren sie als reaktionär. Sein geistaristokratischer Anspruch wird als negativer Elitismus geziehen und generell seine Sicht des Dichters und der Dichtung als überholt, veraltet verspottet, manchmal mit dem Hinweis auf sein Geburtsjahr (1898), als ob das eine Rückständigkeit ausweise.

Ich will hier nicht einzelne seiner Positionen bewerten, weder auf- noch ab, nicht die Generallinie seiner Auffassung von Dichtung und Literatur. Das lässt sich in gelehrten Ausführungen verfolgen. (Dass mir seine Haltung und sein Schreiben sehr wertvoll sind, sei weder verhohlen noch in Abrede gestellt. Ich finde es dabei nicht unvereinbar, trotzdem einzelne Befunde zurückzuweisen oder anders zu werten. Doch all die Detailkritiken oder vielleicht negativen Anmerkungen verändern mir nicht die überaus positive Bilanz, die ich schlussendlich zog und immer noch ziehe.)

Ich will die Reaktionen näher besehen, die damals wie heute im Kern fast deckungsgleich sich einer wirklichen Auseinandersetzung mit diesem Solitär der Literaturkritik verweigern, indem sie ihn abtun. Daraus folgt(e) seine Wirkungslosigkeit, die auch von Freunden seines Werks schmerzlich festgestellt wird.

Muschg störte die Wiederaufbaukultur. Adorno, der ja nun wirklich auf der anderen Seite stand, war ihm in vielem der Kulturkritik verwandt, oder umgekehrt, man denke nur an seinen Aufsatz »Zur Krisis der Literaturkritik« (1952) und vergleiche ihn mit Beiträgen von Muschg. Man wird staunen! Oder »Auferstehung der Kultur in Deutschland?« (1950), »Kulturkritik und Gesellschaft« (1949 geschrieben, 1951 veröffentlicht) bzw. »Résumé über Kulturindustrie« (1963). Das sind nur ganz wenige Hinweise, die sich leicht mit Befunden anderer Kritiker ergänzen liessen. Sie müssen mit der politischen Historie der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit, der Restauration, mitgedacht werden, um die Position und Funktion von Walter Muschgs Werk annähernd einschätzen und verstehen zu können. Der bewusst hier erwähnte Adorno vertrat eine andere Position als Muschg; aber seine Befunde der Gesellschaft, Politik und Kultur, seine Kritiken und Warnungen sind in vielem nachbarschaftlich zu etlichen Aussagen von Muschg, der kein theoretischer Spezialist war, sondern ein politisch Denkender und Handelnder. (Ich will auch keine Gleichheit insinuieren, sondern ein bedenkenswertes geistiges Umfeld beleuchten, wofür Adorno stellvertretend genannt sei.) Muschg beschwor, für viele zu stark, eine gewisse von ihm positiv hervorgehobene Tradition. Aber nicht als reduzierten, isolierten Selbstzweck. Sondern als Wissen und Eingedenken eines Erbes, mit welchem in der Gegenwart für die Zukunft weiterzuschaffen wäre. Seine Kritik und Verbitterung entzündete sich am bequemen Anpassen, am Übertünchen, an der Feigheit.

Muschg moralisierte. Er scheute sich nicht Position zu beziehen und zu urteilen. Auch zu verurteilen. Er war vehement. Natürlich auch ungerecht, weil nicht ausgewogen. Er war kein Versöhnler. Er stellte hohe Ansprüche, nicht nur an sich, sondern auch an die anderen, Personen wie Gesellschaften. Er nahm sich das Recht des freien Denkens und Redens. Er verweigerte den Kotau vor dem Konstrukt »Leserschaft« oder »Publikum«, das heisst, vor dem Markt. Das musste verstören. Besonders nach dem Krieg und Zusammenbruch. Und heute ebenso in der weichgespülten Gesellschaft politischer Korrektheit von Gutmenschlern, wo man einfach nicht so denkt, zumindest öffentlich nicht.

Allein von daher schon ist die Lektüre seines Werks ein Genuss. Sich ärgern kann auch heilsam sein. Freut man sich an der Schärfe und Brillanz seiner Gedankengänge, entschuldigt man leichter Fehltritte oder etwaige Abstrusitäten. Sie fallen nicht ins Gewicht. Nicht aber, weil man falsch nachsichtig ist, sondern weil man verstehend ihren Stellenwert erkennt und sich nicht vom Pathos oder von seiner heute nicht so modern klingenden Sprache sich schrecken oder auf falsche Fährte lenken lässt. Weil man eben »kritisch" liest und denkt.

Hellsichtig war seine Besprechung von Josef Nadlers Literaturgeschichte, in welcher er auf wenigen Seiten nicht nur eine erste Deutung lieferte, sondern konzise das Charakteristikum von Nadlers Arbeit herauskristallisierte und damit klar richtete: was sich als Literaturgeschichte gab, war Stammeskunde. Durch scharfe und kluge Beobachtung wies er nach, wie nicht das Werk des Autors das Interesse von Nadler war, sondern, konsequent und folgerichtig seiner Ideologie, das Kollektiv. Stamm, Ethnie, Nation - und was daraus folgt: gerade heute, in der unheilvollen Renaissance von Ethnopolitik und neuen Formen eines Rassismus, auch von vordergründigen Antirassisten gepflegt, sind diese Überlegungen bedeutsam und informativ.

Ein Blick auf China und seine Literatur, ihre politische Funktion in diesem Riesenreich, die Querelen innerhalb und ausserhalb Chinas indiziert die neue alte Bedeutsamkeit nationalistischer Funktionalität, eingefordert oder nachgebend mitvollzogen. Die allzu schnelle Bereitschaft, nicht auf Autoren und ihre Werke zu fokussieren, sondern auf Nationen, Gesellschaften, Völker, zeigt eine Nähe zu längst überholt geglaubten Positionen, die Muschg schon vor dem Krieg angriff und danach nicht minder.

China ist momentan nicht zuletzt wegen seiner Teilnahme als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse in vieler Munde. Es bietet sich an, die Zerstörung der deutschen Literatur mit jener des Reichs der Mitte zu vergleichen, und auch die Haltungen der Protagonisten. Es wäre ein hochinteressanter Kurs in vergleichender Literatur- und Gesellschaftstheorie! Wolfgang Kubin, der es wagte, wie damals Walter Muischg, hart zu verurteilen, erfährt zwar nicht die gleiche rigide Aburteilung, aber in den Auseinandersetzungen zeigen sich Züge, die denen der deutschen Nachkriegszeit ähneln. Das bringt Walter Muschg zu ungeahnter Aktualität.

Die Abneigung gegen Heidegger wird klar formuliert und besonders an Heideggers Sprache, seinem Jargon, festgemacht (auch hier erinnere ich mich unwillkürlich an Adornos Arbeit zum gleichen Gegenstand). Herausragend die beiden Aufsätze zur Psychoanalyse sowie Freud und die Literatur, zu einer Zeit geschrieben, als dieses Thema noch nicht inflationär zerredet war.

Was er zu Franz Kafka schreibt, hebt sich wahrlich wohltuend ab von dem üblichen Expertengelabber und bringt, fast nebenbei, die Mythisierungsbemühungen des Freundes Brod ins rechte Licht. Und die danach anschliessende unkritische Rezeption. Meisterhaft!

Es geht um Werte, um Tradition und Moderne, um Individuum und Gesellschaft. Vieles, was der klassisch Gebildete monierte, lässt sich in anderen radikalen Werken ähnlich lesen und zeigt Verwandtschaften, die auf den ersten Blick nicht erwartet werden. Walter Muschg ist nach wie vor lesenswert. Jene, die sein Werk nicht kennen, erhalten durch die Neuauflage eine Gelegenheit, nicht nur einige seiner Schriften zu erkunden, sondern auch ein geistiges Erbe, das wert ist weitergebaut zu werden.

Walter Muschg:
Die Zerstörung der deutschen Literatur und andere Essays
Herausgegeben von Winfried Stephan, Julian Schütt
Essay, Hardcover Leinen, 960 Seiten
ISBN 978-3-257-06645-6
Erschienen im Mai 2009, Zürich, Diogenes
CHF 57.90 /EUR (D) 32.90 / EUR (A) 33.90

  • Walter Muschg

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