Diagonale-Start mit "Murer – Anatomie eines Prozesses"

14.03.2018 Walter Gasperi

13.03.2018 bis 18.03.2018  

In der Grazer Helmut List-Halle startete gestern die Diagonale mit Christian Froschs Gerichtsdrama «Murer – Anatomie eines Prozesses». Ungemein konzentriert rekonstruiert Frosch darin nach originalen Gerichtsprotokollen den 1963 geführten Prozess gegen den NS-Massenmörder Franz Murer, dessen Freispruch als einer der größten Justizskandale der 2. Republik gilt, und öffnet den Blick auf die gesellschaftliche Stimmung im Österreich der 1960er Jahre.


1963 wurde der steirische Großbauer und ÖVP-Politiker Franz Murer wegen der Massenmorde, die er als «Schlächter von Vilnius» zwischen 1941 und 1943 in Litauen begangen hatte, in Graz vor Gericht gestellt.

Ganz auf die zehntägige Gerichtsverhandlung konzentriert sich Frosch. Einen klassischen Gerichtsfilm legt er damit vor. Verweise auf dieses Genre finden sich auch im Film selbst, erinnert doch der Titel an Otto Premingers «Anatomie eines Mordes», während die Geschworenen einmal Sidney Lumets «Die 12 Geschworenen» erwähnen.

Geht es bei diesen Filmen aber immer um die Wahrheitsfindung und die Schuldfrage, stehen diese Aspekte bei «Murer – Anatomie eines Prozesses» außer Frage, sodass der Fokus woanders liegen muss.

Im Zentrum stehen die Aussagen der Zeugen, bei denen Freunde Murers, die ihn entlasten, erschütternden Schilderungen von überlebenden Juden, die detailreich von seinen Verbrechen und seinem Spaß am Töten berichten, gegenüberstehen.

Während der Anwalt die Beschuldigungen zu entkräften versucht, den Zeugen Verwechslungen vorwirft und Murer selbst immer wieder seine Unschuld beteuert und bekräftigt nichts von Erschießungen gewusst zu haben, bleibt der Staatsanwalt – aus vom Ende her gesehen verständlichem Grund - blass.

In vorwiegend statischen Einstellungen (Kamera: Frank Amann) filmt Frosch diese Szenen, verzichtet auf Rückblenden, erinnert allein durch die vielfach in Jiddisch gehaltenen Erzählungen an die Massenmorde in Vilnius. 80.000 Juden lebten vor der NS-Herrschaft in diesem «Jerusalem des Nordens», doch diese Zahl sank in der Zeit, in der Murer als Stellvertreter des Gebietskommissars Hans Hingst «für jüdische Angelegenheiten» zuständig war, auf wenige Hundert.

Nüchtern und spartanisch ist das inszeniert, auch auf Musik verzichtet Frosch weitgehend. Hier geht es nicht um die Evokation der Atmosphäre der 1960er Jahre durch detailreiche Ausstattung und Kostüme, sondern der Fokus liegt ganz auf dem Wort und den Gesichtern. Gerade durch diese Sachlichkeit und den Verzicht auf jedes Beiwerk gewinnt «Murer» aber enorme Dichte.

Viel Raum nimmt dabei die Aufarbeitung der NS-Gräuel ein, durch die Frosch den Opfern eine Würdigung zuteil kommen lässt, die sie beim Prozess gerade nicht erfuhren. Doch dient diese Ebene auch als Hintergrund und Folie, um einerseits dem Zuschauer das Ausmaß der Verbrechen Murers und andererseits damit das Unerhörte seines Freispruchs und der Stimmung beim österreichischen Volk und der Politik bewusst zu machen.

Denn im Zentrum steht eben diese Frage nach dem Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit, in die Frosch in multiperspektivischer Erzählweise ebenso vielfältige wie vernichtende Einblicke bietet. So vermittelt er zunächst im wiederholten Blick in den Zuschauerraum die Stimmung beim Volk, bei dem Murer Unterstützung genießt, während die jüdischen Zeugen mit sichtlicher Ablehnung betrachtet und verlacht werden.

Geweitet wird dieser Blick auf die Stimmung in Österreich aber vor allem, wenn der Film den Prozesssaal verlässt. Sichtbar wird hier in fragmentarischen Szenen, wie Vorkehrungen zwischen den regierenden Koalitionspartnern ÖVP und SPÖ getroffen werden, um auf die Justiz Einfluss zu nehmen und eine Verurteilung zu verhindern. Und während sich der Obmann des Bauernbunds für seinen Freund einsetzt wird ein Journalist der sozialistischen Arbeiterzeitung wegen seiner Berichte von einem «Parteifreund» ebenso unter Druck gesetzt wie ein Geschworener von Murers Nazi-Freunden.

Niemand zweifelte wohl an der Schuld Murers, aber politische Interessen wurden über Gerechtigkeit und Moral gestellt. Nur im Hintergrund agieren darf Simon Wiesenthal, der über den Eichmann-Prozess auf Murer aufmerksam wurde. Würde bekannt, dass er Zeugen zur Aussage motiviert, käme nämlich sofort der Vorwurf auf, dass internationale jüdische Drahtzieher hinter dem Prozess stehen.

Sichtbar wird in diesen Szenen außerhalb des Gerichtssaals auch, wie die Überlebenden immer noch von ihren Erfahrungen traumatisiert sind, an Schlafstörungen leiden oder aufgrund des erlebten Hungers nun ständig dagegen Vorsorge treffen. Wichtig sind auch diese Szenen, denn sie machen bewusst, wie diese Opfer der NS-Herrschaft im Österreich der 1960er Jahre nochmals verlacht und statt Gerechtigkeit zu erfahren zu Tätern gemacht wurden, während die wahren Täter zu Opfern gemacht wurden.

Fassungslos und voll Wut bleiben sie - und mit ihnen der Zuschauer - deshalb auch nach der Urteilsverkündung zurück, während Murer bejubelt wird. Nur hier verlässt Frosch für einmal die nüchtern-sachliche Linie, wenn er in einer Traumsequenz ein Attentat an Murer zeigt. – Die Realität war freilich anders, denn unbehelligt lebte der Massenmörder bis zu seinem Tod 1994.

Läuft ab Freitag in den österreichischen Kinos
TaSKino Feldkirch im Kino Rio:
Mi 28.3., 18 Uhr; Do 29.3., 20.30 Uhr; Fr 30.3., 22 Uhr; Sa 31.3., 22 Uhr; Mo 2.4., 18 Uhr

Trailer zu «Murer - Anatomie eines Prozesses»

  • © Filmladen Filmverleih
  • © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film
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