Lieber leben - Patients

12.12.2017 Walter Gasperi

Grand Corps Malade und Mehdi Idir erzählen in ihrem Debüt frech, unbekümmert, voller Witz und Lebensfreude vom Alltag von vier jungen Tetraplegikern in einer Reha-Klinik, vergessen aber auch nicht auf ernste Momente.


Wie in Julian Schnabels «Schmetterling und Taucherglocke» sieht man die Welt – oder vielmehr ein Krankenzimmer - zunächst minutenlang aus der Perspektive des jungen Ben (Pablo Pauly), der bewegungs- und sprachunfähig im Bett liegt.

Die Mutter schwärmt ihm von der Aussicht vor, die er freilich nicht genießen kann, die Krankenpfleger erklären, wie toll die Operation verlaufen sei.

Als erstes Wort bringt er nach etwa fünf Minuten die Zahl 245 heraus: Aus so vielen Quadraten setzt sich die Neonlampe an der Zimmerdecke zusammen. Er muss es wissen, denn er hatte genug Zeit, diese Quadrate zu zählen.

Gebrochen wird nicht nur damit, sondern schon mit dem Vorspanninsert «Jede Ähnlichkeit mit lebenden und toten Personen ist keineswegs zufällig» und mit seiner Perspektive auf Angehörige und Krankenhausangestellte der Ernst der Situation, doch nie verharmlost das Regie-Duo Bens Lage.

Der Hip-Hop-Musiker Grand Corps Malade, der mit bürgerlichem Namen Fabien Marsaud heißt, weiß, wovon er erzählt: «Lieber leben – Patients», der wohl in den 90er Jahren spielt, denn «Derrick» läuft noch im Fernsehen und bezahlt wird mit Francs, beruht auf seinem autobiographischen Buch über seine einjährige Rehabilitation nach einem Sportunfall. Gedreht wurde auch in der Klinik, in der er selbst auf Reha war.

Dementsprechend genau ist auch der Blick auf den Spitalsalltag, doch nie verfällt der Film dabei in Wehleidigkeit oder Sentimentalität, sondern im Zentrum steht gerade durch den trockenen Erzählton die Verbreitung von Lebensfreude und Hoffnung.

Detailreich und perfekt aufgebaut zeichnen Grand Corps Malade und Mehdi Idir Bens Klinikaufenthalt nach. Völlige Ausgeliefertheit an Krankenpfleger steht da am Beginn, wenn Ben einen überdrehten, stets bestens gelaunten Pfleger ertragen muss, der ihn am Morgen weckt, ihm das Frühstück füttert, ihn wäscht. Treffend ist auch der Blick auf die Fernsehsendungen, die ihn mehr deprimieren als aufbauen, geht es darin doch oft um Fitness, Tanz, Bewegung und Schönheit.

Etwa 25 Minuten spielt der Film nur im Krankenzimmer, erst dann geht es vom Bett in den Rollstuhl, mit dem der Aktionsradius erweitert wird. Prägnant wird die Schwierigkeit beim Essen gezeigt, aber auch, wie Ben Kontakt zu anderen im Rollstuhl sitzenden jungen Männern knüpft. Auch eine Freundschaft oder zarte Liebesgeschichte zu einer jungen Frau (Nailia Harzoune) entwickelt sich, aber Hollywood-Happy-End umgehen die Regisseure - vielleicht sogar zum Leidwesen des großen Publikums.

Erst spät erfährt man, wie es zu Bens Verletzung kam, und über seinen Kontakt zu anderen Patienten bekommt man auch Einblick in Tiefschläge und Suizidgedanken und –versuche, wenn die Hoffnung auf Rückkehr in ein normales Leben durch die Mitteilung, dass es keine Fortschritte mehr geben wird, geraubt wird.

Auch für Ben geht es hier nicht immer nur aufwärts. Schwer trifft ihn, als ihm die Ärztin mitteilt, dass er sich vom Sport, wie er ihn bisher betrieben hat und seinen damit verbundenen Berufsplänen verabschieden und sich völlig umorientieren muss. – Hoffnung und Lebensfreude kann man in solchen Situationen nur durch die Freundschaften und die Gemeinschaft schöpfen.

So leicht «Lieber leben - Patients» sonst über weite Strecken daher kommt, so bewegend und echt ist sie in diesen Momenten ebenso wie im Blick auf die Ängste vor der Entlassung aus dem Krankenhaus und dem Schritt in eine Welt, in der man wieder erst wieder lernen wird müssen selbstständig zu agieren. Fließend sind diese Übergänge und in jeder Szene spürt man die Empathie und das Mitgefühl von Grand Corps Malade und Idir für ihre Protagonisten.

Erst in den letzten Minuten verlässt der Film das Krankenhaus, macht dieses bis dahin, abgesehen von einem Rollstuhlausflug etwa 50 Meter vor den Eingang, ganz zur Welt. Der Fokus liegt ganz auf den jungen Menschen mit Behinderung. Angehörige, Freunde und Krankenhauspersonal treten bald nach dem Beginn ganz in den Hintergrund.

Treffend werden so unterschiedliche Charaktere gezeichnet und öffnet sich der Blick auch auf unterschiedliche Schicksale und Kulturen. Der Kreis der wunderbar natürlich und frisch gespielten Protagonisten spannt sich dabei vom Franzosen Ben über einen Nord- und einen Schwarzafrikaner bis zum durch eine Schusswunde am Hals verletzten Migranten, der aufgrund seiner Behinderung von der Familie ausgeschlossen wird.

Gekonnt setzen die Debütanten bei dieser ebenso frechen wie feinfühligen, gleichermaßen unterhaltenden wie bewegenden und vor allem Lebensfreude und Optimismus verbreitenden Tragikomödie auch mit mehreren Rap-Songs Pausen, in denen die Erzählung innehält. Mit Kamerafahrten durch das Krankenhaus und Blicken auf den sich wiederholenden Alltag vermitteln sie dabei ein Gefühl der quälenden Länge des Reha-Aufenthalts, beschwören aber gleichzeitig in den Songtexten Hoffnung sowie den Entschluss zur Umorientierung und die Suche nach neuen Wegen.

Läuft ab Freitag im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung)

Trailer zu «Lieber leben - Patients»

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