11. Juni 2013 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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18 Jahre nach "Before Sunrise" und neun Jahre nach "Before Sunset" begleitet Richard Linklater nochmals Julie Delpy und Ethan Hawke durch einen Tag, lässt sie über die Liebe, das Leben und ihre Beziehung parlieren. Wie die ersten beiden Film bezaubert auch diese melancholische Reflexion über die Vergänglichkeit durch die Ungezwungenheit der Dialoge und die wunderbar aufeinander eingespielten Hauptdarsteller.

Zufällig trafen sich die Französin Celine (Julie Delpy) und der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) vor 18 Jahren auf einer Zugfahrt von Budapest nach Wien und schlenderten dann einen Nachmittag und eine Nacht lang durch die Donaumetropole. Neun Jahre später besuchte Celine in Paris eine Lesung Jesses und sie verbrachten den Nachmittag zusammen. Offen blieb, ob Jesse Frau und Familie in den USA verlässt und zu Celine zieht.

Wiederum neun Jahre später gibt Richard Linklater in "Before Midnight" nun preis, was sich aus dieser Begegnung ergab. Nach Wien und Paris spielt dieser dritte Film auf dem Peloponnes. Kurz wird einmal die griechische Krise angesprochen, doch die Stimmung des Films bestimmen die Farben und das warme Licht des südländischen Sommers.

Wie bei den ersten beiden Filmen beschränkt sich Linklater auch hier auf einen Nachmittag und einen Abend, erzählt, gegliedert in fünf Szenen, fast in Echtzeit. Keine große dramatische Handlung wird aufgebaut, das Bild spielt eine untergeordnete Rolle, den filmischen Raum überlässt der Regisseur den beiden Hauptdarstellerin, die zusammen mit ihm auch das Drehbuch entwickelten.

Am kleinen Flughafen von Kalamata verabschiedet sich Jesse von seinem 14-jährigen Sohn Hank (Seamus Davey Fitzpatrick), der zu seiner Mutter in die USA zurückkehrt. In langen Einstellungen folgt Linklater ihnen durch die Abflughalle, beschränkt sich darauf ihre scheinbar so natürlichen und in Wirklichkeit doch einstudierten Gespräche einzufangen.

Wunderbar setzt nach diesem Abschied die Musik ein und die Kamera folgt Jesse auf den Vorplatz, wo vor einem Kleinwagen Celine telefonierend wartet. Wenn der Kamerablick auf zwei blonde Mädchen – Zwillinge – fällt, die auf dem Rücksitz schlafen, ist klar, wie es vor neun Jahren in Paris weiterging, eine Rückblende ist hier nicht mehr nötig.

In der Südpeloponnes hat die Familie nun im Rahmen eines Studienaufenthalts Jesses bei einem Schriftsteller ihren Urlaub verbracht. Eine wunderbare Rolle ist dieser Gastgeber für den ehemaligen britischen Kameramann Walter Lassally, der seit Jahren auf Kreta lebt.

Die Autofahrt vom Flughafen zurück zum Urlaubsort filmt Linklater – fast schon im Stil eines Abbas Kiarostamie - ungeschnitten in einer wohl rund 15 Minuten langen Einstellung durch die Windschutzscheibe. Wunderbar aufeinander eingespielt sind Julie Delpy und Ethan Hawke, ansteckend wirkt die spürbare Empathie Linklaters, strahlt Wärme und Herzlichkeit aus, sodass allein dem Paar beim Gespräch zuzusehen großes Vergnügen bereitet.

Sichtbar wird aber auch, dass sich Celine und Jesse zwar immer noch lieben, aber auch Routine in ihre Beziehung gekommen ist, unterschiedliche Sehnsüchte eine Belastung darstellen. Denn während er seinen Sohn vermisst und gerne in die USA ziehen will, um ihm näher zu sein, schließt Celine dies kategorisch aus.

Die Meinungsunterschiede, die bei der Autofahrt spürbar werden, treten beim Abendessen mit Freuden zwar wieder in den Hintergrund, gleichwohl wird allgemein die Frage nach der Beständigkeit von Beziehungen und der Vergänglichkeit des Lebens aufgeworfen. Eine Parallele zur ersten Begegnung von Jesse und Celine kann man hier in einem jugendlichen Paar sehen, gleichzeitig spiegelt sich auch in antiken Ruinen mehrfach das Motiv der Vergänglichkeit.

Zum Abschluss ihres Urlaubs haben die Freunde dem Paar eine Hotelnacht geschenkt, die sie ohne ihre Kinder genießen sollen. Wunderbar filmt Linklater ihren langen Nachmittagsspaziergang durch antike Ruinen zu diesem Hotel. Ihre Beziehung lassen sie Revue passieren und auch hier weckt Celines Erinnerung an Roberto Rossellinis "Viaggio in Italia", in dem es um Paar geht, das sich entfremdet hat, eine melancholische Stimmung der Endlichkeit von Beziehungen und im Sonnenuntergang wird wieder auf die Vergänglichkeit angespielt.

Fast aus dem Nichts heraus schaukelt sich im Hotelzimmer schließlich ein Streit hoch, bei dem sich Celine und Jesse gegenseitig heftige Vorwürfe machen, bis doch ein versöhnliches, aber offenes Ende folgt.

An Eric Rohmer, der zu den Vorbildern Linklaters zählt, erinnert die "Before"-Trilogie in der Leichtigkeit und Ehrlichkeit, wie hier geredet wird, an Francois Truffauts "Antoine Doinel"-Zyklus wiederum die Langzeitschilderung von zwei Menschen. Ums Altern geht es hier freilich schon aufgrund des langen Zeitraums, der zwischen "Before Sunrise" und "Before Midnight" liegt - aber nicht nur um das Altern der Protagonisten, sondern auch um das des Zuschauers, der in den 18 Jahren freilich auch selbst viel erlebt, sich verändert hat.

An die Stelle der jugendlichen Romantik von "Before Sunrise" ist ein nüchternerer Blick aufs Leben getreten. "Das Leben ist nicht perfekt, aber es ist echt", ist ein zentraler Satz Jesses. Nicht mehr so frei können die beiden agieren, sondern die alltäglichen Aufgaben wie Kindererziehung und Job bestimmen ihr Leben. Soll die Beziehung halten, müssen auch eigene Sehnsüchte und Träume zurückgestellt werden. Differenziert deckt Linklater auf, wie sich das Paar aneinander reibt, lässt offen, ob die Liebe oder der Wunsch sich selbst zu verwirklichen größer ist. Vielleicht gibt ja in neun Jahren ein weiterer Film darüber Aufschluss.

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Trailer zu "Before Midnight"

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