Theatrum Anatomicum vor dem Kunsthaus Bregenz

28.06.2007

Anlässlich des 10jährigen Bestehens des Kunsthaus Bregenz entsteht dort ein temporäres Theater, das vom 6. bis 13. Juli Raum und Ort für eine Ausstellung von Paul Renner ist. Verantwortlich für den Bau zeichnet das Wiener Architekturstudio Squid unter der Federführung von Gundolf Leitner.


Ausgangspunkt des Entwurfs ist das historische Vorbild des «Teatro Anatomico», erbaut 1594 in Padua, dessen spannungsvolle räumliche Präsenz des vertikal organisierten zentralen Atriums mit umlaufenden Galeriegeschossen hier aufgegriffen wurde. Im Teatro Anatomico der Universität von Padua fanden erstmals öffentliche Sektionen zur Erforschung der menschlichen Anatomie statt, wobei die Bezeichnung «Theater» weniger auf die Form des Saales zurückgeht, sondern auch auf die Tatsache, dass bereits damals in Padua interessierte, zahlungskräftige Bürger anwesend sein durften.

Goethe schreibt über das Theater in seiner Italienischen Reise: «[...] Besonders ist das anatomische Theater ein Muster, wie man Schüler zusammen pressen soll. In einem spitzen, hohen Trichter sind die Zuhörer übereinander geschichtet. Sie sehen steil herunter auf den engen Boden, wo der Tisch steht, auf den kein Licht fällt, deshalb der Lehrer bei Lampenschein demonstrieren muss [...]»

Für Squid galt es, eine ähnlich aufgeladene Raumsituation zu schaffen, um den Hell Fire Inszenierungen Renners einen adäquaten Ort, ein starkes räumliches Äquivalent an die Seite zu stellen. Die Umsetzung des innerlichen, ursprünglich einem größeren zugehörigen Raumes in den skulpturalen Ausdruck des Solitärs, assoziiert in der abstrahierten Form eines Tierschädels die anatomische expressive Sprache der Kunst Paul Renners. Das Ziel war, durch eine kraftvolle Geste dem Innenleben charakteristischen Ausdruck zu verleihen - kein neutraler, austauschbarer Körper, nicht allein Hülle.

Der fokussierte Blick in die Tiefe, die Betrachtung der Bühne oder des Tisches im Mittelpunkt von den Rängen aus, ist zentrales Thema des Innenraums. Zugleich will die Architektur weit mehr - sie ist präsent, rückt nahe und fordert heraus. Dem Besucher vermittelt sich ein räumliches Erleben großer Intensität, gleichsam als physischer Druck wird die Aura des Gebäudes in der komprimierten Atmosphäre allgegenwärtig und schon beim ersten Betreten spürbar.

Die aus 650 Einzelteilen bestehende Holzrippenkonstruktion wird vor Ort montiert und mit einer Außenhaut aus transluzenter Membran versehen. Der Raum besteht aus vier Ebenen mit drei Rängen und 126 Sitzplätzen. Die Konstruktion ist 24 m lang, 16 m breit und 12 m hoch. Die Bautätigkeiten können über die Webcam des Kunsthauses mitverfolgt werden:
http://www.kunsthaus-bregenz.at/html/framemainwebcam.htm

Erich Horsten


-
weiterführende Links:

Kunsthaus Bregenz

Squid

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.