Di, 23.09.2014 / Walter Gasperi / Filmriss
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Anne Fontaine spielt in ihrer Verfilmung von Posy Simmonds Graphic Novel komödiantisch mit Gustave Flauberts Klassiker "Madame Bovary". – Fabrice Luchini und Ex-Bond-Girl Gemma Arterton brillieren in der hervorragend fotografierten und leichthändig inszenierten Reflexion über Voyeurismus und die Wirkung der Frauen auf Männer.

2010 verfilmte Stephen Frears mit "Tamara Drewe – Immer Drama um Tamara" eine Graphic Novel von Posy Simmonds, in der die Britin Thomas Hardys Roman "Far from the Madding Crowd" in die Gegenwart verlegte. In gleicher Weise adaptierte Simmonds schon 1999, acht Jahre vor "Tamara Drewe", Gustave Flauberts 1856 erschienenen Roman "Madame Bovary".

Der unter anderem von Jean Renoir (1934), Gerhard Lamprecht (1937), Vincente Minnelli (1949) und Claude Chabrol (1991) verfilmte Klassiker über eine Frau, die aus ihrem langweiligen Leben ausbricht, sich Liebhaber nimmt und mit ihrer Verschwendungssucht ihren Mann in den finanziellen Ruin treibt, bis sie schließlich Selbstmord begeht, verlegt Simmonds nicht nur in die Gegenwart, sondern spielt – wie auch in "Tamara Drewe" - explizit mit der Vorlage.

Erzählt wird aus der Perspektive des Mittfünfzigers Martin Joubert (Fabrice Luchini). Nach wenig erfolgreicher Tätigkeit als Lektor in Paris hat sich der literaturbegeisterte Mann vor sieben Jahren mit Frau und Sohn in die ein Dorf in der Normandie zurückgezogen, um die väterliche Bäckerei zu übernehmen.

"Madame Bovary" ist sein absoluter Lieblingsroman und als eine hübsche Britin Namens Gemma Bovery (Gemma Arterton) und ihr Mann Charlie (Jason Flemyng) in der Nachbarschaft einziehen, stellt er nicht nur aufgrund ihres Vornamens, der ihn an Emma Bovary erinnert, sondern bald auch aufgrund der Vorgänge Bezüge zum Klassiker her und unternimmt alles, dass sich das tragische Ende des Romans nicht wiederholt.

Dass der Film aber, abgesehen von einem witzigen Epilog, mit Gemmas Tod endet, macht schon die retrospektive Erzählweise klar: Vom Ende her rekonstruiert Joubert bei der Lektüre von Gemmas Tagebücher, die er ihrem Mann gestohlen hat, die vergangenen Ereignisse.

Von der ersten Begegnung an war der Bäcker von Gemma fasziniert, begann sie zu beobachten, wurde Zeuge, wie sie eine Affäre mit dem jungen Adeligen Hervé begann und später ihrem britischen Ex-Lover Patrick wieder begegnete, und greift auch selbst ein, um der Handlung eine andere Richtung als in dem von ihm so geliebten Klassiker zu geben.

Zufall ist wohl, dass Hauptfigur und Hauptdarstellerin den gleichen Vornamen tragen, weniger Zufall dagegen, dass wie in "Tamara Drewe" auch hier Gemma Arterton die Frau spielt, die männliche Begierden weckt. Während die einen, aber auch Gemma, den physischen Kontakt suchen, bleibt der schüchterne Joubert, dessen Ehe ziemlich erkaltet ist, stiller, aber im Innern begehrender Voyeur.

Raffiniert spielt Fontaine so beiläufig einerseits mit Voyeurismus, indem sie den Kinozuschauer die Aktionen Jouberts so verfolgen lässt, wie er Gemma verfolgt. Andererseits reflektiert die 55-jährige Regisseurin locker und leicht über die Wirkung von Frauen auf Männer sowie über den männlichen Blick auf Frauen. Perfekt eignet sich dabei freilich das Ex-Bond-Girl Arterton als erotisch aufgeladene Projektionsfläche und bringt wie in "Tamara Drewe" zwar nicht eine ganze vermeintlich heile Welt, aber zumindest die Männer in Aufregung.

Gemeinsam ist beiden Filmen auch, dass sie in der Provinz spielen, "Tamara Drewe" im englischen Dorset, "Gemma Bovery" in der Normandie, deren Idylle Kameramann Christophe Beaucarne hier mit sommerlich warmen Farben und lichtdurchfluteten, hellen Bildern beschwört. Leichtigkeit gewinnt diese Komödie aber auch durch das sichtlich lustvolle Spiel von Luchini und Arterton und trefflich besetzte Nebenrollen.

Recht überzeugend ist hier für einmal auch die deutsche Synchronisation, in der die Zweisprachigkeit und der Akzent der Briten beibehalten und die wenigen englischen Passagen deutsch untertitelt wurden.

Gekonnt gelingt es Fontaine auch das tragische Ende durch die verspielte Inszenierung mit komödiantischen Akzenten zu entschärfen und setzt in einem Epilog auch geschickt einen Schlusspunkt, mit dem die Geschichte mit veränderten Vorzeichen scheinbar neu beginnt. – Das ist sicher kein großer Film, aber auf jeden Fall charmante, gefühlvolle und luftig-leichte Unterhaltung.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und im Kinok in St. Gallen

Trailer zu "Gemma Bovery"

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