25. Dezember 2007 - 3:28 / Walter Gasperi / Filmriss
logo filmriss

Seltsam mag der Name der Titelfigur klingen, aber noch seltsamer ist ihr Verhalten: Schwer traumatisiert ist der junge Mann seit dem Verlust seiner Mutter und Leute heimlich aus der Distanz mit dem Fernglas zu beobachten ist sein scheinbar einziges Hobby. – Ist Hallam ein Fall für den Psychiater oder ein ganz normaler Teenager, den das Erwachsenwerden nur etwas stärker als die meisten durchschüttelt?

Von seiner Baumhütte beobachtet Hallam (Jamie Bell) in der ersten Szene mit dem Fernglas eine Alterskollegin beim Sex in freier Natur. Er bleibt aber nicht stiller Beobachter, sondern mischt sich gleich mittels selbst gebastelter Seilbahn ins Geschehen und stört das leidenschaftliche Treiben. – David Mackenzie gibt mit dieser Eröffnungsszene, die auf eine hinreißende animierte Titelsequenz folgt, den Ton seines Films vor, denn einerseits lässt er Thrillerspannung aufkommen, versucht andererseits die Psyche eines Heranwachsenden zu ergründen und bricht drittens den Ernst wiederum durch Komik. – Ein ganz eigener Genregrenzen sprengender Film ist so entstanden. Gewisse dramaturgische Brüche fehlen nicht, dennoch gelingt es Mackenzie die verschiedenen Ebenen durch die unbekümmerte Erzählweise, die durch den flotten Soundtrack schottischer Rockbands wie Franz Ferdinand noch unterstützt wird, weitgehend überzeugend zu verschmelzen.

Hallam beobachtet aber nicht nur Fremde, sondern mehr noch seinen Vater und seine Stiefmutter Verity (Claire Forlani), die er verdächtigt seine abgöttisch geliebte leibliche Mutter ermordet zu haben. Weil Mackenzie konsequent aus der Perspektive Hallams erzählt, der von "Billy Elliot"-Star Jamie Bell lustvoll gespielt wird, gewinnt diese Frauenfigur zeitweise die Züge einer Märchenhexe. Bald wird aber klar, dass der Hass auf Verity nur ein Ventil ist, um die erotische Anziehung, die sie auf Hallam ausübt, zu verdrängen. Diese Erkenntnis verkraftet der junge Mann nicht und verlässt Hals über Kopf den Landsitz, um sein Glück in Edinburgh zu suchen.

Ziele hat Hallam scheinbar keine. Das Leben zieht förmlich an ihm vorbei, doch dann begegnet er der jungen Kate (Sophia Myles), die seiner Mutter aufs Haar ähnelt. – Erinnerte schon das voyeuristische Beobachten an Hitchcocks "Rear Window", so sind nun die Parallelen zu "Vertigo" – die blonde Kate weckt auch durch ihr Aussehen Erinnerungen an die klassischen Hitchcock-Heroinen - unübersehbar. Hoffnungslos verfällt Hallam dieser scheinbaren Reinkarnation seiner Mutter, die ihm einen Job als Küchengehilfe in einem Hotel verschafft. Geübt als Spanner beginnt er sie zu beobachten und wird auch aktiv, um ihr näher zu kommen. Doch auch Kate beginnt sich für den jungen Mann zu interessieren.

Ungemein flüssig und originell hat David Mackenzie, der durch den düsteren existentialistischen Thriller "Young Adam" bekannt wurde, den gleichnamigen Roman von Peter Jinks für die Leinwand adaptiert. Giles Nuttgens Kamera fängt ebenso bestechend in teils romantischen Bildern die Natur um den Landsitz wie in dunklen Farben die von Dachgiebeln und Uhrturm dominierte Szenerie Edinburghs ein.

Züge eines Märchens gewinnt "Hallam Foe" durch diese Optik, die diesen höchst unterhaltsamen Film ebenso wie die äußere Handlung dem Realismus enthebt. Doch in der Nähe und der Fokussierung auf die Hauptfigur gelingt Mackenzie ein trotz skurriler Momente, einfühlsames und überzeugendes Porträt eines jungen Erwachsenen, der sich von seiner Mutterbindung und seinem Mutterbild befreien und einen eigenen Lebensweg finden muss.

Wird am Donnerstag, den 20.11. um 20 Uhr und am Samstag, den 22.11. um 22 Uhr vom Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz gezeigt (engl. O.m.U.)

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

Filmforum Bregenz
Strabonstraße 36
A - 6900 Bregenz

W: http://www.filmforum.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



2618-2618hallamfoe01.jpg
Filmforum Bregenz
Strabonstraße 36
A - 6900 Bregenz

W: http://www.filmforum.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse