Di, 04.10.2011 / Walter Gasperi / Filmriss
logo filmriss

Eine Seuche bricht aus. Welche Folgen hat dies? – In einem furios verknüpften Netz von Schauplätzen und Szenen skizziert Steven Soderbergh in seinem rasanten Thriller die unterschiedlichsten Aspekte einer solchen Katastrophe: Persönlichen Schicksalen steht die Suche nach einem Impfstoff gegenüber, vor allem aber breitet sich Angst aus.

Dass Steven Soderbergh ein souveräner Spieler ist, der die Lust am Spiel so genießt wie Danny Ocean und seine Gefährten in der "Ocean´s"-Trilogie ihre coolen Überfälle, hat der Amerikaner schon mit seinen bisherigen Filmen bewiesen. Lustvoll inszenierte er die perfekt organisierten Beutezeuge in diesen smarten Heist-Movies, virtuos verschränkte er mehrere Handlungsfäden in dem Drogenthriller "Traffic".

An letzteren erinnert von der Struktur her "Contagion", doch webt Soderbergh hier ein ungleich komplexeres Netz. Die Leinwand ist noch schwarz, als man schon ein Husten hört. Dieses gehört zur Amerikanerin Beth Emhoff (Gwyneth Paltrow), die von Hongkong in die USA zurückkehrt. In Tokio bricht währenddessen ein Mann in einem Bus zusammen, in Hongkong stolpert ein Junge unsicher durch die Straßen, in London leidet eine Frau unter Schweißausbrüchen. – Und immer wieder fokussiert die Kamera auf den Gegenständen, die die Betroffenen berühren: Trinkgläser, Haltestangen im Bus, Türklinken und natürlich Hände anderer Menschen. Intensiv macht Soderbergh erfahrbar, wie leicht eine Krankheit übertragen werden kann, nicht mehr so unbefangen wird der Zuschauer nach diesem Film alles angreifen.

Praktisch ohne Worte kommt diese furiose, die Welt umspannende Montagesequenz aus. Inserts zu den Einwohnerzahlen der Weltstädte stellen drastisch die Zahl der potentiellen Opfer vor Augen, während Inserts zu den Tagen die rasante Ausbreitung der Krankheit anschaulich vermitteln. Wenig später stirbt die hustende Amerikanerin schon, kurz darauf auch ihr Sohn, zurück bleibt ihr Mann Mitch (Matt Damon), der der Stellvertreter des Publikums und damit das emotionale Zentrum des Films ist, die Figur, deren Trauer exemplarisch für das Leid der Hinterbliebenen der zahllosen Opfer steht.

Immer wieder kehrt Soderbergh zwar zu Mitch Emhoff zurück, spannt aber von diesem privaten Schicksal die Fäden in die unterschiedlichsten Richtungen. Da arbeitet auf der einen Seite das amerikanische Zentrum für Seuchenbekämpfung und Vorbeugung (Centers for Disease Control and Prevention) fieberhaft daran den Code des ständig mutierenden Erregers zu entschlüsseln und einen Impfstoff zu entwickeln, andererseits schickt die WHO eine Epidemiologin (Marion Cotillard) nach Hongkong, um den Ursprung des Erregers zu finden. Ein Blogger (Jude Law) wiederum kritisiert die Maßnahmen der Regierung, glaubt, dass die Bevölkerung gezielt falsch informiert und auf ein billiges homöopathisches Heilmittel nicht hingewiesen wird, damit die Pharma-Industrie bald mit einem neuen Impfstoff große Profite machen könne. Auf den Straßen wiederum brechen Plünderungen aus, ein Kampf um Nahrungsmittel setzt ein, und in Südostasien fürchtet man bei der Verteilung des schließlich entwickelten Impfstoffes sowieso wieder von den Großmächten benachteiligt zu werden.

Nicht in die Tiefe will Soderbergh gehen, sondern ein breites und damit fast zwangsläufig auch oberflächliches Kaleidoskop entfalten, das die unterschiedlichsten Aspekte und Folgen einer die ganze Welt erfassenden Paranoia vermittelt. Eindringlich zeigt er, wie in einer globalisierten Welt ein Händedruck in Asien eine weltweite Epidemie auslösen kann. In der Verschränkung der Schauplätze spiegelt sich meisterhaft die Vernetzung der heutigen Welt.

Für private Geschichten ist in diesem Film kaum mehr Platz. Nichts erfährt man über die Biographien der Figuren, nie wird psychologisiert oder Hintergründe erklärt. Außer bei Matt Damons Mitch ist die Charakterisierung aller Figuren weitgehend auf das Berufliche reduziert und die Szenen spielen nur an Arbeitsplätzen oder im öffentlichen Raum.

Keinen unantastbaren, am Ende siegreichen Helden gibt es hier, auch die von Stars gespielten Figuren kann die Seuche befallen und das Leben kosten. Und auch am Ende ist nicht wirklich klar, ob man die Gefahr wirklich in den Griff bekommen hat. – Und wenn, dann bleibt doch offen - auch diese Frage spricht der Film an -, ob der neue Impfstoff nicht verheerende Langzeitfolgen für die Geimpften oder deren Nachkommen bringen wird.

Kühl und sachlich ist dieser um Realismus bemühte Thriller inszeniert. Soderbergh, der wie gewohnt unter dem Pseudonym Peter Andrews auch die Kamera führte, drosselt Identifikation und Emotionalisierung durch den Verzicht auf eine den Film tragende Hauptfigur, erzeugt aber Drive und Spannung durch Cliff Martinez´ treibende Musik, dynamischen Schnitt sowie quasidokumentarische Bilder von Straßenzügen, die von Plünderern verwüstet wurden, oder von leeren Flugzeughallen. In dieser Nüchternheit und im multiperspekivischen und globalen Ansatz hebt sich "Contagion" deutlich von üblichen Katastrophenfilmen ab. Leicht könnte man da den Überblick verlieren, doch Soderbergh hält souverän alle Handlungsfäden und Aspekte zusammen und man spürt förmlich die Lust, die es ihm bereitet die Puzzleteile zu organisieren und zu einem Ganzen zu fügen. – Ein ebenso kluger wie mitreißender Film ist so entstanden, auch wenn man die (pseudo)wissenschaftlichen Ausführungen etwas knapper hätte halten können.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu "Contagion"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



Ähnliche Beiträge


Zwischen Mainstream und Experiment: Steven Soderbergh Mo, 24.10.2011

17780-17780contagionposter08.jpg