17. Januar 2012 - 3:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Nur zwei Jahre nach Niels Arden Oplevs Verfilmung des ersten Teils von Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie legt David Fincher ein starbesetztes amerikanisches Remake vor. Inhaltlich gleichen sich die Filme beinahe wie ein Ei dem anderen, was Ausstattung, Regie, Kamera und Schauspieler betrifft übertrifft das hochbudgetierte Remake das starke Original aber.

Wie gewohnt furios bei einem Film von David Fincher ist der stilisierte Vorspann bei dem zu einer Cover-Version von Led Zeppelins "Immigrant Song" Flüssigkeiten zu Gesichtern verschmelzen. So aufregend dieses Kabinettstückchen des ehemaligen Videoclipregisseurs ist, so wenig Neues bringen die folgenden 150 Minuten im Vergleich zu Niels Arden Oplevs Erstverfilmung von Larssons Bestseller.

Ein Fincher-Stoff par excellence ist diese Vorlage mit einem Serienkiller mit Hang zu bestialischen Morden zwar, doch hat diesen Stoff eben schon Oplev im Stil eines David Fincher inszeniert. Straffer und eleganter ist zwar die Inszenierung des Amerikaners, cool beweist er immer wieder, wie souverän er es versteht in Bildern zu erzählen und Spannung zu erzeugen, doch neuen Ansatz findet man hier keinen. Vielmehr wirkt "Verblendung" wie ein Remix aus Motiven früherer Fincher-Filme. Wie in Zodiac wird nebenbei angeschnitten, dass Polizisten an ungelösten Fällen zerbrechen, wie in "Se7en" geht es um bestialische Morde und an "The Social Network" wird mit dem Einsatz des Internets zur Lösung des Falls angeknüpft.

Brillant evoziert Jeff Cronenweths Kamera in kalten Winterbildern Nordschwedens ein Klima auch emotionaler Kälte und Verlorenheit, dem nur wenige in warme Farben getauchte Innenszenen gegenübergestellt wird, meisterhaft ist das Sound Design, in dem die Musik (Trent Reznor und Atticus Ross) und Geräusche ineinander fließen. Nichts zu kritisieren gibt es auch an der Besetzung. Bond-Darsteller Daniel Craig spielt den Journalisten Blomkvist so zurückhaltend, dass die Figur fast etwas blass bleibt, Christopher Plummer strahlt als alter Patriarch des Industrieunternehmens Vanger, der nicht viel von seiner Familie hält, Wärme aus und wirkt damit in diesem kalten Film wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Stellan Skarsgård wiederum drückt den Szenen, in denen er auftritt, allein schon mit seiner physischen Präsenz den Stempel auf. Kraftzentrum und Herz von "Verblendung" ist aber, wie schon im Original, die Hackerin Lisbeth Salander. Verletzlicher und damit auch zugänglicher als Noomi Rapace spielt die zierliche Rooney Mara diese vielfach gepiercte Punk-Rockerin.

Eine zweifelsohne hochprofessionelle Produktion ist das, doch ein Rätsel bleibt, was Fincher an dieser Neuverfilmung interessiert hat. Einen kühlen Inszenierungsstil ist man von ihm gewohnt, verstärkt wird der Eindruck der Kälte hier noch durch ein Umfeld, zu dem er sichtlich keinen Bezug hat. Immer waren Finchers Filme bislang auch Kommentare zur amerikanischen Gesellschaft, erstmals hat er aber nun - statt die Handlung in einen amerikanischen Kontext zu verlegen - in Schweden gedreht.

Die Frage nach wirtschaftlicher Macht und Aufgabe des Journalismus interessieren ihn so wenig wie die Rolle des Nationalsozialismus und Rechtsextremismus in Schweden. Er konzentriert sich darauf die reichlich konstruierte Kriminalgeschichte filmisch packend zu erzählen. Statt sich beim Publikum mit selbstzweckhaften spektakulären Actionszenen anzubiedern setzt er auf klassisches Storytelling und auf seine Protagonisten, spart aber auch drastische Gewalt- sowie Sexszenen nicht aus.

Das Überraschende und Verstörende oder die Verdichtung von Momenten, die bisherige Fincher-Filme immer wieder auszeichnete, sucht man hier aber vergebens. Der Amerikaner folgt nicht nur der Erstverfilmung zu reibungslos, um ganz überzeugen zu können, sondern kommt letztlich auch nie über den Krimiplot hinaus, bleibt ganz auf der Ebene der Story ohne dahinter liegende grundsätzliche Themen offen zu legen. Wäre "Verblendung" der Film eines anderen Regisseurs wäre man wohl begeistert, da er von Fincher ist, bleibt aber eine leichte Enttäuschung, denn von diesem Regisseur erwartet man mehr.

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Trailer zu "Verblendung - The Girl with the Dragon Tattoo"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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