Die Schweizermacher 2.0

11.12.2017 Kurt Bracharz

Die monatlich erscheinende US-Zeitschrift «Harper’s Magazine» brachte in ihrer Oktobernummer Auszüge aus dem Interview einer in der Schweiz von türkischen Eltern geborenen 24-jährigen Frau namens Fulden Funda Yilmaz, die einen Schweizer Pass haben wollte, durch die zuständige Kommission in Buchs. Leider ist zwar der Übersetzer angegeben, nicht aber die eigentliche Quelle, so dass ich hier aus dem Amerikanischen rückübersetzen muss, wobei es Unklarheiten gibt. Die Pointe dieses Textes geht dadurch aber nicht verloren.


Yilmaz hatte Anfang 2017 um Einbürgerung angesucht, die schriftliche Prüfung bestanden und musste nun zwei Gesprächsrunden absolvieren. Auf die einleitende Bitte, sich vorzustellen, antwortete sie, dass sie in Aarau die Schule besucht habe und jetzt als drafter (das kann Planerin, Redakteurin, technische Zeichnerin und anderes mehr bedeuten) arbeite. Sie habe sich kürzlich verlobt, ihre Hobbys seien mit ihren Hunden in der Natur spazieren zu gehen und einmal pro Woche ins Fitnesscenter. Zur Einbürgerung habe ihr der Verlobte geraten, der meinte, es sei gut, wenn sie wählen könne.

Frage: Was tun Sie in Ihrer Freizeit? Sie sind bei keinem Verein oder Club. Antwort: Ich mache Sport. Am Wochenende gehe ich aus, ins Kino und etwas trinken. F: Kennen Sie jemanden von den Buchser Fussballteams? A: Nicht viele. F: Was für Freizeitaktivitäten ermöglicht Buchs? A: Fußball und Gyms. Man kann die Schokoladenfabrik Frey besichtigen oder Mibelle Biochemie. F: Wie informieren Sie sich darüber? A: Mit der Webseite von Buchs, und es gibt sicher Broschüren im Rathaus.

Als Veranstaltungen in Buchs kennt Yilmaz einen wöchentlichen Flohmarkt und ein Jugendfestival in Rohr.

F: Was ist für Sie typisch schweizerisch? A: Die Alpen. Die sind weltberühmt. Und Toblerone. Schokolade ist auch sehr bekannt. F: Wie sieht es mit typisch schweizerischen Sportarten aus? A: Das fällt mir jetzt nicht ein ... Chlauschlöpfen. F: Ja, das ist ein regionaler Brauch. Aber typisch für die Schweiz? A: Schifahren, aber das gibt’s überall. F: Schwingen und Hornussen. Waren Sie irgendwo in der Schweiz auf Urlaub? A: Einmal in einem Schilager. Sonst eher Tagestrips zu Seen. Zürcher See, Vierwaldstättersee, Genfer See. Am liebsten zu Seen. F: Was würden Sie einem Fremden zeigen? A: Das hängt von der Jahreszeit ab. Im Frühling und Sommer zum Beispiel den Vierwaldstättersee, oder die Sehenswürdigkeiten von Luzern. F: Welche? A: Die Altstadt. Details wüsste ich nicht, aber die kleine Stadt ist hübsch, und um ehrlich zu sein, über ihre Geschichte weiß ich nichts. F: Sie haben die Alpen als typisch bezeichnet. Welche Berge kennen Sie da? A: Mit Namen habe ich es nicht so ... das Matterhorn ... F: Wo ist das? A: Weiß ich im Moment nicht genau. Zermatt? Engelberg? F: Kennen Sie andere Gipfel? A: Da fällt mir jetzt nichts ein. F: Was würde sich für Sie persönlich ändern, wenn Sie den Schweizer Pass kriegten? A: Ich bin hier geboren und kenne nichts anderes. Das einzige Neue wäre, dass ich dann wählen könnte, alles andere wäre dasselbe wie zuvor.

Im Juli 2017 wurde Yilmaz’ Antrag abgewiesen, in der Begründung hieß es unter anderem, sie lebe in ihrer eigenen kleinen Welt und zeige kein Interesse daran, in einen Dialog mit der Schweiz und deren Bevölkerung einzutreten. Zuhören beim Chlauschlöpfen (sprich: Chlaus-Chlöpfen) reicht also nicht aus, man muss sich schon für Schwingen und Hornussen interessieren (immerhin ist nach dem dritten Schweizer Nationalsportklassiker, dem Steinstoßen nicht gefragt worden). Die Formen von Toblerone und Matterhorn zu kennen, sind zu wenig Kenntnisse über die Schweizer Bergwelt. Zugegeben, einige der Antworten der jungen Frau waren recht einfältig, vor allem jene, dass ihr der Verlobte – sicher auch seinerseits kein echter Geißenpeter – zum Einbürgerungsantrag geraten habe und dass sich durch den Pass nichts ändern würde, als dass sie dann wählen gehen könnte. Das ist wirklich kein guter Grund, ihr den Pass zu geben, etwas mehr Enthusiasmus fürs Schweizerische hatte sich die Kommission vermutlich schon erwartet. Andererseits – ob russische Millionäre und arabische Investoren in der Schweiz auch gefragt werden, ob sie über das Hornussen Bescheid wissen?


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