Marte.Marte Architects - Bauen in Beton

13.12.2008 Karlheinz Pichler

Neben Holz, Glas und Stampflehm stellt Beton das gestalterisch zentrale Element der architektonischen Baukunst von Marte.Marte Architects dar. In einer sowohl optisch wie auch inhaltlich aussergewöhnlichen Publikation legen sie jetzt über ihre wichtisten Bauprojekte spektakulär Zeugnis ab. Das vom Schlinser Grafikbüro Gassner gestaltete und von Höfle Dornbirn gedruckte Buchobjekt ist in einer edel-elitären Schwarzästhetik gehalten.


Auf den ersten Blick mutet das 420 Seiten umfassende und 4,5 Zentimeter dicke Werk an wie ein schwarzer Körper, ein modellhafter Baukubus in Schwarz, eine Black Box. Nicht nur der Umschlag und der Buchrücken, sondern auch die Seitenschnitte sind komplett Schwarz «gestrichen». Man wagt vorderhand gar nicht, die «Kassette» zu öffnen. Die visuelle und materielle Beschaffenheit des Objekts schafft Respekt, nötigt zunächst einen gewissen Abstand ab.

Der aussergewöhnlichen äusseren Gestaltung folgt dann auch der innere Aufbau der «Kassette». Sind klassische Architekturbücher nämlich zumeist nach Projekten gegliedert, so teilt sich das vorliegende Werk wie ein Theater in fünf Akte. Prominent zum Einstieg werden auf rund 30 Seiten quasi als «Prolog» die Auftraggeber der Bauten in Schwarz-Weiss-Fotografie porträtiert. Dem angeschlossen ist ein starker Bildteil mit den Aussenansichten der Projekte. Von diesem «Aussen» abgekoppelt präsentieren sich anschliessend die «Innenwelten» der von Marte.Marte geplanten Bauten. Nach einem weiteren Block von nicht realisierten Projekten und Arbeiten, die noch nicht abgeschlossen sind, bildet ein weiteres schwarz-weisses Personenalbum mit den vielen Mitarbeitern des Architekturbüros den Abschluss respektive den «Epilog». Zusammengehalten werden die Bildstrecken, die von Marc Lins, Petra Rainer, Ignacio Martinez, Bruno Klomfar und anderen fotografiert wurden, durch architektonische Reflexionen von Otto Kapfinger, Emmanuel Caille, Andrea Maria Dusel, Anatxu Zabelbeascoa sowie der Geschäftsführerin des Vorarlberger Architekturinstituts Marina Hämmerle.

Die Texte sind dabei nicht nur informativ, sondern sie bieten mitunter einen unterhaltsam-anregenden Lesestoff, wenn etwa Andrea Maria Dusel eine «Differentialdiagnose der Pathologie in Feldkirch» betreibt, einem der neuesten Marte.Marte-Projekte. Eine Kostprobe aus einer Zustandsanalyse der Marke Dusel: «Einige Tage vor der klinischen Zuweisung leichte Distorsion des oberen Treppenabsatzes rechts, aufgrund des klinischen Verdachts einer Bodenbelagsabnützung der tiefen Gänge rechts eine Archigraphie durchgeführt. Diese erbrachte die Diagnose einer frischen Archithrombose vom 3-Etagen-Typ. Es bestanden nur eine geringe Umfangsdifferenz zugunsten der rechten Verbindungsgänge, starker Raumdruckschmerz rechts, Himmelblau-Zeichen rechts positiv, Van-der-Rohe negativ. Die übrige klinische Untersuchung erbrachte keinen pathologischen Befund. CGI, Röntgen-Zwischengeschoss in zwei Ebenen sowie Betongerinnungsstatus waren unauffällig. Daraufhin wurde eine hochdosierte Mezzaninolyse über zwei Tage durchgeführt. Die Kontrolltektographie zeigte danach noch einen kleinen zwischenwandadhärenten Liftthrombus der aula aedifici superficialis.» (Seite 244 f)

In ihrer eigenwilligen Art der architektonischen Gestaltung haben Marte.Marte eine unverkennbare, individuell ausgeprägte Handschrift entwickelt. Sie dynamisieren die von ihnen architektonisch aufgerissenen Räume von innen nach aussen. Es liegt ihnen viel daran, die Emotionen, die in einem Gebäude brach liegen, sicht- und spürbar zu machen. Kapfinger, einer der profundesten Kenner österreichischer Architektur, verweist darauf, dass die Materialität bei Marte.Marte, die für die 2005 verwirklichte Schanerloch-Brücke in Dornbirn-Ebnit gerade erst den «International Architecture Award» vom Chicago Athaneum Museum verliehen bekommen haben, stets mit «Detaildisziplin purifiziert ist, im Dienste der essentiellen Raum-Erfahrung von Licht/Schatten».

Marte.Marte Architects

Hardcover, 420 Seiten
Springer Wien New York 08
ISBN 978-3-211-79199-8

  • Cover
  • Schanerlochbrücke im Ebnit, Dornbirn
  • Marte Haus, Dafins; Foto: Ignacio Martinez

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