Maulkorb

25.10.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Ein seltsamer Widerspruch, der der Mehrheit als solcher nicht weiter auffällt, vertieft sich in der Europäischen Union: Einerseits Modernisierungsbemühungen, andererseits Pflege alten politischen Denkens, als ob Metternich das Vorbild sei, um mit immer rigideren Überwachungs- und Kontrolleinrichtungen, mit Zensur bzw. staatlichen und privaten Verfolgungen Andersdenkende zu bestrafen, niederzuhalten oder gar, wie es sogar in der EU schon möglich wurde, zu ermorden.


Denkverbote gibt es schon länger wieder. Und Maulkorberlasse und deren penible Befolgung haben eine ungebrochene Tradition. Aber gegenwärtig erschallt der Ruf polizeilichen Denkens gegen Ungutmenschen seitens der Gutmenschen in schriller Lautstärke - und viele folgen ihm: Unternehmen, Organisationen, Parteien, Medien. Buhmänner werden nicht, was «normal» wäre, im Diskurs, in der Debatte angegriffen, sondern werden rufgemordet, einem Berufsverbot unterworfen, in Strafprozesse verwickelt, bestraft und eingesperrt, wenn nicht Schlimmeres erfolgt.

Das freie Wort gilt nicht mehr. Es darf, wie in Ozeania von 1984, nur der approbierte Gedanke gedacht und öffentlich in Verkehr gebracht werden. Alles Andere ist gefährlich. Wie gefährlich, beweist die jüngste Affäre um Thilo Sarrazin. Auch wenn man den Argumenten des Bankers und SPD-Mitglieds nicht folgen will, darf es doch nicht der Fall sein, dass eine automatisch einsetzende Hatz, gespickt mit gefährlich blöden Hitlervergleichen, wie sie der beflissene Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer äusserte, die Debatte bestimmt, sekundiert von, wie Sloterdijk richtig bemerkt, «Berufsempörern» und Antirassisten, die in fast jeder Abweichung des politisch korrekt empfundenen Denkfeldes gleich Rassismus und Nazismus sehen. Genau das aber ist Praxis.

Auslöser war ein langes Interview Sarrazins in der europäischen Edelzeitschrift LETTRE INTERNATIONAL mit dessen Chefredakteur Frank Berberich. Das Heft widmet sich dem Thema «Berlin auf der Couch». Die Züricher WELTWOCHE wollte das Interview nachdrucken, was ihr aber, erstaunlicher Weise, nicht gestattet wurde; offensichtlich ist diesmal hier der Wirbel und die hohe Aufmerksamkeit zuviel und dem Chefredakteur wird aufgrund des öffentlichen Drucks die Sache zuviel.

Der Ausritt von Kramer und die Reaktion des Bundesbankchefs Weber gegen seinen Feind Sarrazin haben aber eine unerwartete Gegenreaktion ausgelöst. Es rührt sich einige Kritik an dieser Verurteilungskampagne und dem feigen Abservieren durch Herrn Weber. Die Debatte selbst ist damit aber weder beendet noch gelöst.

1956 hatte Max Horkheimer, seit einigen Jahren aus der Emigration in die USA, wohin er als Jude hatte flüchten müssen vor den braunen Barbaren, nach Deutschland zurückgekehrt, in seinen Notizen zur «Gedankenfreiheit» geschrieben: «... inzwischen aber ist der Leviathan schon ein so ungeheures Ungeheuer geworden, daß wir auch dort, wo er selber sich vorerst noch als Nachtwächter im Dienst der bürgerlichen Ruhe ausgibt, nicht mehr sagen und schreiben und denken dürfen, er sei ein Ungeheuer. Nur so im allgemeinen ist das erlaubt, etwa, wenn man gleichzeitig zu verstehen gibt, es gehe gegen die Sozialversicherung.»

Damals, es war das Jahr der Ungarnrevolte, des dramatischen Kalten Krieges und zugleich des «Wiederaufbaus» Deutschlands und Österreichs, war Horkheimer, und nicht nur ihm, sondern auch anderen Mitgliedern seines Kreises, völlig klar, wie es um «die» Freiheit stand und welche Rolle dem Individuum zugedacht war.

«Ein einzelner Mensch sein wollen, Zeit wollen, um ruhig zu denken, und gar die Freiheit, es zu sagen - auch wenn es ganz gegen die Forderungen der Zeit geht anstatt mit ihnen -, das wirkt jetzt schon fast so pervers wie vor hundert Jahren die Promiskuität.»

«Gerade das Denken des Verbotenen müsste der Staat schützen, wenn er nicht längst schon etwas anderes als den Menschen schützte. Wer wagte es, hier fortzufahren! -»

Ja, wer wagt es? Die Meute, die über die Abweichler herfällt, ist gross und bissig. Jene, die meinen die (alleinige) Wahrheit zu besitzen, dulden keine Gegenrede. Es gilt nur Gefolgschaft. Politische Korrektheit. Die Entwicklung hat sich dramatisch zugespitzt ins Negative. Das Schlimme dabei ist, dass dieses Negative nicht mehr erkannt wird, weil im Alltag der Ein- und Anpassung sich über die Jahre die Massstäbe verschoben haben und eine Abstumpfung zu einer gleichgültigen Hinnahme geführt hat. Das ist eine Gefahr, die damals Horkheimer so kommentierte:

«Das Falsche besteht darin, dass du, der du dich im Leben hältst, an der Unterdrückung der Freiheit teilhast, dass man nicht Entzug der Gedankenfreiheit böse denunzieren kann, wenn man sie mitmacht, ja alles mitmacht, was dazugehört - den Betrieb, das Großtun, das Fleischfressen.»

Vor 53 Jahren notierte ein Rückkehrer Gedanken, wegen derer, spräche er sie heute öffentlich aus, er seinen Job verlöre oder vielleicht eine Hatz erleben müsste, ähnlich jener, deretwegen er einmal hatte flüchten müssen. Daran mag man den Rückfall, den Rückschritt unserer Gesellschaften ablesen.

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.