Rachel Joyces fabelhaftes Talent für …?

07.02.2018 Rosemarie Schmitt

Ich habe mich auf dieses Hörbuch so sehr gefreut. «The Music Shop». In Deutschland erschien das Buch mit dem Titel: «Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie». Mister Frank, so heißt es in der Beschreibung, hat eine besondere Gabe: Er spürt, welche Musik die Menschen brauchen, um glücklich zu werden. In Franks kleinem Plattenladen in einer vergessenen Ecke der Stadt treffen sich Nachbarn, Kunden und die anderen Ladenbesitzer der Straße. Keiner weiß, wie lange sie hier noch überleben können. Da taucht eines Tages die Frau in Grün vor Franks Schaufenster auf. Sie ist blass und schön, zerbrechlich und stark zugleich. Doch so sehr er sich auch bemüht, Frank kann einfach nicht hören, welche Musik in ihr klingt …


Ich hatte das große Glück einen Beruf auszuüben, statt zu arbeiten. Denn als Arbeit habe ich sie nie empfunden, meine Zeit als Musikalienhändlerin. Es war die Zeit der Schallplatten, der Single-Charts, dem Duft von Notenpapier und den Klängen aller möglichen Instrumente, die Kunden im Laden Probespielen durften. Es gab eine Theke mit Plattenspielern, hinter der ich oft stehen durfte und vor der die Kunden saßen und rauchend mit Kopfhörern Musik hörten. Immer öfter geschah es, daß, wenn ein Kunde den Laden betrat, ich versuchte vorherzusehen, nach welcher Schallplatte er mich wohl fragen würde. Klassische Musik, Pop, Rock, Musical, Instrumentales, Swing, Schlager …? Und immer öfter trafen meinen Vermutungen zu.

Es war eine Zeit, zu der das Personal noch mit den Menschen sprechen durfte, sich unterhalten, Persönliches erzählten konnte, um herauszufinden, was der Kunde wollte oder brauchte. Ist es nicht unmöglich, darauf zu verzichten ist, wenn es um eine solch emotionale «Ware», wie die Musik, handelt?! Lange Rede ... Das ist der Grund, weshalb ich unbedingt das Hörbuch von Mister Franks fabelhaftem Talent für Harmonie haben wollte. Ein Roman wie ein Geschenk, eine Geschichte von Veränderung und Verlust, von Hoffnung, Freundschaft und Liebe, so heißt es zudem im Pressetext.

Rachel Joyce, die Autorin dieses Romans, wurde 1962 in London geboren. Sie ist eine britische Schauspielerin und Schriftstellerin. 2012 hatte sie mit «Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry» einen weltweiten Bestseller. Meine Erwartungen an die literarische Qualität waren entsprechend hoch.

Die Presse: Rachel Joyce weiß, wie man Menschen mit Worten ganz direkt berührt. Die Autorin hat über 20 Hörspiele für die BBC verfasst und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Daneben hat sie Stoffe fürs Fernsehen bearbeitet und auch selbst als Schauspielerin für Theater und Film gearbeitet. Ihr erster Roman, «Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry», wurde für den Booker-Preis nominiert, mit dem Specsavers National Book Award für das beste Debüt prämiert, eroberte in über 30 Ländern die Bestsellerlisten und wird verfilmt. Rachel Joyce lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Gloucestershire auf dem Land.

Rosemarie Schmitt: Über Frank, den Inhaber des Plattenladens erfährt man, daß er eine anstrengende Kindheit mit einer ziemlich schrägen Mutter hatte. Alle Kinder nennen ihre Mutter Mama, nur Frank nicht. Seine Mutter besteht darauf, von ihm mit ihrem Vornamen angesprochen zu werden. Sie hört sehr viel Musik und spricht mit Frank darüber und auch über das, was sie als Liebe erfuhr. «Liebe ist nichts Schönes! Mach einen großen Bogen drum!» Die Autorin erweckt den Eindruck, als wolle sie vermitteln: Je kaputter die Kindheit, desto größer die Liebe zur Musik! Dem kann ich unmöglich zustimmen!

Etwas eindrucksvoller und emotionaler beschreibt Joyce zwischenmenschlich Problematisches. Es scheint, als habe sich die Autorin, alles was sie über Musik, ihre Komponisten und Interpreten erzählt, angelesen. Als habe sie sich, was sie über Zwischenmenschliches erzählt, angelebt. Hormonisch statt harmonisch. Doch selbst darüber spricht sie mir oft zu platt und zu oberflächlich. Oder liegt es an der Übersetzung ins Deutsche? Dünn drüber. Schade. Das Thema gäbe so Vieles her!

Ich stolperte bereits über die Namenswahl der Protagonistin Ilse Brauchmann. Ist dies in der Tat für die Briten ein typisch deutscher Name? Nun, es mögen Kleinigkeiten sein, und wäre ich nicht selbst Autorin, fiele es mir womöglich nicht auf. Vermutlich wäre ich auch nicht derart kritisch, würde mich nicht dieser oder jener Satz ahnen lassen, daß Rachel Joyce durchaus zu mehr imstande wäre. Sätze wie etwa: «Der Mond sah aus wie ein halbgelutschtes Bonbon» oder «… die Bedienung strahlte so stolz, als hätte sie die Eier nicht nur zubereitet, sondern auch gelegt.» Durchaus witzig und unterhaltsam. Ich hätte sehr gerne mehr davon gelesen, bzw in diesem Falle gehört. Wovon ich auf jeden Fall noch mehr hören werde, sind Titel aus dem Aargon Hörbuchverlag! (http://www.argon-verlag.de/)

Rachel Joyce: Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie
Autorisierte Lesefassung I Sprecher: Christian Baumann
Laufzeit: 7 Stunden, 57 Minuten, 6 CDs
Erschien am 29. Dezember 2017 (Aargon Hörbuch-Verlag)

Herzlich,
Ihre Rosemarie Schmitt

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.