Faszination Wildnis von der Moderne bis zur Gegenwart

31.10.2018

01.11.2018 bis 03.02.2019  Schirn Kunsthalle

In Zeiten, in denen die weißen Flecken auf den Landkarten dieser Welt weitgehend verschwunden sind und ein «unberührter Naturzustand» fast nur noch in Form von ausgewiesenen Reservaten existiert, rückt die Wildnis wieder in den Fokus der Kunst. Die Suche nach letzten freien Plätzen, die Expedition als künstlerisches Medium, Visionen einer posthumanen Welt prägen die Werke vieler zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler ebenso wie die Neuverhandlung des Verhältnisses von Mensch und Tier. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet der wiederkehrenden Faszination von der Wildnis eine umfassende Themenausstellung. Es werden über 100 bedeutende und eindrucksvolle Kunstwerke von rund 35 internationalen Künstlerinnen und Künstlern präsentiert.


Die Ausstellung vereint Gemälde, Fotografien, Grafik, Video- und Soundarbeiten, Skulpturen sowie Installationen, die den Verbindungen zwischen Wildnis und Kunst von der Moderne bis zur Gegenwart nachgehen. Mit «Wildnis» steht ein kulturelles Konzept zur Diskussion, das seit jeher auch als Projektionsfläche für das Andere und das Fremde, für Gegenbilder und Sehnsuchtsfantasien jenseits der Grenzen einer selbsternannten Zivilisation dient. Im heutigen «Zeitalter des Menschen» erscheint die Utopie eines von Kultur und menschlichem Einfluss fernen Naturzustands überholt. Die Auseinandersetzung mit tradierten Bildern und Fiktionen von Wildnis aber erweist sich als lebendiger denn je.

Wildnis bezeichnet im traditionellen Wortsinn Örtlichkeiten und Instanzen, die sich dem menschlichen Zugriff verwehren und in denen die Natur sich selbst überlassen ist. Dabei hat sich Wildnis als kulturelles Konzept in der abendländischen Geschichte schon immer vor allem als Gegenmodell konstituiert – in Abgrenzung zur Domäne des Kultivierten, des Domestizierten oder der Zivilisation schlechthin. Erst im Zuge des 18. Jahrhunderts wandelte sich die westliche Wildnis-Konzeption von der schreckenerregenden, bedrohlichen Gegenwelt außerhalb menschlicher Kontrolle zunehmend zu einer positiven Utopie, die nun umgekehrt einer zur Bedrohung werdenden Zivilisation entgegentrat. Damit einhergehend entwickelte sich Wildnis als Inbegriff des Erhabenen zu einer ästhetischen Kategorie, die, vermittelt über die Romantik, bis heute wirksam ist. So abstrakt und vieldeutig der Begriff Wildnis zunächst erscheint, so unmittelbar ruft er doch konkrete Bilder und Assoziationen hervor, die im kollektiven Bewusstsein verankert sind und das Erbe der Romantik fortschreiben.

Heute verweist die künstlerische Auseinandersetzung mit Bildern und Motiven einer im Verschwinden begriffenen Wildnis stets auch auf eine kunsthistorische Tradition. Vor diesem Hintergrund widmet sich die Ausstellung dem Thema der Wildnis nicht in erster Linie ikonografisch, sondern fragt vielmehr nach der Beziehung von Wildnis und Kunst im 20. und 21. Jahrhundert, um sie aus aktueller Perspektive zu beleuchten. Die Ausstellung entfaltet einen thematisch angelegten Dialog zwischen zeitgenössischen und historischen Werken. Schwerpunkte bilden die durch die Romantik popularisierte Ästhetik des Erhabenen, die Erkundung von Wildnis als künstlerischem Erfahrungsraum, die metaphorische Dimension von Wildnis als schöpferischem Prinzip und die Erschaffung neuer, artifizieller Formen der Wildnis mit den Mitteln der Kunst.

Für die Ausstellung konnte die Schirn Leihgaben aus zahlreichen deutschen und internationalen Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen gewinnen, u. a. der Fondation Beyeler in Riehen/Basel, der Tate in London, Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, dem Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid, Metropolitan Museum of Art in New York, der Fondation Dubuffet in Paris, dem Cobra Museum of Modern Art in Amstelveen, der Pinakothek der Moderne und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München, dem Museum Ludwig in Köln und der ZERO Foundation in Düsseldorf.

Künstler*innen: Darren Almond, Karel Appel, Hicham Berrada, Frères Bisson, Julian Charrière, Ian Cheng, Marcus Coates, Constant, Tacita Dean, Mark Dion, Jean Dubuffet, Max Ernst, Joan Fontcuberta, Luke Fowler, GUN (Group Ultra Niigata), Camille Henrot, Pieter Hugo, Asger Jorn, Per Kirkeby, Jacob Kirkegaard, Joachim Koester, Richard Long, Heinz Mack, Ana Mendieta, Helmut Middendorf, Georgia O’Keeffe, Richard Oelze, Gerhard Richter, Briton Rivière, Henri Rousseau, Lin May Saeed, Frank Stella, Thomas Struth, Carleton E. Watkins


Katalog: «Wildnis / Wilderness», herausgegeben von Esther Schlicht. Mit einem Vorwort von Philipp Demandt und Beiträgen von Philippe Descola, Karen Kurczynski, Johanna Laub, Cord Riechelmann, Esther Schlicht und Reiko Tomii sowie Künstlerstatements, zudem historischen und literarischen Textausschnitten; Kerber Verlag, zweisprachige Ausgabe (Deutsch/Englisch), 200 Seiten, 27 x 22 cm (Hochformat), ca. 170 Abb., Hardcover, EUR 35 (Schirn), EUR 49,95 (Buchhandel), ISBN 978-3-7356-0521-4

Wildnis
1. November 2018 bis 3. Februar 2019

Schirn Kunsthalle
Römerberg
D-60311 Frankfurt
T: 0049 (0)69 299882-0
F: 0049 (0)69 299882-240
E: welcome@schirn.de
W: http://www.schirn.de


Öffnungszeiten

Di/Fr bis So 10 – 19 Uhr
Mi und Do 10 – 22 Uhr

 


  • Asger Jorn: Eine Cobra-Gruppe, 1964. Öl auf Leinwand, 132 x 162 cm; Peter und Gudrun Selinka Stiftung, Ravensburg/ Kunstmuseum Ravensburg. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018; Foto: Thomas Weiss, Ravensburg
  • Henri Rousseau: Le lion, ayant faim, se jette sur l'antilope, 1898 – 1905. Öl auf Leinwand, 200 x 301 cm; Fondation Beyeler, Riehen/Basel. Sammlung Beyeler, Foto: Robert Bayer, Basel
  • Max Ernst: Die Lebensfreude, 1937. Öl auf Leinwand; Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
  • Gerhard Richter: Tiger, 1965. Öl auf Leinwand, 140 x 150 cm; Museum Morsbroich, Leverkusen. © Gerhard Richter 2018 (0127)
  • Frank Stella: The Grand Armada (IRS, No. 6, 1X), 1989. Fondation Beyeler, Riehen/ Basel, Sammlung Beyeler. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Robert Bayer
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D-60311 Frankfurt
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F: 0049 (0)69 299882-240
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