15. Juli 2014 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Oskar ist hochbegabt, Rico genau das Gegenteil. Weil beide Außenseiter sind freunden sie sich an – und dann gibt es da noch den geheimnisvollen Kindesentführer "Mister 2000". – Mit vorzüglicher Besetzung, Liebe zum Detail sowie schwung- und fantasievoller Inszenierung gelang Neele Leana Vollmar eine äußerst gelungene und runde Adaption von Andreas Steinhöfels preisgekröntem Kinderbuch.

Wenn es hochbegabte Menschen gibt, muss es auch tiefbegabte geben. Der etwa zehnjährige Rico (Anton Petzold) gehört zu letzteren, findet ohne rotes Tuch an der Ampel nicht einmal den Weg vom Supermarkt zurück zur Wohnung, weil er sich nichts merken kann. Seit dem Tod seines italienischen Vaters wohnt er mit seiner Mutter (Karoline Herfurth) in einem Mietshaus in Berlin-Kreuzberg.

Weil die Mutter in einem Nachtclub arbeitet – allerdings nicht im horizontalen Gewerbe, sondern hinter der Theke – und sie tagsüber schlafen muss, ist Rico oft allein. Von den Gleichaltrigen wird er nur verlacht und gemobbt, doch dann trifft er auf der Straße Oskar (Juri Winkler). Ihn macht seine außergewöhnliche Intelligenz zum Außenseiter und auch er hat im Grunde keine Familie, denn die Mutter hat schon längst das Weite gesucht und der Vater hat nie Zeit für ihn.

Gegenpol zu Rico ist er aber auch dadurch, dass Oskar äußerst ängstlich ist und stets einen Helm trägt, weil er ja weiß, wie viele Unfälle im Alltag passieren. Seine Stimmung ist deshalb auch immer eher mies, während Rico locker und fröhlich in den Tag hinein lebt. – Ein unübersehbarer Seitenhieb gegen das Elitedenken unserer Gesellschaft. Mit diesem brechen Vorlage und Film auch dadurch, dass nicht der hochbegabte Oskar, sondern Rico im Mittelpunkt steht. Aus seiner Perspektive wird erzählt, er ist die Triebfeder der Handlung.

Weil sich Gegensätze anziehen und beide keine Freunde haben, kommen sie sich näher. Doch dann verschwindet Oskar und Rico macht sich auf die Suche nach dem Kindesentführer "Mister 2000", der schon mehrfach in Berlin zugeschlagen hat…

Schon der Vorspann stimmt darauf ein, mit wie viel Witz und Einfallsreichtum man diese Story inszenieren kann. Da gehen Animationen in Realfilm über, die Namen der Schauspieler werden als Graffiti an Hauswänden eingeblendet und die Sportfreunde Stiller sorgen mit dem Song "Mein Kopf spielt Bingo" für Stimmung.

Wie schon in ihrem Debüt "Maria, ihm schmeckts nicht!" beweist Nelle Leana Vollmar auch hier ihr Gespür für Typen- und Milieuzeichnung. Knapp, aber einprägsam skizziert werden Ricos familiären Verhältnisse, vorzüglich besetzt und lustvoll gespielt sind nicht nur die beiden jugendlichen, facettenreich gezeichneten Hauptrollen (Anton Petzold und Juri Winkler), sondern auch Ricos Mutter (Karoline Herfurth) und die anderen schillernden Bewohner des Wohnblocks vom unhygienischen Kinderhasser (Milan Peschel) über den undurchschaubaren Schlüsseldienstmann (Axel Prahl) und den gestylten jungen Geschäftsmann (David Kross) bis zum sympathischen neuen Mieter (Ronald Zehrfeld), den Rico gerne mit seiner Mutter verkuppeln möchte.

Und auch die Inszenierung vermag rundum zu überzeugen. Nicht bieder wird hier eine Geschichte erzählt, sondern spielerisch leicht werden immer wieder kurze Rückblenden und liebevolle Animationen zur Erklärung eingestreut oder Szenen durch Zeitraffer beschleunigt, wodurch die im Grunde einfache, aber durchgängig schwungvoll erzählte Geschichte ebenso wie durch den flotten Soundtrack Pep bekommt.

Eine kleine Szene wie der Kauf einer Tüte Eis kann da zu einem großen Moment werden, wenn zunächst der tiefbegabte Rico Probleme beim Bestellen hat, während dann der hochbegabte Oskar wiederum mit seinen Sonderwünschen eine hinreißende Anke Engelke als grantige Verkäuferin vor Probleme stellt.

Viel Zeit lässt sich Vollmar für die Charakterisierung Ricos und die Entwicklung seiner Freundschaft zu Oskar, Witz und einfallsreiche Inszenierung sowie Liebe zu Details lassen aber nie Langeweile aufkommen. Erst mit dem Verschwinden Oskars tritt die äußere Handlung in den Vordergrund und bruchlos wandelt sich "Rico, Oskar und die Tieferschatten" zu einem spannenden (Kinder)Krimi. Doch auch dabei steht der weniger Begabte im Mittelpunkt - und wie er über sich hinauswächst.

Dass diese Verfilmung so überzeugt, liegt zu einem großen Teil aber auch daran, dass Vollmar einerseits ganz auf Augenhöhe der Kinder und andererseits in einem realistischen Umfeld bleibt: Etwas schräg, aber gerade deswegen sympathisch sind die Protagonisten und die Handlung entwickelt sich ganz aus dem Alltäglichen heraus. - Weil die Kinder hier ernst genommen werden, kann man auch als Erwachsener bei diesem ausgesprochen runden Film mitgehen und an ihm Spaß haben. – Zu hoffen bleibt, dass die Fortsetzung, die im Nachspann für Sommer 2015 angekündigt wird, das Niveau dieses Films halten kann.

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Trailer zu "Rico, Oskar und die Tieferschatten"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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