Mit Glas und Stahl über dem Abgrund

13.08.2005

Der Stararchitekt Pierre Koenig ist im April letzten Jahres 78-jährig verstorben. Nun will der Schauspieler Michael LaFetra Koenigs letzten Entwurf realisieren lassen. LaFetra lernte Koenig im Jahre 1999 kennen. Der Schauspieler erwarb damals Koenigs Case Study House #21, einen Klassiker der Architektur des 20. Jahrhunderts in den Hollywood Hills. Als er einzog, setzte sich Koenig mit ihm in Verbindung und beschwor ihn, ja nichts an dem Haus zu verändern. Das war der Beginn einer engeren Freundschaft.


Koenig zählt neben Charles und Ray Eeames, Richard Neutra und R. M. Schindler zu den wichtigsten Nachkriegsarchitekten in Los Angeles. Er baute fast 50 Häuser, wobei die beiden Case Study Houses #21 und #22, fotografiert von Julius Shulman, zu Ikonen der kalifornischen Moderne mutierten. Nach dem Tode Koenigs - er starb an den Folgen eine Leukämieerkrankung - liess LaFetra sein Haus unter Denkmalschutz stellen. Nun aber will er darüber hinaus auch noch den letzten Entwurf von Pierre Koenig für ein 400 Quadratmeter grosses, dreigeschossiges Glashaus am Strand von Malibu ab dem Frühling des nächsten Jahres verwirklichen. Mit der Bauausführung respektive Bauplanung betraute er den Architekten James Tyler.

Die Häuser von Koenig waren früher häufig Drehort sachlicher Filmromanzen und abgeklärter Komödien. Filmen mit Cary Grant dienten sie genauso als Kulissen wie auch für Audrey Hepburn oder Doris Day. Die Glas-und-Stahl-Entwürfe des amerikanikschen Architekten verstehen das Bauen als eine Reduktion auf die Substanz des Materials. Er gehörte zu jenen Baukünstlern, die dem gleissend hellen Licht um Los Angeles entgegen bauten und die Landschaft als den einzig zulässigen Zimmerschmuck definierten. Durch deckenhohe, raumbreite Glasscheiben kommt die Natur herein, wegen der möglichst dünn gehaltenen Metallfassungen nicht als gerahmtes Bild, sondern unmittelbar, ungefiltert.

Durch die kongenialen Fotografien von Julius Shulman ging vor allem das Case Study House #22 um den gesamten Globus: Bei diesem 1960 entstanden Haus hängt eine gläserne Ecke kühn auskragend über einer steilen Böschung. Nur wer absolut schwindelfrei ist, wagt es, sich nah an die Fensterscheiben zu setzen. Und wer es tut, hat das permanente Gefühl, über dem Abgrund zu schweben. Als Lohn für das Wagnis erhält er dafür einen Blick, der von den Hügeln Hollywoods bis zum Horizont unverstellt ist.


-

  •  

  •  

  •  

  •  

  •  

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.